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„Albtraum unter Ätna: Leben im ständigen Ascheregen“

Flammen und Rauch steigen aus einem Krater an der Südseite des Vulkans Ätna auf und überragen in der Nacht zum Mittwoch die Stadt Pedara auf Sizilien, 24. Februar 2021.
Vom Südhang des Vulkans Ätna steigen Flammen und Rauch aus einem Krater und überragen in der Nacht zum Mittwoch die Stadt Pedara auf Sizilien, 24. Februar 2021. Copyright  AP Photo/Salvatore Allegra
Copyright AP Photo/Salvatore Allegra
Von Stefania D'Ignoti
Zuerst veröffentlicht am
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Leben am Ätna: Anwohner kämpfen mit Aschebergen, Gesundheitsrisiken steigen. Sucht Sizilien nun endlich nach langfristigen Lösungen?

Als Emilia Privitera im März 2021 unaufhörlich zu husten begann, dachte sie zunächst, sie habe sich erneut mit COVID-19 angesteckt. Der Test fiel jedoch negativ aus, also hielt sie es für eine einfache saisonale Allergie.

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„Doch der Husten hielt sich wochenlang, und meine Lunge machte beim Einatmen zwischen zwei Hustenanfällen ein seltsames Zischgeräusch“, erzählt sie Euronews Earth. „Also ging ich zu einem Facharzt. Er fand etwas, womit ich nie gerechnet hätte: fast unsichtbare Aschepartikel, die in meiner Lunge festsaßen.“

Privitera lebt in Nicolosi, einem Ort nahe der sizilianischen Großstadt Catania. Die Gemeinde liegt an den Hängen des Ätna, des höchsten und aktivsten Vulkans Europas. Bei jedem Ausbruch – und das passiert mehrmals im Jahr – kehren ihre Beschwerden zurück. Hunderten Bewohnerinnen und Bewohnern in der Region geht es ähnlich.

In den vergangenen Wochen hat eine intensive Ausbruchsserie den Ätna zurück in die internationalen Schlagzeilen gebracht: wegen seiner spektakulären Feuershow, aber auch, weil Hunderte Flüge eine Woche lang am Boden blieben.

Doch während Millionen Menschen diese Naturschauspiele bestaunen, denkt kaum jemand an jene, die mit den Folgen der ständigen Aschewolken leben müssen. In Phasen starker vulkanischer Aktivität regnet täglich Asche in einer Größenordnung von mehreren Tausend Tonnen herab und legt Städte in der gesamten Region unter einen grauen Schleier.

Die Eruptionsaktivität am Ätna hält an: Vom Mareneve bei Catania aus sind am 13. August 2026 weiterhin Lavaströme zu sehen, die die Hänge des Vulkans hinabfließen.
Die Eruptionsaktivität am Ätna hält an: Vom Mareneve bei Catania aus sind am 13. August 2026 weiterhin Lavaströme zu sehen, die die Hänge des Vulkans hinabfließen. AP Photo/Salvatore Allegra

Verborgene Gesundheitsfolgen der Vulkanasche

Vulkanasche besteht aus sehr feinen Partikeln aus Gestein, Mineralien und vulkanischem Glas. Sie kann sich leicht über Jahre auf Dächern und in schwer zugänglichen Ecken von Häusern und Straßen festsetzen.

Diese Asche wirkt als mineralstoffreicher Dünger, der die Bodendurchlässigkeit und die Wasserhaltefähigkeit der umliegenden Flächen verbessert. Zugleich birgt sie ein unterschätztes Gesundheitsrisiko – vor allem, wenn Partikel beim Aufwirbeln durch Wind oder Fahrzeuge erneut eingeatmet werden.

Eine Studie aus dem Jahr 2013 (Quelle auf Englisch) über die starken Ätna-Ausbrüche von 2002 zeigte, dass während der Eruption deutlich mehr Menschen mit akuten Atemwegserkrankungen, Herz-Kreislauf-Problemen und Augenreizungen in die Notaufnahmen kamen als im gleichen Zeitraum des Vorjahres.

Daniele Lombardo, Mitautor der Studie, erklärt, dass die feinsten Fraktionen der Vulkanasche tief in die Lunge eindringen können. Dort lösen sie Entzündungen, oxidativen Stress und Reizungen der Atemwege aus – besonders bei Kindern, älteren Menschen und Patientinnen und Patienten mit chronischen Atemwegserkrankungen.

