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Belgien mit schlechtester PFAS-Bilanz Europas: Verstoß gegen Menschenrechte?

Probenfläschchen mit sogenannten Ewigkeitschemikalien PFAS stehen am zehnten April 2024 in einem Tablett im Labor der US-Umweltbehörde in Cincinnati.
Probenfläschchen mit Ewigkeitschemikalien PFAS stehen am zehnten April 2024 in einem Tablett im Labor der US-Umweltbehörde in Cincinnati. Copyright  AP Photo/Joshua A. Bickel, File
Copyright AP Photo/Joshua A. Bickel, File
Von Alice Carnevali
Zuerst veröffentlicht am Zuletzt aktualisiert
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Die Umweltorganisation ClientEarth wirft den belgischen Behörden vor, trotz seit Jahren bekannter hoher Werte nicht zu handeln.

Juristinnen und Juristen haben Beschwerde gegen Belgien eingelegt, weil der Staat seine Bürgerinnen und Bürger nicht ausreichend vor den erheblichen Gesundheitsrisiken durch sogenannte Ewigkeitschemikalien schützt.

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Die Umweltorganisation ClientEarth hat beim Europäischen Ausschuss für Soziale Rechte (ECSR) eine Menschenrechtsbeschwerde eingereicht. Belgien weist laut Messungen die höchsten Werte von Ewigkeitschemikalien (PFAS) in ganz Europa auf.

„Wir sehen nicht nur eine seit Langem anhaltende Verseuchung. Die Behörden verfügten seit Jahren, wenn nicht Jahrzehnten, über Informationen dazu, und dennoch ist kaum etwas passiert“, sagt die Umweltjuristin Hélène Duguy von ClientEarth.

ClientEarth ist dafür bekannt, Regierungen und Unternehmen wegen Umweltverstößen vor Gericht zu bringen. Jetzt wendet sich die Organisation erstmals an den ECSR, das Kontrollgremium des Europarats, das prüft, ob die Mitgliedstaaten die Europäische Sozialcharta einhalten. „Wir haben dieses Gremium gewählt, weil es sehr weitreichende Durchsetzungsmöglichkeiten hat“, sagt Duguy im Gespräch mit Euronews Earth.

Belgien: größter PFAS-Hotspot Europas

PFAS, auch bekannt als Ewigkeitschemikalien, sind eine Gruppe von mehr als 10.000 vom Menschen hergestellten Chemikalien. Die Industrie nutzt sie wegen ihrer wasser-, schmutz- und fettabweisenden Eigenschaften. Sie finden sich etwa in Pizza-Schachteln, beschichteten Pfannen, Menstruationsprodukten und Outdoor-Bekleidung.

Die Stoffe stehen mit zahlreichen Gesundheitsrisiken in Verbindung, etwa bestimmten Krebsarten, Stoffwechselkrankheiten und Problemen bei der Fruchtbarkeit.

Belgien verzeichnet laut dem Forever Pollution Project (Quelle auf Englisch), das Daten gesammelt und PFAS-Belastungen europaweit kartiert hat, die stärkste PFAS-Verschmutzung des Kontinents.

Besonders betroffen sind in Belgien unter anderem Zwijndrecht, eine Stadt nahe Antwerpen, die wegen der Nähe zum 3M-Werk stark belastet ist, und Chièvres an der französischen Grenze, wo die Verunreinigung mit einem nahe gelegenen Luftwaffenstützpunkt in Verbindung gebracht wird. Die Karte zeigt außerdem, dass auch Brüssel deutlich belastet ist, vor allem in den Gebieten rund um Anderlecht und Uccle.

Die Beschwerde von ClientEarth stützt sich auf Beispiele wie Zwijndrecht. Dort wussten die zuständigen Behörden Jahre vor dem Auffliegen des Skandals im Jahr 2021 über das PFAS-Problem Bescheid.

Mitglieder der flämischen Regierung, darunter Bart De Wever, damals Bürgermeister von Antwerpen und heute Premierminister Belgiens, wurden bereits 2017 über die Kontamination informiert, unternahmen aber nichts.

Schon Anfang der 2000er-Jahre sprachen 3M und flämische Behörden über PFAS-Belastungen in der Umgebung des Werks, unterschätzten aber das Ausmaß des Problems.

