Zwei Wahlen, zwei klare Verschiebungen: In Berlin wird die Linke stärkste Kraft, in Mecklenburg-Vorpommern liegt die AfD mit 37,7 Prozent vorn. Die CDU verliert in beiden Ländern massiv.
Das Superwahljahr 2026 endet mit zwei unterschiedlichen Wahlausgängen: In Berlin wird die Linke stärkste Kraft, in Mecklenburg-Vorpommern liegt die AfD vorn. Für die CDU bringt der Wahlsonntag in beiden Ländern deutliche Verluste. Die SPD konnte in Mecklenburg-Vorpommern unter Ministerpräsidentin Manuela Schwesig deutlich aufholen und wird trotz des starken AfD-Ergebnisses zweitstärkste Kraft.
In Berlin kommt die Linke laut aktueller Infratest-dimap-Hochrechnung auf 25,1 Prozent. Die CDU erreicht 19,8 Prozent, die Grünen 14,9 Prozent, die AfD 15,6 Prozent. Die SPD kommt nur noch auf 12 Prozent, das BSW auf 5 Prozent. Damit verliert die bisherige schwarz-rote Koalition in der Hauptstadt ihre Mehrheit.
In Mecklenburg-Vorpommern liegt die AfD laut aktueller Hochrechnung bei 37,7 Prozent, die SPD bei 35,5 Prozent. Die CDU kommt mit ihrem historisch schlechtesten Ergebnis auf 5,2 Prozent, die Linke auf 6,9 Prozent, die Grünen auf 5,5 und das BSW auf 5,0.
Merz: Ergebnis in Mecklenburg-Vorpommern ein "Desaster"
Bundeskanzler Friedrich Merz sagte in einem Pressestatement im Berliner Konrad-Adenauer-Haus, dass man das Ergebnis der CDU in Mecklenburg-Vorpommern "nicht schönreden" könne. "Es ist ein Desaster", so der CDU-Chef. Seine Partei sei dort in der Zuspitzung zwischen der SPD und AfD "zerrieben worden". In Berlin hingegen habe CDU-Spitzenkandidat Stefan Evers in einer schwierigen Ausgangslage zu einem "ordentlichen Ergebnis" geführt.
Anschließend sprach der Kanzler über die Lage in Deutschland. Ihm zufolge sei das Land zu kompliziert geworden, die Wirtschaft stehe vor einem tiefen Umbruch. Der Ton in der Gesellschaft werde rauer, das Vertrauen in die Institutionen sinke. Merz fordert deshalb weitere Reformen. Dass sie Belastungen mit sich bringen und nicht überall auf Zustimmung stoßen würden, müsse in Kauf genommen werden.
Zum Schluss warnt er vor dem "autoritären Gift", das mit der "Faszination des Autoritären" immer tiefer in die Gesellschaft eindringe. Er wolle als CDU-Chef und Bundeskanzler Verantwortung übernehmen. Deutschland müsse wieder ein "Land des Aufbruchs" werden.
AfD gewinnt in Mecklenburg-Vorpommern, Schwesig könnte bleiben
Nach den Wahlergebnissen in Mecklenburg-Vorpommern beansprucht AfD-Spitzenkandidat Leif-Erik Holm den Regierungsauftrag für seine Partei, die nun "natürlich auch das Gespräch suchen mit allen anderen Parteien" suchen wolle, "um etwas zu bewegen". "Es geht hier um die Bürger unseres Landes. Wir wollen die Politik verbessern", so Holm im Interview in der ARD.
Auf die Frage nach einer möglichen Zusammenarbeit mit anderen Parteien sagte Holm, die AfD in Mecklenburg-Vorpommern werde nicht vom Verfassungsschutz beobachtet. Seine Partei habe ein "konservatives Programm" für Bildung, Wirtschaft und Sicherheit.