Auch die Universität Palermo hat bereits Untersuchungen zu erhöhten Raten von Schilddrüsenkrebs bei Menschen im Ätna-Gebiet vorgelegt. Parallel dazu fanden Forschende Hinweise auf eine stärkere Belastung mit Spurenelementen, die mit vulkanischen Emissionen in Verbindung stehen.

Rauch und Asche steigen aus dem Ätna auf, eingerahmt von der sizilianischen Stadt Zafferana nahe Catania im Süden Italiens, Donnerstag, 5. Januar 2012.
Rauch und Asche steigen aus dem Ätna auf, eingerahmt von der sizilianischen Stadt Zafferana nahe Catania im Süden Italiens, Donnerstag, 5. Januar 2012. AP Photo/Carmelo Imbesi

In Catania verschlechtern sich Atemwegserkrankungen

Nunzio Crimi, Lungenfacharzt und Allergologe in Catania, hat seinen Sommerurlaub in diesem Jahr abgebrochen. Mehrere seiner Stammpatientinnen und -patienten mit Atemwegserkrankungen riefen ihn in Notfällen an.

„Menschen mit geschwächtem Immunsystem oder bestehenden Atemwegserkrankungen wie allergischem Asthma oder chronischer Bronchopneumonie erkranken durch den Ascheregen schneller und erleben oft eine deutliche Verschlechterung ihres Zustands“, sagt er gegenüber Euronews Earth. „Besonders stark leiden jene, deren Atemwege durch frühere Lungenentzündungen oder COVID bereits geschädigt sind.“

Während der Ätna-Ausbrüche Anfang August meldete der Zivilschutz der Region Sizilien, zuständig für Vorhersage, Prävention und Krisenmanagement, mehr Patientinnen und Patienten in den Notaufnahmen der Provinz Catania.

Sie klagten über ähnliche Beschwerden: Augenreizungen oder Bindehautentzündungen, Husten, laufende oder brennende Nase und Niesen. Crimi registrierte rund acht Prozent mehr Arztbesuche als üblich.

Lavafontänen steigen aus dem Südostkrater des Ätna auf, gesehen von Nicolosi nahe Catania, am späten Abend des Freitag, 1. Dezember 2023.
Lavafontänen steigen aus dem Südostkrater des Ätna auf, gesehen von Nicolosi nahe Catania, am späten Abend des Freitag, 1. Dezember 2023. AP Photo/Salvatore Allegra

Nicht nur Italien kämpft mit diesen Folgen. In Island hatte der Ausbruch des Eyjafjallajökull im Jahr 2010 langfristige Auswirkungen auf die Gesundheit. Forscher Gunnar Guðmundsson stellte fest, dass Atembeschwerden und psychischer Stress bei Menschen, die stark der Asche ausgesetzt waren, noch Jahre anhielten – besonders bei jenen, die durch vom Wind immer wieder aufgewirbelte Partikel belastet wurden.

Auch Tiere können unter Vulkanasche massiv leiden.

„Wenn die Asche nicht zügig von den Weiden entfernt wird, riskieren die Rinder zu sterben, weil sie zu viel kontaminiertes Gras fressen oder die Partikel einatmen und dadurch eine Fluorvergiftung erleiden“, sagt Bäuerin Berglind Hilmarsdottir aus Dyrafjord in den Westfjorden Euronews Earth.

Das in der Vulkanasche enthaltene Fluorid kann im Verdauungstrakt Säuren bilden, die die Darmwand schädigen und innere Blutungen verursachen. Es kann außerdem den Calciumhaushalt im Blut stören. Langanhaltende, starke Belastung über mehrere Tage schwächt die Knochen und kann im Extremfall sogar die Zähne angreifen.

Unzureichende Aschebeseitigung erhöht Risiken

Seit Jahren fordern Einwohnerinnen und Einwohner von Catania besseren Gesundheitsschutz bei Vulkanausbrüchen. Doch die bisherigen Maßnahmen weisen weiter Lücken auf.

Verspätete Aschebeseitigung und mangelnde Entsorgungsstrukturen verlängern die sekundäre Belastung durch den feinen Ätna-Staub. Das verschärft Risiken für Atemwege und Herz-Kreislauf-System, warnt Riccardo Castro, Lokalpolitiker und ärztlicher Leiter des Hauptkrankenhauses in Acireale, einer Stadt rund 20 km vom Ätna entfernt.

