Israel rückt in den Libanon vor und gefährdet USA-Iran-Gespräche. Die UN fordert alle Konfliktparteien auf, die Waffenruhe zu achten. Das ist die Antwort der Hisbollah.
Die Vereinten Nationen haben eindringlich zur Einhaltung der vereinbarten Waffenruhe aufgerufen, nachdem Israel seine Offensive auf den Libanon ausgeweitet hat. Der Schritt bringt die ohnehin fragilen Friedensgespräche zwischen den USA und Iran an den Rand des Zusammenbruchs.
„Wir sind zutiefst beunruhigt über die Eskalation der militärischen Aktivitäten im Süden des Libanon und darüber hinaus“, sagte Stéphane Dujarric, Sprecher von UN-Generalsekretär António Guterres. „Wir rufen alle Akteure auf, die Einstellung der Feindseligkeiten zu respektieren und weitere Eskalation zu vermeiden.“
Der Appell der UN erfolgte, als die israelische Regierung am Montag Angriffe auf die südlichen Vororte von Beirut anordnete. Zuvor hatten die Bodentruppen Israels den tiefsten Vorstoß in den Libanon seit 26 Jahren gemeldet. Gleichzeitig feuerte die Hisbollah Raketen auf Nordisrael, auch auf das Umland der Küstenstadt Haifa.
Hisbollah will Angriffe auf Nordisrael nicht einstellen
Eine Quelle aus dem Umfeld der Hisbollah bestätigte der Nachrichtenagentur AFP, dass die von Iran unterstützte Gruppe ihre Angriffe auf Nordisrael nicht einstellen werde. Die Hisbollah habe sich nicht verpflichtet, die Attacken zu beenden, betonte die Quelle, die anonym bleiben wollte. Und fügte hinzu: „Warum sollten wir Angriffe beenden, die Israel treffen, während Israel den Libanon bombardiert?“
Israel drohte seinerseits weiter mit Bombardierungen der südlichen Vororte Beiruts, falls die Angriffe der Milizen anhalten. Das heizt die Lage zusätzlich an.
Schon am Montagmorgen hatte Israels Verteidigungsminister Israel Katz erklärt: „Wenn es im Norden keine Ruhe gibt, wird es auch in Beirut keine Ruhe geben.“ Ein ranghoher US-Regierungsvertreter sagte AFP am Sonntag, Washington habe „eine klare Abfolge vorgeschlagen: Die Hisbollah muss alle Angriffe auf Israel einstellen. Im Gegenzug würde Israel auf eine Eskalation in Beirut verzichten.“
Iran droht mit neuen Fronten
Unterdessen drohen die Revolutionsgarden Irans laut staatlichen Medien damit, neue Fronten zu eröffnen und die Straße von Hormus weiter geschlossen zu halten – als Reaktion auf Israels Offensive im Libanon.
„Iran betrachtet ein Überschreiten der roten Linien im Libanon und im Gazastreifen als direkten Krieg“, zitierte das Staatsfernsehen den Geheimdienst der Garden. „Entsprechend ist es entschlossen, mit bedeutenden Maßnahmen und der Eröffnung neuer Fronten zu reagieren und zugleich das bisherige Kräfteverhältnis in der Straße von Hormus aufrechtzuerhalten.“
Am Montagabend schrieb Mohsen Rezaee, Militärberater des obersten geistlichen Oberhaupts Irans, Ayatollah Mojtaba Khamenei, auf X, „die Eskalation der Spannungen im Libanon werde nicht toleriert“, und fügte hinzu, „die Geduld der iranischen Streitkräfte habe Grenzen“.
Zuvor hatte die Nachrichtenagentur Tasnim berichtet, Iran und seine Verbündeten wollten als Antwort auf Israels Militäreinsätze „weitere Fronten aktivieren, darunter die Meerenge Bab al-Mandab“ am Eingang zum Roten Meer.
Irans jemenitischer Verbündeter, die Huthi-Miliz, hat in der Vergangenheit bereits Schiffe in der Meerenge und in angrenzenden Gewässern angegriffen. Viele Reedereien wichen daraufhin über weite Umwege rund um Afrika aus, statt durch das Rote Meer und den Suezkanal zu fahren.
Am Roten Meer liegt zudem der saudi-arabische Hafen Yanbu. Über ihn exportiert Riad Millionen Barrel Öl und umgeht damit die faktische Blockade der Straße von Hormus und des Golfs durch Iran.
Libanesisches Krankenhaus schwer getroffen
Die Eskalation fordert in Libanon weiter ihren Tribut. Am Montagnachmittag beschädigte ein israelischer Luftangriff das Jabal-Amel-Krankenhaus in der Hafenstadt Tyros schwer, zerschlug Fenster und riss Fassaden weg. Aufnahmen des libanesischen Gesundheitsministeriums zeigen verängstigte Frauen und Kinder in dem von Trümmern übersäten Gebäude.
Der Angriff folgte auf eine Welle nächtlicher Bombardierungen im Süden des Landes, bei der nach Angaben der staatlichen National News Agency sechs Menschen starben.
Die Hisbollah setzte ihre Raketen- und Lenkwaffenangriffe auf Nordisrael am Sonntag fort. Die Gruppe bestätigte am frühen Montag, sie habe israelische Truppen in Zawtar al-Scharqieh knapp nördlich des Litani-Flusses angegriffen und nach eigenen Angaben militärische Infrastruktur Israels in Tiberias getroffen, einige Dutzend Meilen südlich der Grenze.
Beide Seiten geben einander die Schuld
Die Hisbollah hatte sich bei Inkrafttreten der Waffenruhe Mitte April verpflichtet, ihre Angriffe auf Israel einzustellen. Nach israelischen Luftschlägen im Libanon, die Jerusalem als Selbstverteidigung bezeichnet, nahm die Miliz ihre Attacken jedoch wieder auf.
Die jüngste Eskalation zwischen Israel und der Hisbollah gilt inzwischen als eines der größten Hindernisse für eine Verständigung zwischen den USA und Iran über eine Verlängerung der Waffenruhe im Konflikt mit Iran. Teheran fordert, dass jede Vereinbarung auch den Libanon einbezieht.