An den Börsen holen die Schwellenländer 2026 kräftig auf. Ihre Aktien schlagen US-Titel deutlich. Der S&P 500 tritt wegen Turbulenzen bei Software- und Wachstumswerten auf der Stelle.
Die Börsen der Schwellenländer erleben 2026 ein kraftvolles Comeback. Die Rally überrascht viele Anleger durch ihr Tempo – so schnell wie seit Jahrzehnten nicht mehr – und durch den globalen Kontext, in dem sie stattfindet.
US-Softwarewerte leiden unter der Angst vor Verwerfungen durch Künstliche Intelligenz, der S&P 500 tritt seit Jahresbeginn insgesamt auf der Stelle. Die Schwellenländer koppeln sich davon ab.
Damit kehrt sich eine seit Langem gewohnte Marktlogik um. Die Anlageklasse übernimmt vorübergehend eine ungewohnte Rolle: Sie gilt vergleichsweise als sicherer Hafen.
Die Rally ist breit angelegt, hält an und stützt sich zunehmend auf Kapitalzuflüsse, das makroökonomische Umfeld und strukturelle Veränderungen im Welthandel.
Schwellenländer führen die weltweiten Performance-Ranglisten an
Daten von CountryETFTracker zeigen: Die fünf bislang bestlaufenden, länderspezifischen Indexfonds des Jahres kommen alle aus Schwellenländern.
An der Spitze steht der südkoreanische iShares MSCI South Korea ETF (EWY). Er liegt seit Jahresbeginn um 43,28 % im Plus, nach einem Kurssprung von 96 % im Jahr 2025.
Die Gewinne spiegeln die Dominanz von Chipkonzernen wie Samsung Electronics und SK Hynix wider. Sie profitieren von der starken weltweiten Nachfrage nach KI-bezogenem Speicher und Hochleistungshalbleitern, was die Exporte und Unternehmensgewinne nach oben treibt.
Dahinter folgt der iShares MSCI Peru ETF (EPU) mit einem Plus von 25,31 %. Brasiliens iShares MSCI Brazil ETF (EWZ) kommt auf 22,03 %, Thailand (THD) auf 21,38 % und die Türkei (TUR) auf 21,32 %.
Der breiter gefasste MSCI Emerging Markets Index, den der iShares MSCI Emerging Index Fund (EEM) abbildet, liegt seit Jahresbeginn fast 13 % im Plus.
Zwei Aspekte stechen hervor: das Ausmaß der relativen Stärke und die erstaunliche Konstanz der Rally.
In den vergangenen zwei Monaten verzeichnete EEM gegenüber dem S&P 500 den stärksten relativen Anstieg seit 2008. Auf Zwölf-Monats-Sicht hat sich die Leistungslücke auf 25 Prozentpunkte ausgeweitet – die größte Divergenz seit Januar 2010.
Schwellenländer verzeichneten zudem in 13 der vergangenen 14 Monate Kursgewinne und schlossen neun Wochen in Folge im Plus – eine Serie, wie es sie zuletzt 2005 gab.
Alles deutet auf einen klaren strukturellen Trend hin.
Rekordzuflüsse durch geografische Neuaufteilung von Kapital
Die Rally speist sich nicht nur aus steigenden Kursen, sondern auch aus kräftigen Zuflüssen.
Der iShares MSCI Emerging Markets ETF zog im Januar 2026 mehr als 4 Milliarden Dollar (3,7 Milliarden Euro) an. Es war der stärkste Zufluss seit 2015.
Allein Südkorea verbuchte im Januar 1,6 Milliarden Dollar (1,5 Milliarden Euro) und im Februar mehr als eine Milliarde Dollar (0,9 Milliarden Euro). Brasilien zog im Januar fast eine Milliarde Dollar (0,9 Milliarden Euro) an.
Der starke Anstieg der Allokationen legt nahe, dass institutionelle Investoren ihr Engagement in Schwellenländern gezielt ausweiten.
Wichtig ist auch: Die Zuflüsse konzentrieren sich nicht auf einen einzelnen Modetrend, sondern sind breit gestreut.
Asienzentrierte Märkte profitieren von ihrer Rolle in den KI-Lieferketten. Fonds aus Lateinamerika gewinnen dagegen durch Rohstoffe und ihre zyklische Ausrichtung.
Warum passiert das?
