Newsletter Newsletters Events Veranstaltungen Podcasts Videos Africanews
Loader
Finden Sie uns
Werbung

Zwangsheirat statt Ferien - wenn Kinder nicht zurückkehren

Eine Zwangsverheiratung ist eine schwere Menschenrechtsverletzung und seit 2011 ein eigener Straftatbestand in Deutschland.
Eine Zwangsverheiratung ist eine schwere Menschenrechtsverletzung und seit 2011 ein eigener Straftatbestand in Deutschland. Copyright  MICHELLE KELSO/AP2003
Copyright MICHELLE KELSO/AP2003
Von Margitta Kirstaedter
Zuerst veröffentlicht am Zuletzt aktualisiert
Teilen Kommentare Euronews bei Google hinzufügen
Teilen Close Button

Zum Ferienbeginn schlagen Behörden und Frauenrechtsorganisationen Alarm: Für etliche Mädchen – und auch manche Jungen – ist der Abflug nicht der Start in den ersehnten Urlaub, sondern der Weg in eine Zwangsehe. Ob sie nach Deutschland zurückkehren, ist ungewiss.

Ferienbeginn, Abflug in die Sommerferien - und dann im Herkunftsland der Eltern an einen wildfremden Mann verheiratet. Oder an eine wildfremde Frau. Weil die Familie es so will. Die Zwangsheirat wird häufig auch mit Schlägen durchgesetzt - in vielen Fällen ein Vorgeschmack auf die häusliche Gewalt, die in der Zwangsehe danach folgt. Und für die zwangsverheirateten Minderjährigen ist es dann oft vorbei mit der Schule in Deutschland, nach den Ferien bleibt der Platz im Klassenraum verwaist.

WERBUNG
WERBUNG

Warnungen und Hilfsangebote seit mehreren Jahren in Deutschland

Schon seit geraumen Jahren warnen zu Beginn der Sommerferien Behörden, Experten und Menschenrechtsorganisationen in Deutschland vor Zwangsverheiratungen von Jugendlichen während der Ferien, in den überwiegenden Fällen im Ausland, in den Herkunftsländern der Familien. Viele Hilfsangebote wurden inzwischen von Behörden und Vereinen eingerichtet.

Die Frauenrechtsorganisation "Terre des Femmes" beispielsweise führte in diesem Juni schon die fünfte "Weiße Woche" in Zusammenarbeit mit der Polizei durch, eine Aktionswoche in Anspielung auf das weiße Hochzeitskleid. Manche Jugendlichen argwöhnen schon vorher, was ihnen in den Ferien droht, Angst und Unsicherheit stehen nach Erfahrung von Terre des Femmes vor dem Ferienbeginn - statt Freude über die ersehnte Sommerpause und "einfach mal chillen". Wer kann, sollte gar nicht erst ins Flugzeug steigen.

Weil die Jugendlichen meist gar nicht wissen, welche Rechte sie haben und wo sie Hilfe finden können, bevor es zu spät ist, informiert Terre des Femmes direkt in der Schule kurz vor Ferienbeginn gemeinsam mit Polizei, Lehrkräften und Schulsozialarbeitern über die Risiken von Zwangsverheiratungen, rechtliche Möglichkeiten und Hilfsangebote. Wichtig ist auch, dass sich Nachbarn oder Freunde, die einen Verdacht hegen, schnell an eine Beratungsstelle wenden, aber nicht überstürzt eingreifen und damit möglicherweise die Betroffene oder den Betroffenen gefährden.

Zwang und Gewalt: Betroffene wagen nicht, sich von der Familie zu trennen

Warnsignale würde das Umfeld - Freunde, Lehrkräfte - meist bemerken, erläutert die Frauenrechtlerin Seyran Ateş, die ihre Anwaltstätigkeit wegen Morddrohungen zurzeit nicht ausübt, Betroffene aber auf anderem Weg betreut: Die Kinder würden ruhiger und stiller werden oder auch Andeutungen machen, und wenn sie nach den Ferien zwangsverheiratet zurück in die Schule kämen, seien sie erkennbar depressiv.

