Plastikteile aus der Hummerfischerei haben den Atlantik überquert und sind auf den Azoreninseln Faial und Pico gelandet, mehr als 3.000 km entfernt; das älteste Stück stammt aus 1983.
Seit 2010 beobachten Forschende der Universität der Azoren (Quelle auf Portugiesisch) den Müll, der aus dem Meer kommt, bis ihnen immer häufiger dieselben Gegenstände auffielen.
„Wir merkten, dass auf diesen Teilen, deren Herkunft wir anfangs nicht kannten, Nummern standen. Als wir dann viele solcher Stücke fanden, begannen wir zu recherchieren, was sie bedeuten“, erklärt Cristopher Pham (Quelle auf Portugiesisch), Forscher und Leiter der Arbeitsgruppe Meeresmüll an der Universität der Azoren.
Schließlich stellte sich heraus, dass die Objekte aus der Hummerfischerei stammen, einem wirtschaftlich bedeutenden Sektor an der Atlantikküste Nordamerikas. Die Zahlen auf einigen Kunststoffteilen entpuppten sich als Pflichtetiketten, mit denen sich Herkunft und Datum nachvollziehen lassen.
So entstand eine Studie, an der Wissenschaftlerinnen, Wissenschaftler und freiwillige Helfer beteiligt waren.
„Wir haben die Bevölkerung und Kolleginnen und Kollegen gebeten, solche Teile von ihren Strandspaziergängen mitzubringen, falls sie welche finden“, sagt Christopher Pham. „Mindestens zehn Personen waren sehr engagiert und haben uns jeden Monat Material zugeschickt.“
Zwischen 2017 und 2025 fanden sie an den Stränden der Inseln Faial und Pico mehr als 1.500 Teile.
Beide Inseln gehören zum portugiesischen Azoren-Archipel (Quelle auf Portugiesisch) mitten im Atlantik, rund 1.600 Kilometer vom europäischen Festland entfernt.
Müll reist mehr als 3.000 Kilometer
Bei den Funden handelt es sich um komplette Objekte oder Bruchstücke, die in der Hummerfischerei eingesetzt werden: etwa Ecken und Verschlüsse von Reusen (käfigartigen Fallen), Trichter oder Etiketten.
Die Etiketten mit lesbaren Aufschriften hatten ihre Herkunft zu 63% in den Vereinigten Staaten und zu 37% in Kanada. Innerhalb der USA verwiesen sie vor allem auf den Bundesstaat Maine (80%) und auf Massachusetts (11%). Die kanadischen Etiketten stammten aus der Provinz Neufundland und Labrador.
Die Studie, die in diesem Sommer veröffentlicht wurde, (Quelle auf Portugiesisch) beschreibt den Fall als Beispiel dafür, „wie ein isoliertes ozeanisches Archipel direkt Plastikabfällen aus einer Küstenfischerei ausgesetzt ist, die mehr als 3.000 Kilometer entfernt arbeitet“.
Dass der Müll den Weg von der nordamerikanischen Küste bis zu den Atlantikinseln schafft, überrascht die Forschenden nicht, es liefert vor allem einen Beleg. Modelle zu Strömungen, Winden und Wellen hatten diese Transportwege bereits angedeutet.
„Wir wissen, dass es diese direkte Verbindung gibt, und mussten damit rechnen, Partikel aus diesem Teil des Atlantiks zu bekommen, weil die Strömungen tatsächlich im Uhrzeigersinn von West nach Ost zirkulieren“, sagt Christopher Pham. Die Ergebnisse bestätigten diese Modelle.
Auch wenn die Untersuchung nur die Inseln Pico und Faial umfasst, kann dieser Müll deutlich weiter treiben – bis an die Küsten des europäischen Festlands.
„Solche Teile aus der Hummerfischerei sind auch an der portugiesischen Küste und sogar in England und Irland relativ häufig“, ergänzt der Forscher.
Über 40 Jahre in der Umwelt
Das Team konnte das Alter eines Teils des Mülls bestimmen, weil einige Etiketten eine Jahreszahl tragen.
Die meisten Datumsangaben liegen zwischen sieben und 13 Jahren zurück. Das jüngste Etikett stammt aus dem Jahr 2023, das älteste aus dem Jahr 1983, es kam also vor mehr als 40 Jahren ins Meer. Damit ist klar: Diese Kunststoffe können die Azoren in nur zwei Jahren erreichen und bleiben anschließend jahrzehntelang in der Umwelt, ohne zu zerfallen.
„Die meisten Teile sind schon vor vielen Jahren ins Meer gelangt. Das ist auch wichtig, denn es zeigt, dass Plastik in der Umwelt extrem langlebig ist“, sagt Pham.
