Euronews Green exklusiv: Bericht legt geheime Klimastrategie der Agrarkonzerne offen.
Große Fleisch- und Molkereikonzerne stehen in der Kritik: Sie sollen sich eng an Entscheidungsträgerinnen und Entscheidungsträger anlehnen, um das rasante Wachstum der Tierhaltung zu rechtfertigen und den Klimaschutz auszubremsen.
Weltweit stammt rund ein Drittel der Treibhausgasemissionen aus Ernährung und Landwirtschaft. Damit liegt der Bereich direkt hinter der Verbrennung fossiler Brennstoffe. In der EU verursachen tierische Lebensmittel zwischen 81 und 86 Prozent der gesamten Emissionen aus der Nahrungsmittelproduktion – obwohl sie nur etwa 21 Prozent der Kalorien und 64 Prozent des Proteins liefern.
Fachleute warnen seit Jahren, dass sich unsere Ernährungsgewohnheiten ändern müssen, um Emissionen zu senken und die Gesundheit zu verbessern. Der EAT-Lancet-Bericht 2025, erstellt von siebzig führenden Expertinnen und Experten aus fünfunddreißig Ländern, kommt zu dem Ergebnis: Würde die Welt überwiegend auf pflanzenbasierte Ernährung umstellen, ließen sich jedes Jahr rund fünfzehn Millionen Todesfälle vermeiden. Zudem könnten die landwirtschaftsbedingten Treibhausgase um etwa fünfzehn Prozent sinken.
Trotzdem wächst der CO2-Fußabdruck der Tierhaltung weiter. Treiber sind industrielle Produktionsmethoden und immer größere Tierbestände. Nach Angaben von Greenpeace entfallen inzwischen 60 Prozent der globalen Säugetier-Biomasse auf Nutztiere – darunter auch Rinder, die große Mengen Methan ausstoßen. Nur vier Prozent sind wild lebende Tiere, die restlichen 36 Prozent entfallen auf Menschen.
Trotz dieser Entwicklung enthalten nur vier Prozent der nationalen Klimapläne konkrete und zeitlich befristete Ziele zur Senkung landwirtschaftlicher Methanemissionen. Noch seltener finden sich Vorgaben für nachhaltigere Ernährungsweisen.
Ein neuer Bericht der europäischen Nichtregierungsorganisation Changing Markets Foundation (Quelle auf Englisch), die sich der Aufdeckung „verantwortungsloser“ Unternehmenspraktiken verschrieben hat, kommt zu dem Schluss: Fleisch und Milchprodukte verschwinden von der Klimaagenda – durch verdeckte Partnerschaften und gezielt verzerrte Erzählungen.
Fleischlobby bremst Klimaschutz aus
Der Bericht mit dem Titel „Dangerous Distractions“ sieht wachsende Belege dafür, dass einzelne Abteilungen der UN-Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation (FAO) eine „Voreingenommenheit zugunsten des Nutztiersektors“ haben.
Im vergangenen Jahr hielt Thanawat Tiensin, Direktor der Abteilung für Tierproduktion und Tiergesundheit bei der FAO, eine Rede beim World Meat Congress. Der alle zwei Jahre stattfindende Kongress fand im brasilianischen Bundesstaat Mato Grosso statt, dem landwirtschaftlichen Zentrum des Landes. Veranstalter ist das International Meat Secretariat, ein Verband, der die Fleischindustrie gegenüber internationalen Institutionen wie der FAO und der Welthandelsorganisation vertritt.
Unter den Rednern waren prominente Befürworter eines hohen Fleischkonsums, etwa Eric Mittenhal vom Meat Institute und Frédéric Leroy von der Vrije Universiteit Brussel. Leroy wird vorgeworfen, „irreführende Narrative und Verschwörungstheorien“ über die Auswirkungen der Tierhaltung auf den Planeten zu verbreiten.
Laut dem Bericht legte Tiensin in seiner Rede ausführlich dar, dass die FAO ein Verbündeter der Fleischindustrie sei. Er argumentierte, die Welt „brauche mehr tierisches Eiweiß“, trotz der Probleme durch Treibhausgase.
„Wenn mein Magen leer ist, habe ich keine Zeit, über Nachhaltigkeit zu reden“, sagte er. Er erklärte zwar, eine neue Ära sei angebrochen, in der die Viehwirtschaft nachhaltiger arbeite. Der Bericht hält jedoch fest, dass er keine Details oder „konkreten Beispiele“ nannte, wie das erreicht werden soll.
Angriffe auf EAT-Lancet
Der Bericht zeigt auch, wie die Fleischindustrie und ihr nahestehende Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler den EAT-Lancet-Bericht attackieren.
Beim World Meat Congress behauptete die pro-fleischlich auftretende Beraterin Carrie Ruxton, die Autorinnen und Autoren des Berichts seien keine wirklichen Fachleute. Sie deutete an, Landwirtinnen und Landwirte seien besser geeignet, um Nachhaltigkeit im Ernährungssystem voranzubringen.
