Die Regierung in Caracas lieferte in fünf Jahren 127 Tonnen Zentralbankgold an Schweizer Raffinerien. Sie suchte Bargeld und Sicherheiten. Die Schuldenkrise spitzte sich zu.
Vor zehn Jahren schaffte Venezuela heimlich Gold im Wert von fast 4,7 Milliarden Schweizer Franken (5,05 Milliarden Euro) aus den Reserven des südamerikanischen Landes. Es sollte eingeschmolzen und international verkauft werden.
Über fünf Jahre ließ Venezuela 127 Tonnen Gold in die Schweiz ausfliegen. Der Schweizer Zoll verfolgte die Spuren später nach; er erfasst und meldet sämtliche Ein- und Ausfuhren.
Die Schweiz ist ein führender internationaler Umschlagplatz für Gold. Gemessen am Wert war sie in den vergangenen Jahren der größte Importeur und Exporteur weltweit; Zolldaten zeigen enorme Zu- und Abflüsse.
Für ein Land wie Venezuela, das Gold aus den Reserven der Zentralbank zu Geld machen wollte, ist noch etwas entscheidend: In der Schweiz sitzen einige der größten Raffinerien der Welt, darunter Valcambi, PAMP und Argor-Heraeus, die vor allem im Kanton Tessin angesiedelt sind.
Diese Betriebe schmelzen das Metall ein und gießen es zu international handelbaren Formaten um, den sogenannten „Good-Delivery“-Barren. Sie liefern auch die nötigen Papiere und Zertifikate. So lässt sich das Gold an den Weltmärkten leichter bewegen und verkaufen.
Die Schweizer Behörden veröffentlichten die Daten zu den Goldverschiebungen aus Venezuela zunächst nicht. Das folgt der eidgenössischen Tradition größtmöglicher finanzieller Diskretion. Sie macht das Land bis heute attraktiv, für Spitzenmanager ebenso wie für autokratisch regierende Staats- und Regierungschefs, die Vermögen parken oder versilbern wollen.
Der öffentlich-rechtliche Sender SRF berichtet, Maduros Regierung habe das Gold als „Akt der Verzweiflung“ ins Ausland gebracht, um einen Staatsbankrott abzuwenden. Ein Teil sei verkauft worden, ein weiterer als Sicherheit für Kredite und zur Refinanzierung der Schulden verpfändet.
Als Venezuela 2017 in den Zahlungsausfall rutschte, war das Land von normaler Refinanzierung faktisch abgeschnitten. Zudem gingen die verfügbaren Devisen zur Neige.
Ein Policy Paper des Center for International Governance Innovation (CIGI) aus dem Jahr 2017 bezifferte die Finanzierungslücke damals auf mehr als 15 Milliarden US-Dollar (12,84 Milliarden Euro). Der Schuldendienst für Anleihen lag bei rund 12 Milliarden US-Dollar (10,27 Milliarden Euro) und stieg auf nahezu 20 Milliarden US-Dollar (17,1 Milliarden Euro), wenn China-gebundene Zahlungen einbezogen werden.
Laut den damaligen CIGI-Berichten klaffte in Venezuela eine erhebliche Finanzierungslücke. Verwertbare Vermögenswerte oder politische Hebel, um sie zu schließen, gab es kaum.
Die Erlöse aus Ölexporten, bis heute wichtigste Dollarquelle des Staates, waren eingebrochen. CIGI hielt fest: Die Exporterlöse reichten bei weitem nicht, um den Anleihedienst dieses Jahres zu decken.
Nach SRF-Recherchen gelangten Teile des umgeschmolzenen venezolanischen Goldes später in andere Länder, etwa nach Großbritannien, ebenfalls ein wichtiger Umschlagplatz. Zudem verkaufte Venezuela große Mengen an die Türkei.
Damals verstießen die Einfuhren in die Schweiz gegen keine Sanktionen. Heute wären solche Geschäfte kaum noch denkbar: Der Bundesrat verschärfte 2018 die Regeln für Finanztransaktionen, nachdem die großen Sanktionen gegen Venezuela in Kraft getreten waren, und passte sich damit den EU-Maßnahmen an.
Der Versuch, einen Staatsbankrott durch die Verlagerung von Goldreserven ins Ausland zu verhindern, scheiterte weitgehend. Schon 2017 konnte Venezuela seine Verpflichtungen nicht mehr erfüllen, weder Tilgung noch Zinsen.
Die aktuelle Auslandsverschuldung wird auf bis zu 170 Milliarden US-Dollar (145,4 Milliarden Euro) geschätzt. Das entspricht rund dem Doppelten der jährlichen Wirtschaftsleistung. De facto ist das Land damit bankrott.