Die Türkei sagt, ein elektrifizierter Alltag könne Familien und Unternehmen vor "volatilen Energiemärkten“ schützen. Doch hält der Plan uns im Zeitalter der fossilen Energien fest?
Die Gastgebernation der COP31, Türkei, will bei dem im November stattfindenden UN-Gipfel die "klimaverantwortliche KI“ in den Mittelpunkt stellen. Hintergrund sind wachsende Sorgen über deren CO₂-Fußabdruck.
Am Montag, dem 21. September, erklärte der designierte COP31-Präsident und Umweltminister Murat Kurum, eine zentrale Priorität der Verhandlungen sei, Tech-Konzerne zu drängen, ihre Rechenzentren mit sauberer Energie zu betreiben.
Damit knüpft die Türkei an sein zentrales Elektrifizierungsziel an: Bis 2035 soll der weltweite Anteil von Strom an der Energienachfrage auf 35 Prozent steigen, von derzeit rund 20 Prozent.
Die Zusage "35 bis 35“ hatte Ankara bereits im Juni vorgestellt. Sie soll den Übergang der Welt in eine CO₂-arme Zukunft fördern. Der Plan folgt auf das, was als „"schlimmste Energiekrise unserer Geschichte“ gilt – ausgelöst durch die sich verschärfende Klimakrise und den fossilen Preisschock infolge des Krieges gegen Iran.
"Wenn wir den Alltag elektrifizieren – vom Verkehr über Gebäude bis zur Industrie –, können wir Familien und Unternehmen vor schwankenden Energiemärkten schützen“, sagte Kurum.
"Das Ziel von 35 Prozent bis 2035 wird zu den prägenden Schwerpunkten unserer COP31-Präsidentschaft gehören.“
Türkeis Elektrifizierungsversprechen
Elektrifizierung bedeutet, Technologien zu ersetzen, die fossile Brennstoffe verbrennen – etwa, wenn ein Dieselauto oder -bus durch ein Elektrofahrzeug ersetzt wird. Das allein beendet den Einsatz klimaschädlicher Fossilenergie jedoch nicht.
Das World Resources Institute (WRI) bezeichnet Elektrifizierung als "Hebel, nicht Selbstzweck“ und warnt: "Ein Elektroauto, das mit einem kohlelastigen Strommix fährt, kann fürs Klima schlechter sein als ein Auto mit Benzinmotor. Der Nutzen hängt also davon ab, wie der Strom erzeugt wird.“
Fachleute fürchten nun, dass das „35-bis-35“-Versprechen es Regierungen erlauben könnte, mehr gasbetriebene Kraftwerke als Fortschritt bei der Elektrifizierung zu verbuchen. Das würde die Klimaziele "ernsthaft untergraben“, warnen sie.
"Wir dürfen nicht zulassen, dass Elektrifizierung zum Trojanischen Pferd unserer Zeit wird – genutzt, um neuen Fossilenergie-Verbrauch zu verstecken statt erneuerbare Energien zu fördern“, sagt Claire Smith von der Kampagnenkoalition Beyond Fossil Fuels.
Smith kritisiert, das Versprechen der Präsidentschaft lasse "die Hintertür offen“: Regierungen könnten zusätzlichen Einsatz fossiler Energien unter dem "Deckmantel der Elektrifizierung“ verstecken oder rechtfertigen.
"Wir sehen schon jetzt, wie Rechenzentren Strom und erneuerbare Energie aus Bereichen abziehen, die wirklich dekarbonisieren müssen. Das erhöht die Abhängigkeit von fossilem Gas und treibt die Strompreise für Verbraucher nach oben“, fügt sie hinzu.
"Klare Leitplanken sind entscheidend, damit Elektrifizierung sowohl Klimagerechtigkeit als auch einen fairen Zugang zu erneuerbarer Energie stärkt – und nicht die Interessen der Fossilindustrie.“
Auch Duygu Kutluay, Campaignerin bei Beyond Fossil Fuels, warnt, Elektrifizierung sei nicht „per se gleichbedeutend“ mit Dekarbonisierung.
"Weltweit müssen wir sicherstellen, dass die Elektrifizierungsagenda nicht zulasten des überfälligen Ausstiegs aus fossilen Energien geht“, ergänzt sie.
Woher die Türkei ihren Strom bezieht
Nach Angaben des Energie-Thinktanks Ember stammten im vergangenen Jahr 43 Prozent des Stroms in der Türkei aus emissionsarmen Quellen.
Trotz Dürren blieb Wasserkraft mit 16 Prozent die größte Quelle sauberer Energie im Land. Beim Anteil der Windkraft an der Stromerzeugung liegt die Türkei mit 11,1 Prozent vor vielen G7-Staaten, darunter Italien mit 8,1 Prozent und das atomverliebte Frankreich mit 8,2 Prozent.
Die Stromproduktion aus Solarenergie liegt bei 10,5 Prozent und hat sich in der Türkei in den vergangenen paar Jahren verdoppelt. Sie bleibt jedoch deutlich hinter südeuropäischen Ländern mit ähnlichem Potenzial zurück, etwa Italien mit 17 Prozent und Spanien mit 22 Prozent.
Kohle ist weiterhin die wichtigste Stromquelle und deckte 2025 34,3 Prozent der Stromerzeugung ab. Das liegt 1,2 Prozentpunkte über dem weltweiten Durchschnitt und 25,07 Prozentpunkte über dem EU-Durchschnitt.
Fast zwei Drittel der türkischen Kohleverstromung hängen von Importen ab, was nach Einschätzung von Analysten Folgen für die Energiesicherheit hat. Die Türkei ist zudem stark vom Einsatz von Gas abhängig: Dessen Anteil am Strommix lag im vergangenen Jahr bei 22,1 Prozent, ebenfalls über dem Welt- und EU-Durchschnitt.
Die Emissionen des türkischen Stromsektors haben sich in den vergangenen zwei Jahrzehnten durch mehr fossile Kraftwerke zur Deckung der steigenden Nachfrage fast verdoppelt. Das Wachstum von Wind- und Solarenergie im letzten Jahrzehnt hat diesen Trend jedoch etwas gebremst.
2025 lag die Pro-Kopf-Emissionen in de Türkei auf dem weltweiten Durchschnittsniveau. Bis 2030 soll nun 47 Prozent des Stroms aus erneuerbaren Quellen stammen – etwas ambitionierter als das verbindliche EU-Ziel von mindestens 42,5 Prozent.
"Die weltweite Fossilenergie-Krise, die wir zum zweiten Mal in den vergangenen vier Jahren erlebt haben, unterstreicht noch einmal die Bedeutung des Umstiegs auf saubere Energie“, sagt Ufuk Alparslan von Ember.
"In diesem Umfeld hat Türkiye die Chance, bei der regionalen Energiewende eine führende Rolle zu übernehmen.“