Superreiche lagern laut neuem Bericht rund 2,84 Billionen Dollar (2,47 Billionen Euro) unversteuert in Offshore-Konten – mehr als die ärmere Hälfte der Menschheit besitzt.
Das unversteuerte Vermögen, das die reichsten 0,1 Prozent der Welt in Offshore-Steueroasen verstecken, übersteigt das gesamte Vermögen der ärmsten 4,1 Milliarden Menschen, wie eine Analyse von Oxfam zeigt.
Der am Donnerstag veröffentlichte Bericht zeigt: Auch zehn Jahre nach den Enthüllungen der Panama Papers nutzt die globale Elite weiterhin ein komplexes internationales Finanzsystem, um riesige Vermögen dem Blick der Öffentlichkeit und dem Zugriff der Steuerbehörden zu entziehen.
Im Gespräch mit Euronews sagte Christian Hallum, Steuerexperte bei Oxfam, die Superreichen schafften weiterhin „Ozeane von Reichtum“ beiseite. Es gehe längst nicht nur um findige Buchhaltung, sondern um „Macht und Straflosigkeit“.
Nach Angaben des in Großbritannien ansässigen internationalen Verbunds von mehr als zwanzig unabhängigen NGOs liegen rund 3,55 Billionen Dollar (3,08 Billionen Euro) an Privatvermögen unversteuert und nicht gemeldet auf Offshore-Konten.
Das entspricht fast der gesamten Wirtschaftsleistung des Vereinigten Königreichs und ist mehr als doppelt so viel wie das gemeinsame Bruttoinlandsprodukt der 44 am wenigsten entwickelten Länder der Welt.
Die Konzentration dieses versteckten Vermögens ist extrem: Die obersten 0,1 Prozent halten etwa 80 Prozent aller unversteuerten Offshore-Gelder, das sind rund 2,84 Billionen Dollar (2,47 Billionen Euro).
Innerhalb dieser Gruppe vereinnahmt ein winziger Bruchteil, die obersten 0,01 Prozent, 1,77 Billionen Dollar (1,53 Billionen Euro).
Hallum erklärte Euronews, das Geschäftsmodell der Steueroasen sei nach wie vor stabil, weil Superreiche sich Vermögensverwalter und Steuerberater leisten können, die immer neue, teils abenteuerliche Modelle zur Steuervermeidung entwickeln.
Das gesamte Finanzvermögen in Offshore-Zentren belief sich 2023 Schätzungen zufolge auf 13,25 Billionen Dollar (11,51 Billionen Euro), rund 12,48 Prozent der weltweiten Wirtschaftsleistung. Der unversteuerte Anteil hat sich seitdem bei etwa 3,2 Prozent eingependelt.
Oxfam fordert nun die britische Regierung und die anderen G7-Staaten auf, dauerhafte, progressive Vermögenssteuern für Superreiche einzuführen, um diese entgangenen Einnahmen zurückzugewinnen.
Nach Ansicht der Organisation sind diese Mittel entscheidend, um weltweite Armut zu bekämpfen, den Wandel zu einer grünen Wirtschaft zu finanzieren und marode öffentliche Infrastruktur zu stärken.
Euronews fragte Hallum, ob eine Vermögenssteuer wirklich Abhilfe schaffen kann, wenn Superreiche Offshore-Dienstleistungen gerade benutzen, um Steuern vollständig zu umgehen.
Der Steuerexperte von Oxfam antwortete: „Eine Vermögenssteuer löst das Offshore-Problem nicht. Aber wenn die reichsten 0,1 Prozent rund 80 Prozent des unversteuerten Offshore-Vermögens besitzen, können wir die Verluste an Steueroasen nicht vom Problem extremer Ungleichheit trennen.“
„Wenn wir dieses Geschäftsmodell wirklich stoppen wollen, müssen wir die finanzielle Transparenz erhöhen. Wir müssen aber auch die extreme Ungleichheit angehen, die die Nachfrage nach den Dienstleistungen der Steueroasen antreibt. Deshalb brauchen wir eine Vermögenssteuer für Superreiche“, fasste Hallum zusammen.
Ohne strukturelle Reformen, die verbleibenden Schlupflöcher zu schließen, und ohne eine wirklich inklusive Strategie für globale Zusammenarbeit, so warnen Fachleute, wird das Offshore-System weiter als Sicherheitsventil für die Reichsten der Welt funktionieren, auf Kosten der großen Mehrheit.
Vorstoß für globalen Steuerrahmen
Ein großes Hindernis im Kampf gegen Steuerhinterziehung ist die ungleiche Umsetzung des Systems zum automatischen Informationsaustausch (AEOI).