Viele von ihnen würden sich nicht trauen, ihren Fall offenzulegen und Hilfe zu suchen, denn es seien oft Minderjährige, die den Konflikt mit den Eltern und die Konsequenzen gar nicht tragen könnten. Sie müssten eine elementare Entscheidung treffen: die Trennung von der Familie. Und dafür bräuchten sie ein Hilfeteam, das sie durchgehend auffangen kann.

Zwangsehen seien auch nicht nur ein Problem in den Ferien, betont sie, sie würden auch das ganze Jahr über in Deutschland in Moscheen und Flüchtlingsunterkünften geschlossen. Sie erzählt von einer 14-Jährigen, die in einer Flüchtlingsunterkunft nach islamischen Regeln mit einem 18-Jährigen zwangsverheiratet wurde und, um das Ganze zu decken, aus ihrem Umfeld sogar für die Behörden ein Papier auf Deutsch ausgestellt bekam, dass es sich nicht um eine Ehe, sondern lediglich um eine Wohngemeinschaft handele.

"Cousine A oder Cousine B? Du hast keine Wahl"

Keinesfalls sind nur Mädchen und junge Frauen die Opfer. Ein 19-Jähriger, den Ateş betreute, wurde für die Ferien von den Eltern in die Türkei mitgenommen, erzählt sie, dort wollte man am Haus bauen. Nach zwei Wochen hätten sich Mutter und Tante mit ihm hingesetzt und ihn vor die Wahl gestellt, er müsse jetzt Cousine A oder Cousine B heiraten. Der junge Mann tat dies tatsächlich, weil er den Bruch mit der Familie scheute: "Du hast keine Chance, Du must Dich der Familie unterwerfen", habe er Ateş erklärt. Nach der Scheidung eineinhalb Jahre später habe er wegen Morddrohungen sogar untertauchen müssen.

Als ebenfalls tragisches Beispiel nennt sie den Fall einer Mandantin, die später von einem deutschen Richter gefragt wurde, warum sie sich nicht gegen die Zwangsheirat gewehrt habe, sie sei doch schließlich in Deutschland und Gymnasiastin. Die Betroffenen seien in der Familie aber oft mit schlimmster häuslicher Gewalt und Todesdrohungen konfrontiert, hält Ateş dem entgegen, sie hätten gar keine andere Wahl.

Hohe Dunkelziffer und viele Hürden für Betroffene

Zwangsverheiratungen sind Menschenrechtsverletzungen und stehen in Deutschland unter Strafe. Über die Anzahl solcher Fälle gibt es in Deutschland wegen der hohen Dunkelziffer und der Scham vieler Betroffener, darüber zu sprechen, keine genauen Zahlen. Ateş spricht von einer "extremst hohen Dunkelziffer". Der Berliner Arbeitskreis gegen Zwangsverheiratung hatte mit dem Berliner Senat in einer Erhebung für 2022 allein für Berlin 496 Fälle von (drohender) Zwangsverheiratung ermittelt. Neben der Angst vor Racheakten tragen auch ein unsicherer Aufenthaltsstatus, fehlende Sprachkenntnisse, mangelndes Wissen über das geltende Recht in Deutschland oder fehlendes eigenes Einkommen dazu bei, dass die Betroffenen sich meist an niemanden um Hilfe wenden oder Schutz suchen, wie der Arbeitskreis erläutert.

Schule, soziales Umfeld, behandelnde Ärzte wie zum Beispiel Gynäkologen und schließlich auch Anwälte könnten auf Fälle aufmerksam werden, beschreibt Seyran Ateş die schwierige Ermittlungslage und rät zu noch mehr Aufklärung in Schulklassen und Medien. Außerdem müssten Hilfsangebote und Schutzeinrichtungen rund um die Uhr für die Opfer erreichbar sein, fordert sie, nicht nur während der Bürozeiten.

Rat und Hilfe gibt es unter anderen bei diesen Stellen:

Zu den Barrierefreiheitskürzeln springen
Teilen Kommentare Euronews bei Google hinzufügen

Zum selben Thema

Falsche Versprechen? 107 Femizide und Frankreichs Umgang mit Gewalt gegen Frauen

Wie ein 'Löffel in der Unterhose' gegen Zwangsheirat helfen soll

Erste Hilfe gegen Zwangsheirat: Das Schweigen brechen!