Ein 50-Liter-Dieseltank verschlingt in Bulgarien 15,4 Prozent des monatlichen Mindestlohns, in Luxemburg nur 3,8 Prozent; seit Beginn des Iran-Kriegs steigen die Kraftstoffpreise.
Wer in Bulgarien den Mindestlohn verdient, muss inzwischen 15,4 % seines Bruttomonatslohns ausgeben, um einen 50-Liter-Dieseltank zu füllen. Vor Beginn des Iran-Kriegs waren es 9,9 %. Das zeigt, wie stark der Druck auf Beschäftigte in den am schlechtesten bezahlten Ländern Europas wächst.
Seit dem gemeinsamen Angriff Israels und der USA auf Iran, der die Straße von Hormus faktisch blockiert hat, sind die Kraftstoffpreise deutlich gestiegen. Durch diese Meerenge läuft rund ein Fünftel des weltweiten Ölhandels.
In der EU erhöhten sich die durchschnittlichen Verbraucherpreise für Diesel laut EU Weekly Oil Bulletin zwischen dem 23. Februar, also vor der Zuspitzung im Nahen Osten, und dem 21. September um 40 %.
Steigende Spritpreise treffen viele Menschen direkt und indirekt. Besonders hart trifft es Niedrigverdienende und Beschäftigte mit Mindestlohn.
Auf die Frage, warum Haushalte mit geringem Einkommen besonders betroffen sind, sagte Torsten Müller, Senior Researcher am Europäischen Gewerkschaftsinstitut, gegenüber Euronews Business: „Sie geben einen größeren Anteil ihres Einkommens für Grundbedürfnisse wie Wohnen, Lebensmittel und Verkehr aus als Haushalte mit hohen Einkommen.“
Wie viel des Bruttomindestlohns pro Monat braucht man also in Europa, um einen 50-Liter-Tank zu füllen? Und wie stark ist dieser Anteil seit Beginn des Kriegs gestiegen?
Am 23. Februar 2026 lag der durchschnittliche Literpreis in der EU bei 1,637 € für Euro-95-Benzin und 1,594 € für Diesel. Am 21. September waren es bereits 2,092 € und 2,226 €. Das entspricht einem Anstieg von 27,8 % bei Benzin und 39,6 % bei Diesel.
Die oben stehende Tabelle zeigt alle Details: Mindestlöhne und Kraftstoffpreise in 22 EU-Ländern sowie der Türkei, dem EU-Beitrittskandidaten, für beide Zeitpunkte.
Verglichen wurden Bruttomindestlöhne pro Monat, also vor Steuern und Sozialabgaben.
In den meisten Ländern blieb der Mindestlohn im betrachteten Zeitraum unverändert. Estland verzeichnete im Euroraum den größten Zuwachs mit 6,8 % zwischen dem ersten und dem zweiten Halbjahr 2026.
In einigen Ländern stiegen die Benzinpreise um mehr als 30 %, Diesel verteuerte sich um bis zu 50 %. Malta war das einzige Land im Vergleich, in dem die Spritpreise stabil blieben.
Am 21. September reichte der Anteil des monatlichen Mindestlohns, der für eine 50-Liter-Benzintankfüllung nötig war, von 3,3 % in Luxemburg bis 13,4 % in Bulgarien.
Über zehn Prozent lagen die Werte auch in Lettland (12,8 %), der Türkei (11,5 %), Rumänien (11,5 %), Griechenland (10,2 %), Tschechien (10,2 %), Estland (10,1 %) und der Slowakei (10,1 %). Unter fünf Prozent lagen Irland (4,1 %) und Belgien (4,4 %).
Unter den großen Volkswirtschaften verzeichnet Deutschland den niedrigsten Wert: Wer dort den Mindestlohn erhält, muss rund fünf Prozent seines Bruttomonatslohns ausgeben, um einen 50-Liter-Benzintank zu füllen.
Torsten Müller betonte, dass sich die großen Unterschiede zwischen den Ländern vor allem durch die stark abweichenden Mindestlöhne erklären lassen.
