Japan: Rendite zehnjähriger Staatsanleihe auf Höchststand seit 1996 – Wachstum der viertgrößten Volkswirtschaft der Welt im zweiten Quartal deutlich schwächer als erwartet
In Tokio prallten binnen weniger Stunden zwei zentrale Datenpunkte aufeinander.
Anleiheinvestoren trieben die Rendite der zehnjährigen Staatsanleihe Japans auf den höchsten Stand seit dreißig Jahren. Kurz darauf meldete die Regierung, dass das Wachstum nur etwa halb so stark ausfiel wie von Ökonomen erwartet. Zusammen zeigt beides, was Japans Märkte derzeit tatsächlich antreibt.
Die Wirtschaft wuchs im zweiten Quartal auf das Jahr hochgerechnet um 1,1 Prozent, wie Daten des Kabinettsbüros zeigen. Das liegt deutlich unter der Prognose von 2,0 Prozent und unter dem nach unten korrigierten Tempo von 1,9 Prozent im ersten Quartal.
Im Vergleich zum Vorquartal legte das Bruttoinlandsprodukt nur um 0,3 Prozent zu, erwartet worden waren 0,5 Prozent. Es war das dritte Wachstum in Folge. Die private Nachfrage stagnierte, die Unternehmensinvestitionen sanken um 1,2 Prozent. Die Nettoexporte, begünstigt durch den schwachen Yen, steuerten 0,5 Prozentpunkte zum Wachstum bei.
Die Rendite der zehnjährigen Staatsanleihe (JGB) erreichte im Tagesverlauf 2,93 Prozent, den höchsten Stand seit September 1996, und gab erst nach Veröffentlichung der BIP-Daten leicht nach.
Die Kombination aus schwachem Wachstum und steigenden Renditen zeigt, was den japanischen Anleihemarkt derzeit bewegt: nicht das Wachstum, sondern Inflation und Wechselkurs.
Der BIP-Deflator stieg im Jahresvergleich um 2,6 Prozent. Anleger rechnen zunehmend damit, dass die Bank von Japan ihren Leitzins, der mit derzeit einem Prozent bereits ein Dreißigjahreshoch markiert, spätestens im September weiter anhebt, um die Inflation zu dämpfen und den Yen zu stützen.
Tokio und Washington stützen Yen mit Milliardeneinsatz
Ende Juli fiel der Yen auf 163,73 je US-Dollar, den schwächsten Stand seit rund vier Jahrzehnten. Daraufhin griffen Japan und die USA mit der ersten gemeinsamen Währungsintervention seit 2011 ein.
Japan setzte nach Schätzung von Goldman Sachs allein in den ersten zwei Tagen rund 85 Milliarden Dollar ein, umgerechnet 73,3 Milliarden Euro. Die US-Intervention fiel deutlich kleiner aus.
Die Aktion brachte den Yen wieder auf rund 159 je US-Dollar zurück.
Zwischen den Zinsen in Japan und den USA klafft derzeit eine große Lücke. Der Leitzins der US-Notenbank liegt weiterhin zwischen 3,50 und 3,75 Prozent. Die Sitzung der Bank von Japan im September gilt als nächster Test, ob sich die Erholung des Yen behaupten kann.
Der japanische Anleihemarkt ist weit über Tokio hinaus wichtig, wegen des sogenannten Yen-Carry-Trades. Dabei leihen sich Investoren günstig Yen und investieren das Geld in höher verzinste Anlagen im Ausland, von US-Staatsanleihen bis zu Anleihen aus Schwellenländern.
Steigende Renditen in Japan verringern die Gewinnspanne dieses Geschäfts und können einen raschen Rückbau auslösen. Genau das geschah im August 2024: Eine Zinserhöhung der Bank von Japan zusammen mit schwachen US-Arbeitsmarktdaten ließ den Nikkei in einer einzigen Sitzung um mehr als zwölf Prozent abstürzen und drückte den S&P 500 um rund 3 Prozent.
Da die Renditen japanischer Staatsanleihen auf Dreißigjahreshochs liegen und weitere Straffungen erwartet werden, sehen Analysten die Voraussetzungen für einen ähnlichen Schock noch immer gegeben.