Dieses Paar ist 3.000 Kilometer entlang der Donau geradelt. So zeigt sich die Dürre am Ufer aus der Perspektive der Radfahrenden.
Anna und Callum waren mitten auf ihrer Donau-Radtour von der Quelle bis zur Mündung, als der Fluss plötzlich in die Schlagzeilen geriet.
Am dritten August verschärfte sich die Dürre so sehr, dass die Behörden zu einer kontrollierten Sprengung griffen. Sie lenkten Wasser in Richtung des einzigen rumänischen Atomkraftwerks um, das rund 20 Prozent des Stroms im Land liefert und für die Kühlung auf die Donau angewiesen ist.
„Für mich war das der Moment, in dem es wirklich wurde: Wir greifen aktiv in das Flussökosystem ein, nur damit unser Strombedarf gedeckt bleibt“, erinnert sich Anna Wentsch, in Deutschland geborene Mitgründerin der neuseeländischen Organisation Conservation Amplified (Quelle auf Englisch).
Die Maßnahme war außergewöhnlich, reichte aber trotzdem nicht. Am dreizehnten August musste die Anlage ihren letzten Reaktor abschalten, weil nicht mehr genug Kühlwasser zur Verfügung stand.
Gemeinsam mit ihrem Partner Callum Armstrong hat Anna kürzlich eine 3.000 Kilometer lange Reise durch zehn Staaten hinter sich gebracht, um herauszufinden, wie Gemeinden und die Natur auf die Dürre am längsten Fluss der EU reagieren.
Donau-Dürre: Folgen weit über Energie hinaus
Mehrere aufeinanderfolgende Hitzewellen und massiver Regenmangel haben den Pegel der Donau in diesem Sommer auf Rekordtiefs gedrückt. Betroffen sind nicht nur die Energiesicherheit, sondern auch Lebensmittel, Trinkwasser, Verkehr und die Tierwelt.
Rumänien ist nicht das einzige Land, das in eine dürrebedingte Energiekrise rutscht. Am fünfzehnten August versenkten die ungarischen Behörden zwei Lastkähne in der Donau, um den Pegel anzuheben und eine Abschaltung des einzigen Atomkraftwerks des Landes zu verhindern.
Noch grundlegendere Bedürfnisse sind betroffen. Vertrocknete Böden zerstören die Ernten der Landwirte. Ungarische Winzer melden bereits einen Rückgang der Traubenernte um 30 Prozent.
Ausgedörrte Vegetation hat zudem Waldbrände ausgelöst – einen davon erlebten Anna und Callum auf ihrer Route in Serbien.
„Es war heiß, trocken und windig“, erinnert sich Callum. „Der Boden war so ausgetrocknet, dass ein Funke gereicht hätte, um alles in Flammen aufgehen zu lassen.“
Für die Menschen vor Ort gehören solche Bedingungen inzwischen zum Alltag. Als Callum und Anna an einer Tür klopften, um die nahegelegene Stadt zu warnen, baten sie die Bewohner ins Haus. Die Einheimischen erklärten ihnen: „Das ist hier normal. Alle aus dem Ort haben den Brand schon gemeldet. Die Leute reagieren erst, wenn es wirklich schlimm wird.“
Laut dem Europäischen Waldbrandinformationssystem sind in diesem Jahr bereits mehr als 580.000 Hektar Land in der EU verbrannt.
Hechelnde Vögel, festgefahrene Boote: Leben an der ausgetrockneten Donau
In der Donauenge in Deutschland standen Anna und Callum vor einer weiteren Folge des Niedrigwassers: Die von ihnen gebuchte Fähre konnte nicht fahren.
„Wir mussten in eines dieser kleinen Holzboote umsteigen, weil nur sie noch fahren konnten“, sagt Anna.
Fahrgastfähren laufen auf Grund, und auch der Güterverkehr kommt zum Stillstand. Betreiber weichen aus, um die ausgetrockneten Abschnitte zu meiden, und Getreideernte stapelt sich an den Terminals – die Ernährungssicherheit gerät weiter unter Druck.
Das Problem beschränkt sich nicht auf die Donau. Deutschland hat vorübergehend Lkw-Fahrbeschränkungen gelockert, um Lieferketten zu entlasten, die durch Rekordniedrigwasser auf dem Rhein gestört sind.
Anna treffen jedoch vor allem die Folgen für die Tiere.
