Zehn Jahre Reformen haben in Usbekistan Investitionen, Jobs und Finanzsystem verändert. Mit weiterem Wachstum prüfen Politik und internationale Organisationen, ob die Gewinne bei Unternehmen, Beschäftigten und Familien ankommen.
Neue Wirtschaftsdaten aus Usbekistan zeigen, dass die wichtigsten Branchen weiter wachsen. Die Regierung schaut jedoch nicht mehr nur auf das Bruttoinlandsprodukt. Sie will wissen, ob dieses Wachstum auch in mehr Investitionen, Jobs und höhere Haushaltseinkommen mündet. Die Industrie legte im ersten Halbjahr 2026 um acht Prozent zu, die Dienstleistungen um 16,9 Prozent, das Baugewerbe um 13,8 Prozent und die Landwirtschaft um 4,7 Prozent. Nach Angaben des Internationalen Währungsfonds (IWF) wuchs die reale Wirtschaftsleistung 2025 um 7,7 Prozent und beschleunigte sich im ersten Quartal 2026 auf 8,7 Prozent im Jahresvergleich.
Die Zahlen verdeutlichen zudem, wie stark sich das Land seit Beginn der Reformen im Jahr 2017 verändert hat. Im Vergleich zu 2016 ist das nominale BIP von rund 21 Milliarden Euro auf etwa 130 Milliarden Euro gestiegen. Die Ausfuhren nahmen von etwa 2,3 Milliarden Euro auf rund 28,5 Milliarden Euro zu. Zwischen 2018 und 2026 kletterte Usbekistan im Index of Economic Freedom um 66 Plätze.
Kapitalströme verändern sich
Ein besonders deutlicher Wandel zeigt sich bei den Kapitalquellen. Neben staatlichen Ausgaben spielen inzwischen private Unternehmen, ausländische Investoren und kleine Betriebe eine wachsende Rolle in der Wirtschaft.
Francis Malige, Managing Director und Leiter der Financial Institutions Business Group bei der Europäischen Bank für Wiederaufbau und Entwicklung (EBRD), sieht das Vertrauen der Investoren als Ergebnis mehrjähriger Reformen.
„Das Vertrauen in das Land speist sich aus mehreren Faktoren. Ausschlaggebend ist vor allem eine junge, wachsende Bevölkerung, viele Unternehmerinnen und Unternehmer und viel Dynamik. Die Reformen gehen in die richtige Richtung“, sagt Malige.
Nach Angaben des Ministeriums für Wirtschaft und Finanzen hat sich die Zahl der Unternehmen mit ausländischem Kapital in fünf Jahren mehr als verdoppelt: von rund 9.000 im Jahr 2020 auf fast 20.000 Mitte 2026. Investitionen kleiner Unternehmen stiegen von etwa 1,5 Milliarden Euro im Jahr 2016 auf rund 25,5 Milliarden Euro im Jahr 2025. Die Finanzierung von Start-ups erreichte im vergangenen Jahr mit 290 Millionen Euro einen Rekordwert.
Saidislom Saidkhonov, Abteilungsleiter im Ministerium für Wirtschaft und Finanzen, betont, dass die Wirtschaftsstruktur breiter geworden ist.
„Alle Sektoren in Usbekistan wachsen, angetrieben wird die Gesamtwirtschaft vor allem von Dienstleistungen und Bauwirtschaft. Die ausländischen Direktinvestitionen sind deutlich gestiegen. Sonderwirtschaftszonen, Technoparks und Industriecluster lenken privates Kapital verstärkt in die verarbeitende Industrie und die Agrarverarbeitung“, sagt er.
Nach Regierungsangaben wird auch der Unternehmergeist robuster. Mitte 2026 waren mehr als 1,24 Millionen Unternehmen in Usbekistan aktiv, rund 55.000 mehr als zu Jahresbeginn. Die Zahl der Exporteure stieg auf fast 6.000. Kleine Unternehmen stellten inzwischen mehr als 42 Prozent der Gesamtausfuhren.
Wachstum und Arbeitsmarkt
Wirtschaftswachstum führt nicht automatisch zu höheren Lebensstandards. Ein zweiter Schwerpunkt der jüngsten Reformen liegt deshalb auf Beschäftigung, der Formalisierung des Arbeitsmarktes und den Haushaltseinkommen.