„Meiner Ansicht nach müssen Sie sich um den eigentlichen [EAT-Lancet]-Bericht, der dieses Jahr erschienen ist, keine großen Sorgen machen“, sagte sie dem Publikum. „Er hat ohnehin nicht viel mediale Aufmerksamkeit bekommen.
Worüber Sie sich Gedanken machen müssen, ist das, was als Nächstes kommt. Denn sie werden auf Politikerinnen und Politiker, Kampagnen, Verwaltungen, Wohltätigkeitsorganisationen und öffentliche Beschaffung zugehen. Sie werden all diese Bereiche der Gesellschaft ansprechen, die dann Auswirkungen auf Ihre Branche haben werden.“
Ruxton wiederholte zudem die verschwörungstheoretische Behauptung, die EAT-Lancet-Kommission habe einen „Interessenkonflikt“, weil viele Mitglieder selbst vegetarisch leben.
„Leroy nutzte seinen Vortrag ebenfalls dazu, die wissenschaftliche Kommission zu diskreditieren“, heißt es in dem Bericht.
Er habe behauptet, hinter der Kommission stünden große Agrar- und Lebensmittelkonzerne, die von der Förderung pflanzenreicher Ernährungsweisen profitieren wollten.
Leroy, der Jäger-und-Sammler-Diäten häufig als Goldstandard anpreist, kritisiert den EAT-Lancet-Bericht seit Langem. Er behauptet fälschlich, Menschen müssten 20 bis 30 Prozent ihrer Kalorien aus tierischen Lebensmitteln beziehen. Die Planetary-Health-Diät geht dagegen davon aus, dass dieser Anteil bei höchstens zwölf Prozent liegen sollte.
„Narrativ-Kampf“ bei der COP30
Der World Meat Congress fand nur eine Woche vor dem Klimagipfel COP30 statt, an dem mehr als dreihundert Lobbyistinnen und Lobbyisten der industriellen Landwirtschaft teilnahmen.
Nach Angaben von Changing Markets wurden in den offiziellen UN-Zonen bei der COP30 mehrfach Vorführungen eines industriefinanzierten Dokumentarfilms mit dem Titel World Without Cows gezeigt. Kritikerinnen und Kritiker bemängeln, der Film spiele die Klimafolgen der Rinderhaltung herunter und verbreite die Botschaft, Nutztiere könnten „Teil der Lösung“ für die Klimakrise sein.
Produzent von World Without Cows ist das Tierernährungsunternehmen Alltech, das jährlich rund 2,6 Milliarden US-Dollar (etwa 2,25 Milliarden Euro) umsetzt.
Rind- und Lammfleisch gelten seit Langem als die größten Klimatreiber im Lebensmittelsektor. Laut dem CO2-Rechner CO2 Everything entspricht eine 100-Gramm-Portion Rindfleisch einer Autofahrt von 78,7 Kilometern und verursacht 15,5 Kilogramm CO2-Äquivalente.
„Um den Film zu bewerben, gründete Alltech eine Tochterfirma namens Planet of Plenty LLC, die sich ‚wissenschaftsbasierter Erzählkunst, Lobbyarbeit und Bildungsinitiativen widmet, um die zentrale Rolle der Landwirtschaft für eine nachhaltige Zukunft hervorzuheben‘“, heißt es in dem Bericht.
Zwar diskutierten Branchenvertreterinnen und Branchenvertreter bei der COP30 auch technische Ansätze zur Emissionsminderung bei Fleisch und Milch – etwa effizienteres Futter oder die Nutzung von Gülle zur Biogaserzeugung. Doch Gespräche über eine grundlegende Ernährungswende seien „selten und verstreut“ gewesen, so der Bericht.
Im Vorfeld der COP30 registrierte Changing Markets zudem eine wachsende Zahl von Branchenbotschaften, die Fleisch als gesund oder als Teil von Wellnesstrends inszenieren. Diese Narrative verbreiteten vor allem reichweitenstarke Influencerinnen und Influencer.
Eine separate Recherche der Plattform DeSmog (Quelle auf Englisch) zeigt außerdem, dass Nachrichtensprecherinnen und Nachrichtensprecher, Ärztinnen und Ärzte sowie Models von Agrarkonzernen engagiert wurden. Sie sollen die Aktivitäten der Branche legitimieren und „ihr Image aufpolieren“.
Trotz der massiven Lobbyarbeit verweist der Bericht auch auf Fortschritte in einzelnen Ländern. Dänemark etwa legte bereits 2023 seinen „Action Plan for Plant-Based Foods“ auf, der den Fleischkonsum senken und gesunde, pflanzenreiche Ernährung fördern soll.
Die FAO wollte sich nicht äußern.