Erstens: Umschichtung weg von überfüllten US-Techwerten
Ein großer Teil der Marktdiskussion im Jahr 2026 dreht sich um mögliche Verwerfungen durch Künstliche Intelligenz, vor allem bei lang laufenden US-Softwarewerten.
Nach Jahren hoher Konzentration auf US-Technologieaktien mit riesiger Marktkapitalisierung hinterfragen Anleger nun ihr Engagement. Bewertungen wirken überzogen, die Schwankungen nehmen zu.
Schwellenländer starteten dagegen mit deutlichen Bewertungsabschlägen gegenüber den Industriestaaten ins Jahr.
Kapital fließt aus überfüllten US-Wachstumswerten in zyklische Titel, Rohstoffe und Regionen, die direkt von der Nachfrage nach KI-Hardware profitieren.
Ed Yardeni von Yardeni Research betont, dass die US-Wirtschaft zwar weiterhin herausragt. Schwellenländer profitieren jedoch von wachsenden Mittelschichten, steigender Industrieproduktion und Exporten, die das Wachstum vieler Industriestaaten zunehmend übertreffen.
Zweitens: Schwächerer Dollar stützt Schwellenländer
Wechselkursbewegungen verstärken die Umschichtung in Schwellenländer.
Jeff Buchbinder, Chefaktienstratege bei LPL Financial, verweist darauf, dass der US-Dollar-Index kurz davor steht, seinen langfristigen Aufwärtstrend zu brechen. Erwartete weitere Zinssenkungen der US-Notenbank erhöhen den Druck.
Hinzu kommt: Zentralbanken diversifizieren ihre Reserven schrittweise weg vom Dollar hin zu Gold. Gleichzeitig weitet das anhaltende US-Handelsdefizit das weltweite Dollarangebot aus und setzt die US-Währung zusätzlich unter Druck.
Für Schwellenländer erleichtert ein schwächerer Dollar die Refinanzierung und verbessert die relative Rendite.
David Hauner, Stratege bei der Bank of America, bezeichnet die nahezu sichere Erwartung, dass der nächste Schritt der Fed eine Zinssenkung ist, als „Volatilitätsdämpfer“. Ein Umfeld, das Schwellenländeranlagen historisch häufig gestützt hat.
Drittens: KI-Hardware-Boom stärkt Asien
Die Sorgen rund um KI belasten US-Softwarewerte. Die dafür benötigte Hardware entsteht jedoch überwiegend in Asien.
Taiwan dominiert die Produktion hochentwickelter Halbleiter, und Südkoreas Samsung Electronics bleibt ein weltweit führender Hersteller von Speicherchips.
In Taiwan machen technologiebezogene Güter inzwischen rund 80 % der Exporte und den Großteil des jüngsten Wachstums aus. Die Erlöse des Chipauftragsfertigers TSMC folgen weiter dem Exporttempo der Insel. Analysten rechnen für 2026 mit einem weiteren Jahr kräftigen Wachstums.
Viertens: Rohstoffe und Zykliker liefern zusätzliche Unterstützung
Die Stärke beschränkt sich nicht auf Technologieexporteure. Rohstoffreiche Volkswirtschaften wie Brasilien und Peru profitieren von robuster Nachfrage nach Metallen und Agrargütern. Thailand und die Türkei gewinnen durch bessere Finanzierungsbedingungen und eine zyklische Erholung.
Vor dem Hintergrund eines sich stabilisierenden Weltwachstums und sinkender Erwartungen an eine straffe US-Geldpolitik rücken Schwellenländer wieder in den Fokus der Anleger. Vor allem jene, die exportstark sind und zugleich ihre externen Bilanzen verbessern.
Warum das wichtig ist
Das Comeback der Schwellenländer ist mehr als eine kurzfristige Erfolgsgeschichte.
Nach einem Jahrzehnt, das von der Ausnahmestellung der USA geprägt war, deutet die aktuelle Rally auf eine mögliche Verbreiterung der globalen Marktführerschaft hin – getrieben von Wechselkursen, verschobenen Kapitalströmen und der Geografie der KI-getriebenen Produktion.
Hält dieser Trend an, könnte er die Zusammensetzung von Portfolios grundlegend verändern. Die seit Langem bestehende Konzentration der globalen Aktienrenditen auf eine kleine Gruppe amerikanischer Mega-Konzerne stünde dann ernsthaft zur Disposition.