Welche Gesundheitsrisiken bergen Ewigkeitschemikalien?

PFAS stehen mit mehreren Erkrankungen in Verbindung. Im Jahr 2023 stufte die Weltgesundheitsorganisation (Quelle auf Englisch) Perfluoroktansäure (PFOA) als krebserregend für den Menschen ein und Perfluoroktansulfonsäure (PFOS) als möglicherweise krebserregend.

Diese beiden PFAS sind in der EU verboten. Weil sie sich jedoch erst nach Hunderten von Jahren abbauen, sind sie weiterhin im Boden, im Wasser und im Blut von Menschen in vielen belasteten Regionen Europas nachweisbar.

Krebs ist nicht das einzige Gesundheitsrisiko, das mit PFAS verbunden wird. „Diese Verbindungen stehen auch mit verschiedenen Stoffwechselkrankheiten in Zusammenhang, etwa Diabetes, verringerter Fruchtbarkeit und Fettleibigkeit“, sagt Philippe Grandjean, Professor für Umweltmedizin am Nationalen Institut für öffentliche Gesundheit in Kopenhagen, gegenüber Euronews Earth.

Grandjean betont, dass PFAS nicht nur die Menschen gefährden, die ihnen heute ausgesetzt sind, sondern auch kommende Generationen.

„PFAS beeinträchtigen die Qualität des Spermas und erhöhen damit das Risiko von Unfruchtbarkeit oder Fehlgeburten“, erklärt er. „PFAS passieren die Plazenta, die Mutter teilt also ihre PFAS-Belastung mit dem Fötus. Und drittens werden PFAS über die Muttermilch ausgeschieden“, fügt er hinzu.

All diese Gesundheitsrisiken sollten nach Ansicht Grandjeans ein starker Anreiz für Regierungen sein, mehr in Vorsorge und Prävention zu investieren.

Wie PFAS zu einem Menschenrechtsthema wurden

Es ist nicht das erste Mal, dass PFAS-Verschmutzung mit Menschenrechtsverletzungen in Verbindung gebracht wird. Im Jahr 2024 erklärten UN-Expertinnen und -Experten die PFAS-Belastung durch DuPont und Chemours im US-Bundesstaat North Carolina zu einem Menschenrechtsthema.

Rechtliche Schritte gegen PFAS-Verschmutzung laufen in ganz Europa. Umweltorganisationen und Anwohnerinnen und Anwohner verklagten im Mai 2026 Frankreich, weil das Land die PFAS-Belastung nicht ausreichend eindämmt. Mit einer Entscheidung wird 2027 gerechnet.

„Wir wollen eine Beschwerde, die diese europäischen Verfahren stützt und ergänzt“, erklärt Duguy.

„PFAS sind nicht nur ein Umweltthema, sondern betreffen direkt die Menschen. Regierungen und Behörden haben die Pflicht, diese Rechte zu schützen“, sagt sie weiter.

Laut ClientEarth wird der ECSR voraussichtlich 2027 über die Zulässigkeit der Beschwerde entscheiden. Eine endgültige Entscheidung erwarten die Juristinnen und Juristen in zwei bis drei Jahren.

Mit der Beschwerde will ClientEarth konkrete Änderungen in der belgischen PFAS-Regulierung erreichen.

Die Organisation fordert unter anderem, dass Belgien alle Ewigkeitschemikalien verbietet und konkrete Lösungen für betroffene Gemeinden bereitstellt. „Dazu gehört zum Beispiel ein systematisches Biomonitoring der Bevölkerung, insbesondere von besonders verletzlichen Gruppen wie Kindern oder schwangeren Frauen. Und es geht darum, endlich mit Sanierung und Dekontaminierung zu beginnen – Bereiche, in denen Belgien bislang nur sehr langsam vorankommt“, sagt Duguy gegenüber Euronews Earth.

Die Beseitigung von PFAS ist jedoch äußerst komplex. Einer Studie (Quelle auf Englisch), die am Montag, dem sechsten Juli, in der Fachzeitschrift „Environmental Science: Processes and Impacts“ erschienen ist, zufolge würden selbst jährliche Investitionen von 100 Milliarden Euro in Sanierung nur einen kleinen Teil der Ewigkeitschemikalien aus der Umwelt entfernen.

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