Marat Jurajew, Erster stellvertretender Minister für Armutsbekämpfung und Beschäftigung, erklärt, Programme zur Eindämmung informeller Arbeit und zur Förderung von Unternehmertum sollten nicht nur mehr Jobs schaffen, sondern auch bessere.
„Wir setzen gemeinsam mit anderen Ministerien und Behörden gezielte Programme und Studien um, um die informelle Beschäftigung zu verringern. Mehr als neun Millionen Menschen konnten der Armut entkommen. Wir haben uns das ambitionierte Ziel gesetzt, absolute Armut in naher Zukunft zu beseitigen“, sagt er.
Aktuelle Regierungsdaten deuten auf eine allmähliche Verschiebung hin zu stabileren Unternehmen. Die Zahl der Firmen, die Körperschaftsteuer zahlen, steigt weiter. Mehr Unternehmen sind seit über zehn Jahren am Markt. Auch mittelgroße Betriebe mit elf bis 99 Beschäftigten wachsen, was darauf hindeutet, dass sich das Wachstum nicht mehr nur auf Kleinstunternehmen konzentriert.
Arbeitsmarktreformen zielen zudem darauf, mehr Menschen am Wirtschaftsleben zu beteiligen.
Akiko Fujii, Ständige Vertreterin des Entwicklungsprogramms der Vereinten Nationen (UNDP) in Usbekistan, sieht neue Chancen insbesondere für Frauen.
„Die Chancenlandschaft für Frauen hat sich durch gesetzliche Reformen und Programme zur Förderung von Unternehmertum in Usbekistan grundlegend verändert. Gleicher Lohn für gleichwertige Arbeit ist eingeführt worden, und Beschränkungen für die Beschäftigung von Frauen in mehreren Branchen wurden aufgehoben“, sagte sie gegenüber Euronews.
Finanzalltag im Wandel
Für viele Haushalte und Unternehmen zeigt sich der sichtbarste Effekt der Reformen im Finanzsystem.
Seit der Liberalisierung des Devisenmarktes im Jahr 2017 hat Usbekistan einen einheitlichen Wechselkurs eingeführt, die Konvertibilität der Währung ausgeweitet und schrittweise ein flexibleres Wechselkursregime aufgebaut. Der IWF stuft das Wechselkurssystem des Landes inzwischen als frei floatend ein.
Nach Angaben der Zentralbank stieg die Zahl der Unternehmen, die Devisengeschäfte abwickeln, von rund 29.000 im Jahr 2019 auf etwa 90.000 Ende 2025.
Fajoz Gafurov, Leiter der Abteilung Geldmarktoperationen, sieht darin ein Zeichen für einen reifer gewordenen Finanzmarkt. Seinen Angaben zufolge hat sich die Zahl der Unternehmen mit Devisentransaktionen mehr als verdreifacht. „Verbesserungen bei Marktinfrastruktur und Rahmenbedingungen für die Teilnehmer haben zu einem flexibleren Wechselkursumfeld beigetragen“, sagt Gafurov.
Die Finanzreformen haben auch das Zahlungsverhalten der Verbraucher verändert. Mobile Bankdienste, Bankkarten und QR-Code-Zahlungen verbreiten sich, weil die digitale Zahlungsinfrastruktur weiter wächst.
Dschamschid Usmanov, Direktor der Abteilung für die Entwicklung von Zahlungssystemen bei der Zentralbank, nennt die Einführung eines einheitlichen QR-Codesystems eines der Vorzeigeprojekte.
„Die Zentralbank setzt schrittweise Reformen zur Weiterentwicklung des Zahlungsökosystems um. Eines der Leitprojekte ist das universelle QR-Codesystem. Es ermöglicht, neue digitale Dienste effizient zu testen, schafft mehr Wettbewerb und verbessert die Angebote für die Bevölkerung“, sagte Usmanov gegenüber Euronews.
Während Usbekistan die nächste Wachstumsphase ansteuert, rückt damit die Frage in den Vordergrund, wie verlässlich die Reformen stärkere Unternehmen, bessere Arbeitsplätze und breitere wirtschaftliche Chancen hervorbringen.