Bis Ende vergangenen Jahres hatten zwar 126 Jurisdiktionen den Gemeinsamen Meldestandard (CRS) unterzeichnet, darunter wichtige Finanzplätze wie Singapur und die Britischen Jungferninseln. Viele Staaten des Globalen Südens bleiben jedoch außen vor.
Hallum sagte Euronews, die Forderung nach „Gegenseitigkeit“ sei eine große Hürde für Entwicklungsländer. Sie müssen erst komplexe Systeme aufbauen, um wirtschaftlich Berechtigte zu identifizieren und Daten an andere Staaten zu übermitteln, bevor sie selbst Informationen über Offshore-Vermögen ihrer Bürgerinnen und Bürger erhalten.
„Die Mechanismen aufzubauen, mit denen Finanzinstitute diese Informationen an die zuständigen Behörden weitergeben, ist selbst für die finanzstärksten Länder eine sehr anspruchsvolle Aufgabe. Für viele Entwicklungsländer liegt sie schlicht außerhalb ihrer Möglichkeiten“, erläuterte der Experte.
Hallum nannte auch das Beispiel Ghana. Das Land unterzeichnete den CRS im Jahr 2014, erhielt aber erst ab 2022 Informationen, nachdem es schätzungsweise eine Million Dollar (862.800 Euro) in den Aufbau der nötigen Kapazitäten gesteckt hatte.
Diese technische und finanzielle Belastung hindert klamme Verwaltungen häufig daran, an entscheidende Daten zu kommen, mit denen sie entgangene Steuereinnahmen zurückholen könnten.
Das anhaltende Ausmaß der Offshore-Steuerflucht hat einen Wandel der globalen Steuerpolitik beschleunigt.
Im November 2024 billigten die Mitgliedstaaten der Vereinten Nationen das Mandat für eine UN-Rahmenkonvention zur internationalen Steuerzusammenarbeit.
Die formellen Verhandlungen begannen Anfang 2025 und sollen bis 2027 laufen. Ziel ist ein inklusiveres System als das derzeitige, von der OECD dominierte Regelwerk.
Hallum betonte, viele Regierungen im Globalen Süden forderten mehr Transparenz deutlich lauter als ihre Pendants im Globalen Norden. Ein Grund: Ein Großteil des versteckten Vermögens fließt am Ende in die reichsten Staaten.
Zusätzlich zu einer Vermögenssteuer fordert Oxfam nach Hallums Angaben ein globales Vermögensregister, das wirtschaftlich Berechtigte über Ländergrenzen hinweg erfasst. Außerdem sollen öffentliche Register geöffnet werden, um Briefkastenfirmen und Trusts „zu durchleuchten“, hinter denen Immobilien und andere Vermögenswerte verschwinden.
Hallum sagte Euronews, solche Maßnahmen würden zusammen mit höheren Investitionen in die Steuerverwaltungen die „informationelle Infrastruktur“ schaffen, die Steuerhinterziehung strukturell erschwert und sicherstellt, dass Superreiche einen fairen Beitrag zu den Gesellschaften leisten, in denen sie ihr Geld verdienen.
Offshore-Vermögen: Europas Zahlen
Die Oxfam-Analyse richtet den Blick auf globale Zahlen. Der „Atlas der Offshore-Welt“ beleuchtet dagegen das gesamte Offshore-Vermögen, nicht nur unversteuerte Gelder, und ermöglicht einen genaueren Blick auf Europa.
Die Initiative des EU Tax Observatory und des Norwegian Centre for Tax Research stützt sich auf Daten von Gabriel Zucman und anderen Ökonomen.
Schätzungen zufolge bleibt das Offshore-Vermögen in ganz Europa hoch. Innerhalb der EU weist Griechenland im Verhältnis zur Wirtschaftsleistung den höchsten Wert auf: rund 80 Prozent seines Bruttoinlandsprodukts.
Zudem verliert Griechenland 47 Prozent seiner Unternehmenssteuereinnahmen – der höchste Wert in Europa. Es folgen Deutschland mit 29 Prozent und Estland mit 24 Prozent.
Frankreich und das Vereinigte Königreich komplettieren die Top fünf mit jeweils geschätzten 16 Prozent.
Den größten Teil des griechischen Vermögens sollen Konten in der Schweiz verwahren. Sie zählt zusammen mit Luxemburg, Zypern und den Kanalinseln weiterhin zu den wichtigsten Standorten für Offshore-Gelder.