Huthi-Kämpfer haben nach dem Abzug der Regierungstruppen die Insel Perim im Bab al-Mandab eingenommen und damit die Meerenge unter Kontrolle gebracht. Zusammen mit Irans Blockade der Straße von Hormus gerät etwa ein Drittel des weltweiten Seehandels in feindliche Hand.
Die von Iran unterstützte Huthi-Bewegung hat am Freitag die Kontrolle über die Straße von Bab el-Mandeb übernommen. Zuvor eroberte sie eine Insel mitten in der wichtigen Schifffahrtsroute im Roten Meer, wie ein örtlicher Regierungsvertreter und Augenzeugen berichteten.
„Boote mit bewaffneten Huthi-Kämpfern haben die Insel Mayyun erreicht, nachdem sich Regierungstruppen gestern von dort zurückgezogen haben“, sagte der Beamte. Die felsige Vulkaninsel, auch Perim genannt, teilt an der engsten Stelle der Meerenge zwei Schiffsrouten.
„Die Huthis haben ihre Übernahme des Gebiets um Bab el-Mandeb und der Insel Mayyun, die in der Mitte der Meerenge liegt, abgeschlossen“, fügte er hinzu. Er wollte anonym bleiben.
Ein Augenzeuge berichtete, Bewaffnete würden sich „entlang der Küste der Straße von Bab el-Mandeb postieren und in Militärfahrzeugen hin- und herfahren“.
Am Freitag tauchten weitere Berichte auf, wonach die Gruppe auch die Stadt Dhubab und das Küstendorf Murad besetzt hat. Damit steht die gesamte jemenitische Küste am Roten Meer nach einem 18-stündigen Vormarsch unter Kontrolle der Huthis.
Militärquellen der Regierung erklärten, die Huthis hätten Regierungssoldaten auf den Hanish-Inseln eingeschlossen. Zuvor war berichtet worden, dass die Zuqar-Insel – die größte der Inseln im weiter nördlich gelegenen Archipel des Roten Meeres – bereits gefallen sei.
Die Quellen gaben an, sie wüssten nicht genau, wie es den eingeschlossenen Soldaten geht. Es handle sich um mehr als 2 000 Männer. Man gehe aber davon aus, dass die Huthis ihnen die Kapitulation befohlen haben.
Ein ranghoher Offizier sagte, die eingeschlossenen Einheiten hätten die Behörden um „Rettung, Nahrung und Wasser sowie die Aufhebung der Belagerung gebeten, wofür Luftunterstützung nötig wäre“.
Am Donnerstag hatten die Huthis die strategisch wichtige Hafenstadt Mokha den Regierungstruppen in einer Blitzoffensive entrissen. Dabei brachten sie nach Angaben von Militärquellen auch die Zuqar-Insel im südlichen Roten Meer unter ihre Kontrolle – „nach Raketenangriffen und einem Bodenvormarsch mit Booten, die Kämpfer transportierten“.
Bis Donnerstagabend tauchten im Internet zahlreiche Videos auf, die Feierlichkeiten von Huthi-Kämpfern in Mokha zeigen sollen. Zu sehen ist auch die Einnahme umfangreicher Waffenbestände und Ausrüstung, die Regierungskräfte zurückgelassen hätten. Euronews konnte die Authentizität der Aufnahmen nicht überprüfen.
Die Huthis, die vor der Offensive rund ein Drittel des jemenitischen Staatsgebiets kontrollierten, hatten in der Vergangenheit bereits Schiffe in der engen Wasserstraße angegriffen. Sie verbindet Asien mit Europa über das Rote Meer und den Sueskanal.
Die Straße von Hormus und Bab el-Mandeb stehen für mehr als ein Viertel des weltweiten seegestützten Handels mit Rohöl und Ölprodukten. Allein durch das Rote Meer läuft fast ein Drittel des globalen Containerverkehrs.
Berichten zufolge haben die Huthis im Sommer mit Teheran über die Einführung einer Art Passiergebühr für eine sichere Durchfahrt durch die Meerenge beraten – offenbar, um die Weltwirtschaft zusätzlich unter Druck zu setzen.
Die international anerkannte Regierung des Jemen hat wiederholt vor Huthi-Plänen gewarnt, die Wasserstraße zu übernehmen. Ihr Name bedeutet auf Arabisch „Tor der Tränen“.
Huthis setzen Vormarsch fort
Formal nennt sich die Bewegung Ansar Allah. Sie griff Ende 2014 Sanaa an, besetzte den Präsidentenpalast und zentrale Militäranlagen und zwang die jemenitische Regierung ins Exil.
Die Gruppe gehört zu Teherans sogenannter Achse des Widerstands – einem lockeren Netzwerk bewaffneter Gruppen in mehreren Ländern der Region, darunter die Hisbollah im Libanon, die Hamas im Gazastreifen und Milizen im Irak. Alle werden in unterschiedlichem Ausmaß von den iranischen Revolutionsgarden (IRGC) unterstützt, ausgebildet und ausgerüstet.