„Wir haben viele Wildtiere gesehen, besonders Vögel, die tagsüber hechelten“, berichtet sie per Videoanruf. „Wir fahren selbst in der Hitze und kämpfen damit. Aber ihnen beim Kämpfen zuzusehen, ist noch schwerer.“
„Wir können aus der Sonne heraus und in den Schatten gehen. Ein Storch dagegen, der auf einer offenen Plattform brütet, hat diese Möglichkeit nicht.“
Die Extremwetter treffen ein ohnehin belastetes Ökosystem. Menschliche Infrastruktur wie Kraftwerke und Staudämme hat Lebensräume zerschnitten. Die Artenvielfalt nimmt ab, und Feuchtgebiete und Auen, die früher als natürliche Puffer gegen Dürre dienten, sind voneinander getrennt.
Für Anna und Callum steht nach ihren Beobachtungen fest: Den Menschen zu schützen und die Natur zu schützen gehört untrennbar zusammen.
Lichtblicke entlang der dürregeplagten Donau
Trotz aller Gründe zur Sorge, so Anna, gebe es „überall diese kleinen Hoffnungszeichen, Dinge, die bereits passieren – und wir sehen die ersten Ergebnisse“.
Besonders beeindruckt hat Callum ein acht Kilometer langer Fischpass (Quelle auf Englisch) zwischen den deutschen Städten Neuburg und Ingolstadt. Er ist Teil eines Naturschutzprojekts, das Auen wieder verbindet und Funktionen des Ökosystems zurückbringt, die durch den Bau von Dämmen verloren gegangen sind.
Auch wenn das nur einen kleinen Abschnitt des 2.857 Kilometer langen Flusses betrifft, arbeiten die Länder gemeinsam daran, den natürlichen Korridor wiederherzustellen.
Anna verweist auf das 930.000 Hektar große Biosphärenreservat Mura-Drava-Donau als inspirierendes Beispiel für grenzüberschreitende Zusammenarbeit.
Fünf Länder – Österreich, Kroatien, Ungarn, Serbien und Slowenien – arbeiten zusammen, um diese weite Flusslandschaft zu schützen. Sie setzen eine Keine-neuen-Dämme-Politik durch, um frei fließende Gewässer zu erhalten, und pflanzen heimische Wälder neu, um die Biodiversität zu stärken.
Die geschützte Landschaft bietet Wanderwege und Nahrungsgebiete für Otter, Biber und mehr als 250.000 Wasservögel. Außerdem ist sie ein wichtiger Brutplatz für Seeadler; rund 150 Paare nennen das Gebiet inzwischen ihr Zuhause.
Für Anna und Callum sind diese Projekte mehr als Erfolgsgeschichten aus der Tierwelt. Sie zeigen, dass die Wiederherstellung der natürlichen Funktionen des Flusses auch die Systeme stärkt, von denen Menschen abhängen – von Wasser und Landwirtschaft bis hin zu Energieversorgung und lokalen Wirtschaften.
Natur ist nicht nur Opfer, sondern Teil der Infrastruktur
Von all den Erkenntnissen, die Callum und Anna mit nach Hause nehmen, sticht eine hervor: Die Natur muss berücksichtigt werden, bevor neue Infrastruktur entsteht – und darf nicht erst im Nachhinein in Systeme hineingezwungen werden, die bereits um menschliche Bedürfnisse herum geplant sind.
„Denkt zuerst an die Natur und daran, welche Folgen das für euch hat, bevor ihr Infrastruktur baut“, sagt Anna. „So findet man viel leichter ein gesundes Gleichgewicht.“
Dieses Gleichgewicht bedeutet nicht, Menschen und Natur gegenüberzustellen. Die Donau liefert Wasser, Energie, Nahrung und einen Transportweg. Intakte Feuchtgebiete, Auen und Wälder helfen zugleich, die Ökosysteme und Wasserressourcen zu erhalten, auf die die Gemeinden angewiesen sind.
„Naturschutz ist mehr als nur das Schützen von Wildtieren“, sagt Callum. „Es geht darum, unsere Zukunft und unsere Wirtschaft abzusichern, weil all diese unbezahlten Vorteile aus der Stabilität entstehen, die die Natur bietet.“
Für Conservation Amplified, die von ihnen mitgegründete neuseeländische Organisation, war die Reise außerdem ein Experiment: Sie wollten neue Wege finden, Menschen für Umweltthemen zu gewinnen.
„Schaut immer auch ins Ausland, was andere Menschen machen, oder was eure Nachbarn tun“, sagt Callum. „Wir können so viel voneinander lernen.“
Nach 3.000 Kilometern entlang der Donau von der Quelle bis zum Schwarzen Meer bleibt für Anna eine Botschaft, die sie den Menschen mitgeben möchte.
„Ein Fluss ist eine Lebensader. Es ist Süßwasser. Es ist so wichtig, diese Orte zu schätzen und sie nicht als selbstverständlich hinzunehmen.“