Der Chef der Fluggesellschaft setzt auf künstliche Intelligenz: Sie soll Flugpläne nach Unwettern neu ordnen und die Effizienz in einer unsicheren Branche steigern.
Europas Luftfahrtbranche konsolidiert sich weiter und passt sich neuen Technologien an. Scandinavian Airlines stellt sich in dieser Phase auf neues Wachstum ein – und wartet zugleich darauf, dass die Aufsichtsbehörden den nächsten großen Schritt freigeben.
Euronews hat am Rande des World Governments Summit in Dubai mit SAS-Präsident und -Chef Anko van der Werff gesprochen. Thema waren die geplante Eingliederung der Airline in die Air-France-KLM-Gruppe, die Rolle künstlicher Intelligenz und die großen Herausforderungen der Branche.
Warten auf grünes Licht
SAS befindet sich derzeit mitten im Integrationsprozess in die Air-France-KLM-Gruppe. Der Schritt braucht allerdings noch die Zustimmung der europäischen Behörden.
Van der Werff rechnet damit, dass es im Laufe dieses Jahres Klarheit gibt, gesteht aber, dass die Hängepartie an den Nerven zehrt.
„Wir erwarten die Genehmigung in der zweiten Jahreshälfte“, sagt er und räumt ein, dass der Prozess langsamer vorankommt, als ihm lieb ist. „Ich bin immer ein bisschen ungeduldig … es geht eben sehr langsam.“
Das bremst viele Pläne aus. Die Airline möchte die Vorteile eines größeren globalen Netzwerks möglichst schnell nutzen, vor allem durch Joint Ventures und ausgebaute Partnerschaften.
„Tempo ist entscheidend“, betont er. Viele Initiativen lägen faktisch auf Eis. „Dabei sind genau sie unser Kerngeschäft – und im Moment ist das ein wenig angehalten.“
Wachstumspläne innerhalb der Air-France-KLM-Gruppe
Trotz aller Sorgen über die wachsende Marktmacht großer Konzerne sieht van der Werff die Marke SAS nicht im Schatten der neuen Muttergesellschaft. Im Gegenteil: Durch die geografische Lage im Streckennetz entstehe zusätzlicher Spielraum für Wachstum.
„Die Marke wird das auf jeden Fall überstehen“, sagt er. „SAS wird sehr stark bleiben.“
Da einige der bisherigen Drehkreuze der Gruppe an Kapazitätsgrenzen stoßen, sieht er vor allem die skandinavischen Länder – und Kopenhagen ganz besonders – als natürlichen Wachstumsmotor.
„Da steckt enormes Wachstumspotenzial“, so van der Werff. Reisende würden „in Zukunft mehr von SAS sehen als heute“.
KI als praktisches Werkzeug, nicht nur Schlagwort
Parallel zur Konsolidierung prüft die Airline, wie künstliche Intelligenz ihre Abläufe verändern kann. Die Unternehmensführung habe sich im vergangenen Jahr intensiv damit beschäftigt, wo die Technik konkret Nutzen bringt, sagt van der Werff.
„KI ist mehr als nur ein Modewort“, erklärt er. Das Unternehmen habe „fünf große Wetten“ identifiziert, die sich vor allem um ein besseres Kundenerlebnis drehen.
Einen besonders klaren Anwendungsfall sieht er im Umgang mit Störungen – ein vertrautes Problem für eine nordische Airline mit harten Wintern.
„Manchmal treffen uns heftige Schneestürme“, sagt er. An solchen Tagen gebe es „hundert Flugstreichungen am Tag“, Maschinen, Crews und Passagiere verteilten sich dann über das gesamte Netz.
In solchen Situationen könne KI Flugpläne deutlich schneller neu aufsetzen als menschliche Teams allein. „Wir glauben, dass KI diese Vielzahl an Variablen unendlich viel besser bewältigt.“
Von Experimenten zur Umsetzung
Nach seiner Einschätzung verlässt die Branche die Experimentierphase mit KI und bewegt sich hin zu praktischen Anwendungen, die die Effizienz steigern.
„Die ersten Gehversuche liegen hinter uns“, sagt er. „Jetzt treten wir in eine Phase ein, in der wir wirklich ins Laufen kommen.“
Mit völlig autonom fliegenden Passagierjets rechnet er so bald nicht. Er sieht jedoch viele Chancen bei kleineren, operativen Verbesserungen – etwa bei der besseren Planung der Bordverpflegung oder beim Senken von Flugzeuggewicht und Treibstoffverbrauch.
„Autonomes Fliegen wird noch dauern“, sagt van der Werff. Dagegen könnten Werkzeuge, die Ressourcen optimieren oder einfache Programmieraufgaben übernehmen, deutlich früher kommen.
„Es gibt viele Möglichkeiten – und viele davon werden direkt den Kundinnen und Kunden zugutekommen.“
Störungen als Vorteil nutzen
Unter den KI-Projekten der Airline ragt das Management von Störungen für ihn heraus. Wenn große Gruppen von Passagieren und Besatzungen am falschen Ort sind, steigen Kosten und Komplexität rasant.
„Störungsmanagement steht ganz klar an erster Stelle“, sagt er und beschreibt Situationen, in denen „Zehntausende, Hunderttausende von Passagieren“ umgebucht werden müssen.
Schnellere und präzisere Entscheidungen könnten Hotelübernachtungen reduzieren, Flugzeuge und Crews zügiger neu positionieren und die Folgewirkungen von Ausfällen begrenzen.
„Wie setzt man dieses Puzzle schneller und effizienter wieder zusammen?“, fragt er. KI könne Probleme lösen, die für menschliche Planerinnen und Planer allein schlicht zu komplex seien – und das in sehr kurzer Zeit.
Eine Branche, die vom Unerwarteten geprägt ist
Nach mehr als zwei Jahrzehnten in der Luftfahrt sagt van der Werff, Unsicherheit gehöre zum Alltag.
Die Branche hat Gesundheitskrisen, Finanzschocks und geopolitische Brüche überstanden – und er rechnet mit weiteren Überraschungen.
„Es passiert immer etwas“, sagt er und erinnert an SARS, die Finanzkrise und COVID‑19.
Neben diesen Schocks bleibt der alltägliche wirtschaftliche Druck – von schwankenden Kerosinpreisen über Währungsturbulenzen bis hin zu veränderter Nachfrage.
„Ohne Nachfrage geht gar nichts“, betont er und erinnert daran, wie schnell der Reiseverkehr in der Pandemie zum Stillstand kam.
Trotzdem sieht er Gründe für Optimismus, vor allem durch weitere Konsolidierungsschritte und technischen Fortschritt.
Appell für schnellere Entscheidungen in Europa
Van der Werff ist überzeugt, dass Europa schneller handeln muss, wenn es wettbewerbsfähig bleiben will – vor allem im Vergleich zu Regionen, die Unternehmertum stärker fördern.
„Europa muss Tempo machen“, fordert er. Dafür brauche es weniger Bürokratie und eine klarere strategische Linie.
Ganz schwarz sieht er die Lage des Kontinents nicht, warnt aber, dass übermäßige Regulierung Innovation ausbremsen kann.
„Bürokratie abbauen und wieder Geschwindigkeit ins Spiel bringen“, sagt er. Europa könne viel gewinnen, wenn es Unternehmerinnen, Unternehmer und Risikobereite wieder stärker wertschätzt.
„Der Hunger nach Fortschritt in dieser Weltregion begeistert mich immer wieder“, sagt van der Werff. Europa habe davon „ein Stück weit verloren oder verpasst“.