„Diese Asche enthält Metalle, und das Einatmen ist schlicht ungesund“, erklärt er. Kurzzeitige Belastung gilt zwar nicht als besonders gefährlich. „Wer den Partikeln jedoch seit der Kindheit mehrmals im Jahr ausgesetzt ist, vor allem in Gemeinden nahe des Kraters, kann ernsthafte Langzeitfolgen entwickeln. Schnelles Aufräumen reduziert die sekundäre Exposition deutlich.“

Zugleich kritisiert Castro bestimmte Reinigungsmethoden. Laubbläser und ähnliche Geräte wirbeln den Staub wieder auf und bringen ihn zurück in die Luft, statt ihn dauerhaft zu entfernen.

Vulkanasche bedeckt den Platz vor der Kirche Santa Maria della Provvidenza in Zafferana Etnea auf Sizilien, Montag, 9. August 2021.
Vulkanasche bedeckt den Platz vor der Kirche Santa Maria della Provvidenza in Zafferana Etnea auf Sizilien, Montag, 9. August 2021. AP Photo/Salvatore Allegra

Bewohner fühlen sich alleingelassen

Privitera sagt, sie werde nicht nur während der Ausbruchsphasen krank. Husten und Atembeschwerden hielten oft noch wochenlang an, nachdem die Eruption vorbei sei.

Ihre Mitbürgerin aus Nicolosi, Delia Zappalà, betreibt gemeinsam mit ihrer Familie eine Fabrik, die Kunstobjekte aus Lavastein herstellt. Solange sie denken könne, müssten ihre Familie und Nachbarinnen die Vulkanasche selbst in Säcke füllen, erzählt sie. Diese blieben oft monatelang in einer Ecke des Gartens stehen, weil die Gemeinde weder eine organisierte Abholung noch klare Entsorgungshinweise bereitstelle. „Es ist jedes Mal ein Albtraum, und wir bleiben mit dem Problem allein“, sagt sie.

Die Region Sizilien und ihr Zivilschutz haben eine Anfrage von Euronews Earth nach einer Stellungnahme nicht beantwortet.

Crimi empfiehlt den Menschen deshalb, in Zeiten intensiver Vulkanaktivität Schutzmasken zu tragen.

Privitera verlässt in Phasen starken Ascheregens das Haus inzwischen nicht mehr ohne Maske. „Das ist nur ein Pflaster“, sagt sie. „Aber solange wir das Problem nicht ernsthafter angehen, ist es das Einzige, was unseren Husten etwas lindert.“

Wie Vulkanasche zur Ressource werden kann

Seit Jahren versuchen sizilianische Forschende gemeinsam mit den Behörden Lösungen zu entwickeln, um die Gesundheitsfolgen der Asche zu verringern.

„Wir haben uns von Japan inspirieren lassen. Dort setzen die Behörden rund um aktive Vulkane wie Sakurajima auf schnelle Systeme zur Aschebeseitigung“, sagt Paolo Roccaro, Professor für Umwelttechnik an der Universität Catania. „Bei uns fehlen jedoch noch immer Technik und Planung – hier klafft eine große Lücke.“

Roccaro erinnert daran, dass der Ätna und auch die Vulkane auf Siziliens Äolischen Inseln seit Jahrzehnten regelmäßig ausbrechen. Dennoch behandeln Verantwortliche das Thema meist als kurzfristige Notlage statt als Dauerproblem, das langfristige Planung und Vorsorge erfordert.

Er setzt Hoffnungen in ein Dekret (Quelle auf Englisch), das die Region Sizilien im März erlassen hat. Es soll die Koordination der Aschebeseitigung verbessern – zum Vorteil von Bevölkerung, Wirtschaft und Umwelt.

Demnach soll Vulkanasche nicht länger als gefährlicher Abfall gelten, sondern als wiederverwendbarer Rohstoff. Dadurch eröffnet sich die Möglichkeit, den mineralreichen Staub industriell zu nutzen, etwa in der Baubranche, wo er Zement zumindest teilweise ersetzen kann.

Roccaro ist überzeugt, dass dies auch der Gesundheit zugutekommen kann. „Je mehr Asche sinnvoll eingesetzt wird, desto weniger wirbelt sie in der Luft herum oder lagert sich als Abfall an, der auch noch nach langer Zeit erneut aufgewühlt werden kann“, sagt er Euronews Earth.

Die Recherche für diesen Beitrag wurde durch einen Umweltfonds von Journalismfund Europe unterstützt.

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