„Ein Liter Diesel ist in Bulgarien nur geringfügig günstiger, während der Mindestlohn weniger als ein Viertel des luxemburgischen Niveaus erreicht“, sagte er.
Er hob hervor, dass sich diese Unterschiede auch im Wert der Mindestlöhne in Kaufkraftstandards (PPS) widerspiegeln, die unterschiedliche Preisniveaus berücksichtigen. In Luxemburg ist der Mindestlohn in PPS weiterhin doppelt so hoch wie in Bulgarien.
Beschäftigte in Ländern mit niedrigen Mindestlöhnen spüren die Belastung besonders: Sie müssen nun einen größeren Teil ihres Gehalts für Kraftstoff ausgeben als vor Beginn des Konflikts. In Bulgarien stieg der Anteil für Benzin um 3,6 Prozentpunkte, gefolgt von der Türkei mit 3,1 und Lettland mit drei Prozentpunkten.
Tankfüllung kostet mehr als zehn Prozent des monatlichen Mindestlohns
Eine 50-Liter-Dieseltankfüllung verschlingt einen noch größeren Anteil des monatlichen Mindestlohns, wenn Diesel pro Liter teurer ist als Benzin. Der Anteil reichte von 3,8 % in Luxemburg bis 15,4 % in Bulgarien.
„Wenn die durchschnittliche Miete bereits mehr als ein Drittel des Mindestlohns ausmacht, ist es schlicht nicht möglich, nochmals 15 % des gesamten Lohns für Kraftstoff auszugeben“, sagte Esther Lynch, Generalsekretärin des Europäischen Gewerkschaftsbunds, gegenüber Euronews Business.
Sie warnte, dass Menschen gezwungen sein könnten, ihren Job aufzugeben, besonders in Regionen ohne verlässliche öffentliche Verkehrsanbindung. Das schade sowohl den Beschäftigten als auch Unternehmen, die schon heute unter Fachkräftemangel leiden.
Die Rangfolge der Länder ähnelt sich bei Diesel weitgehend. In mehreren Staaten müssen Beschäftigte mit Mindestlohn mehr als zehn Prozent ihres Monatslohns für eine 50-Liter-Tankfüllung einplanen. Der Anteil liegt bei 13,9 % in Lettland, 13,8 % in der Türkei, 12,7 % in Rumänien, 11,2 % in Tschechien und Estland, 10,8 % in Ungarn, 10,4 % in Griechenland und 10,3 % in Portugal.
In Irland (4,3 %), Deutschland (5,2 %), Belgien (5,3 %) und den Niederlanden (5,5 %) müssen Mindestlohnempfänger vergleichsweise geringe Anteile ihres Lohns für eine Tankfüllung ausgeben.
Wo der Mindestlohn mehr Kraftstoff kauft
Die beiden Grafiken zu Benzin und Diesel zeigen auch, wie viel Kraftstoff sich Beschäftigte mit Mindestlohn in jedem Land leisten können. Je kleiner der Anteil, der für eine 50-Liter-Tankfüllung nötig ist, desto mehr Kraftstoff kauft der Mindestlohn. Ein größerer Anteil bedeutet, dass er weniger kauft.
Am 21. September konnte ein Mindestlohnempfänger in Bulgarien zum Beispiel 324 Liter Diesel kaufen. In Luxemburg waren es 1.311 Liter.
Hohe Kraftstoffkosten treffen mittel- und osteuropäische Länder am stärksten
Im Vergleich zum Februar sind die Anteile für eine Dieseltankfüllung besonders in Bulgarien (plus 5,5 Prozentpunkte) und der Türkei (plus 5,3 Prozentpunkte) stark gestiegen. Beschäftigte in Lettland, Tschechien und Estland litten ebenfalls unter der Kraftstoffinflation: Dort erhöhte sich der Anteil ihres Mindestlohns für eine Tankfüllung um mehr als drei Prozentpunkte.
Mit Blick auf die Lücke zwischen den Mindestlöhnen in westeuropäischen Staaten und den Ländern Mittel- und Osteuropas sagte Müller, dass vor allem in den CEE-Staaten Beschäftigte mit Mindestlohn den größten Teil ihres Gehalts für Benzin ausgeben müssen.