Die Huthis ließen den Bürgerkrieg im Jemen im Juli wieder eskalieren, als sie eine iranische Maschine landen ließen und damit die von Saudi-Arabien kontrollierte Hoheit über den jemenitischen Luftraum ignorierten.
Riad reagierte mit einem Luftschlag auf den Flughafen. Daraufhin erklärten die Huthis im Juli eine Blockade des Königreichs, die sich gezielt gegen dessen Ölgeschäfte richtet.
In der vergangenen Woche starteten die Huthis eine Großoffensive gegen von Saudi-Arabien unterstützte Regierungstruppen. Gleichzeitig griffen sie Ziele auf saudi-arabischem Staatsgebiet an und verletzten Dutzende Menschen. Riad antwortete mit täglichen Luftschlägen auf von den Huthis gehaltene Gebiete im Jemen.
Saudi-Arabien erklärte in dieser Woche, man habe „immer Verhandlungsmöglichkeiten angeboten“. Zugleich betonte das Königreich sein Recht auf Selbstverteidigung.
Angriffe der Huthis auf Öl-Infrastruktur und saudi-arabische Tanker haben den jüngsten Anstieg der Ölpreise zusätzlich befeuert. Der Preis überschritt am Donnerstag die Marke von 100 Dollar je Barrel.
Verbündete in der Pflicht
Im vergangenen Monat unterzeichnete Saudi-Arabien in Mekka ein Verteidigungsabkommen nach NATO-Vorbild mit der Türkei und dem atomar bewaffneten Pakistan. Dennoch gilt es als wenig wahrscheinlich, dass die beiden Staaten eingreifen.
Am Dienstag sagte Pakistans Verteidigungsminister Khawaja Asif, Islamabad werde das Abkommen „einhalten, falls es nötig wird“.
Nur einen Tag später erklärte das pakistanische Außenministerium, das Mekka-Abkommen sei ein „defensives Bündnis mit Fokus auf Abschreckung“.
„Derzeit steht nichts Konkretes zur Diskussion. Wenn der Zeitpunkt kommt, werden wir im Rahmen der Vereinbarung handeln“, sagte Sprecher Sajjad Haider Khan vor der Presse bei der wöchentlichen Medienunterrichtung.
Im Juli erklärte US-Präsident Donald Trump, Washington werde auf Huthi-Versuche reagieren, den Schiffsverkehr im Roten Meer zu blockieren. Zuvor hatten wochenlange US-Luftschläge ab März 2025 – zu Beginn von Trumps zweiter Amtszeit – zahlreiche militärische und industrielle Ziele getroffen.
Washington zeigt sich derzeit jedoch offenbar zurückhaltend. Die USA sind seit Februar in einen eigenen Krieg mit Iran verstrickt.
Laut US-Medien wies Trump am Donnerstag eine Bitte des saudischen Kronprinzen Mohammed bin Salman zurück, Huthi-Stellungen anzugreifen, als diese auf Mokha vorrückten. Weder Riad noch das Weiße Haus haben diese Berichte bislang kommentiert.
Teheran meldete sich am Freitag zu Wort. Iran forderte ein Ende der saudischen Blockade des Jemen und eine sofortige Wiederaufnahme von Gesprächen – die erste öffentliche Stellungnahme seit Beginn der Huthi-Offensive im Roten Meer.
In einer von der staatlichen Nachrichtenagentur IRNA verbreiteten Erklärung betonte das iranische Außenministerium, die Souveränität des Jemen müsse respektiert werden. Die Probleme des Landes ließen sich nicht durch Blockaden oder Militärbündnisse lösen.
Unterdessen berichteten verschiedene Quellen, die Elitetruppe der Revolutionsgarden habe Dutzende Berater entsandt, um die Huthis zu unterstützen. Euronews kann diese Angaben derzeit nicht unabhängig verifizieren.
Eine mögliche Störung der Schifffahrt in Bab el-Mandeb würde Iran in die Hände spielen. Die Blockade der Straße von Hormus setzt die globalen Energiemärkte bereits erheblich unter Druck und hat eine Krise ausgelöst, die sich mit dem Beginn des Winters auf der Nordhalbkugel weiter zuspitzen könnte.
Der Vorsitzende des international anerkannten Präsidialrats des Jemen hat am Donnerstag arabische Staaten und andere Länder aufgerufen, dem Land beim Schutz seiner Küsten zu helfen.
„Der Schutz der jemenitischen Küsten und die Wiederherstellung der staatlichen Kontrolle über sein Territorium, seine Häfen und Gewässer liegen im gemeinsamen Interesse des Jemen, Ägyptens, der arabischen Welt und der internationalen Gemeinschaft“, sagte Rashad al-Alimi, der den Präsidialrat leitet, bei einem Treffen mit dem ägyptischen Botschafter.
Seit vergangener Woche sind bei den Kämpfen im Jemen nach einer Zählung der Nachrichtenagentur AFP, die auf mehreren Quellen beruht, mehr als 500 Menschen getötet worden, die meisten von ihnen Kämpfer.