„Sehr wahrscheinlich würden wir bei weiterer Suche noch ältere Objekte finden. Diese Etiketten bestehen aus Kunststoff von sehr hoher Qualität.“
Möglich wurde diese Analyse, weil die Hummerindustrie in Nordamerika eine Kennzeichnungspflicht für Fanggeräte vorsieht – wenn auch mit unterschiedlichen Vorgaben in den Vereinigten Staaten und in Kanada, etwa bei Angaben und Gültigkeit.
Noch mehr Müll an Stränden der Azoren
Die Hummerfischerei ist in den Vereinigten Staaten und in Kanada der wirtschaftlich wichtigste Zweig der Fischerei. Im Jahr 2020 erreichten die Hummerexporte beider Länder einen Wert von rund 1,74 Milliarden Euro.
Schätzungen gehen davon aus (Quelle auf Portugiesisch), dass jedes Jahr 3 Millionen Reusen (Fallen) vor der Küste der Vereinigten Staaten und 2 Millionen vor Kanada ausgelegt werden, um diese Krustentiere zu fangen.
Doch nicht nur die Hummerfischerei verschmutzt die Strände der Azoren. An den Stränden mitten im Atlantik landet noch mehr Fischereimüll, allerdings seltener und meist ohne erkennbare Herkunft.
„Wir haben Schleppnetze gefunden, aber Schleppnetze können in Grönland genauso eingesetzt werden wie in Brasilien. Wir wissen dann einfach nicht, woher sie kommen“, erklärt Cristopher Pham.
„Manchmal finden wir Reusen, die typisch für die Krakenfischerei sind, aber solche Fallen werden von Spanien bis Marokko genutzt. Sie sind längst nicht so eindeutig wie im Fall des Hummers.“
Hinzu kommt anderer Müll, der aus praktisch jeder Region der Welt stammen kann.
„Meist kennen wir den genauen geografischen Ursprung nicht. Manchmal finden wir Flaschen mit chinesischer Aufschrift, aber wir wissen nicht, ob sie direkt aus China kommen. Wahrscheinlich stammen sie von einem chinesischen Schiff vor der Küste, von dem aus die Flasche ins Meer geworfen wurde“, sagt Christopher.
Neben Flaschen finden sich auch Zigarettenkippen, Schuhsohlen oder Feuerzeuge. Am häufigsten sind jedoch kleine Plastikfragmente, „ein etwa zwei Zentimeter großes weißes Plastikstück“ – Reste eines nicht mehr erkennbaren Gegenstands.
„Viele Städte leiten große Mengen Plastik über Bäche und Flüsse ins Meer“, sagt Christopher Pham. „Unter Einwirkung von Sonne und Wellen zerfallen die Teile und bilden eine Art Suppe aus Fragmenten, die vor vielen Jahren ins Meer gelangt sind und deren ursprüngliche Form heute nicht mehr zu erkennen ist.“
Problem an der Quelle angehen
Nur wer die Herkunft dieser Objekte kennt, kann direkt an der Quelle Gegenmaßnahmen ergreifen. Deshalb ist die Kennzeichnung von Fanggeräten, wie sie in der Hummerindustrie bereits üblich ist, so wichtig.
Die Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) (Quelle auf Portugiesisch) empfiehlt, Fanggeräte eindeutig zu kennzeichnen. Die Forschenden der Universität der Azoren betonen, wie wichtig es ist, diese Praxis breit einzuführen.
Das Team hinter der Studie spricht zudem konkrete Empfehlungen für die Fischereibranche in Nordamerika aus. Dazu zählen ein besseres Management der Ausrüstung, Anreize für die Rückgabe alter Geräte und die Einrichtung von Sammelstellen.
Als nächsten Schritt wollen die Forschenden systematischer erfassen, wie dicht und wie umfangreich der Müll aus der Hummerfischerei tatsächlich ist.
„Wir wollen herausfinden, ob die Mengen zu- oder abnehmen und welchen Anteil diese Objekte im Gesamtbild der Plastikverschmutzung haben“, erklärt Christopher Pham.
Für besonders wichtig halten sie jedoch, dass das Kernziel bereits erreicht ist: Die Behörden in den Vereinigten Staaten und in Kanada wurden alarmiert und aufgefordert zu handeln.
„Es ist wichtig, dass Sie etwas tun, um den Eintrag von Plastik ins Meer zu verringern, denn Menschen, die mit der Verschmutzung nichts zu tun haben, werden zu Opfern“, schließt Christopher Pham.