Die amtierende Ministerpräsidentin Manuela Schwesig könnte demnach trotz des Vorsprungs der AfD Ministerpräsidentin bleiben. Mit ihrem Slogan "Frau gegen Blau" hatte Schwesig im Wahlkampf stark auf ihre Person gesetzt. Schwesig sprach im ZDF von der "schwersten Landtagswahl" für ihre Partei, bei der die SPD der AfD "mit Inhalt, mit Personen, mit Klarheit und mit einem gemeinsamen Kampf" etwas entgegengesetzt habe, betont sie im ARD-Interview.
Zu Schwesigs politischer Vergangenheit gehört jedoch auch ihre frühere Unterstützung für Nord Stream 2. Unter ihrer Landesregierung wurde 2021 die Stiftung Klima- und Umweltschutz MV gegründet, die den Bau der Pipeline unterstützte. Nach dem russischen Angriff auf die Ukraine bezeichnete Schwesig ihre damalige Haltung als Fehler. Bei einem Besuch in Kyjiw sagte sie 2024, dass "die Ukraine diesen Krieg gewinnen" muss und sprach sich für weitere Waffenlieferungen aus.
Der Berliner "Mamdani"-Effekt
Die Berliner Linke hat im Wahlkampf stark auf soziale Themen und bezahlbare Mieten gesetzt. Dabei blickte Spitzenkandidatin Elif Eralp auch nach New York. Nach dem Wahlsieg des linken Demokraten Zohran Mamdani sagte sie der Deutschen-Presse-Agentur (dpa): "Wenn ein Linker in New York gewinnen kann, dann genauso gut in Berlin."
Die Linke wurde nun erstmals stärkste Kraft in Berlin. Eralp wäre damit die erste Regierende Bürgermeisterin Berlins mit Migrationshintergrund. Ihre Eltern flohen 1980 aus der Türkei nach Deutschland, Eralp selbst wurde in München geboren.
Eralp stellte vor allem die Mietenkrise ins Zentrum ihres Wahlkampfs. Sie kündigte mehr Regulierung, mehr sozialen Wohnungsbau und einen weiteren Schritt zur Vergesellschaftung großer Wohnungsbestände an.
Die Linke ist Rechtsnachfolgerin der früheren DDR-Staatspartei SED ("Sozialistische Einheitspartei Deutschlands"). Die SED nannte sich nach dem Mauerfall zunächst in PDS (Partei des Demokratischen Sozialismus) um, Vermögen und Personal wurden teilweise übernommen. Später nannte sie sich dann "Die Linke".
Der Wahlerfolg bringt die Linke nun allerdings in eine schwierige Lage bei der Regierungsbildung. SPD und Grüne haben eine Zusammenarbeit nicht ausgeschlossen, knüpfen sie aber an klare Bedingungen beim Umgang mit Antisemitismus. SPD-Spitzenkandidat Steffen Krach sagte bereits vor der Wahl bei einer Diskussion der Jüdischen Gemeinde: "Wenn es antisemitische Vorfälle gibt, dann ist es vorbei, ganz einfach."
Hintergrund ist unter anderem ein Auftritt des Rappers Dahabflex bei einer Wahlkampfveranstaltung der Linken in Neukölln. Dort fielen unter anderem die Parolen "Death to the IDF" (Tod der israelischen Armee) und "Yalla Yalla Intifada". Eralp distanzierte sich davon und forderte Aufklärung und Konsequenzen.
Die Grünen formulieren ebenfalls eine klare Bedingung. Spitzenkandidat Werner Graf sagte, seine Partei werde keinen Koalitionsvertrag unterschreiben, der sich nicht klar gegen Antisemitismus richte. Eralp selbst betonte, die große Mehrheit der Linken stehe für den Schutz jüdischen Lebens. Antisemitismus sei ein gesamtgesellschaftliches Problem und existiere auch innerhalb der Linken. Sie selbst wolle jüdisches, palästinensisches und muslimisches Leben schützen.