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Trotz Iran-Krieg: Warum die Börsen neue Rekorde erreichen

Optionshändler Scott Frinzi, Dave Rushand und Marty Handler arbeiten auf dem Parkett der New York Stock Exchange am ersten Mai 2026.
Die Optionshändler Scott Frinzi, Dave Rushand und Marty Handler arbeiten am Parkett der New Yorker Börse, am ersten Mai 2026. Copyright  AP Photo/Richard Drew
Copyright AP Photo/Richard Drew
Von Quirino Mealha
Zuerst veröffentlicht am
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An den Börsen in USA, Japan und Südkorea steigen die Leitindizes auf Rekord, trotz Folgen des Iran-Kriegs. Anleger ignorieren Risiken – was treibt diese Rally?

In der Finanzwelt zeigt sich derzeit ein bemerkenswerter Widerspruch: An der "Wall Street", also an den Aktienmärkten, steigen die Kurse, aber auf der "Main Street", der realen Wirtschaft, werden die Wachstumsprognosen nach unten korrigiert.

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Der Krieg im Iran geht weiter, bringt die globalen Energiemärkte und Schifffahrtsrouten durcheinander und schadet damit der Weltwirtschaft. Zugleich markieren die Aktienindizes in den Vereinigten Staaten, in Japan und in Südkorea neue Rekordstände.

Zu Wochenbeginn kletterte der S&P 500 auf ein neues Rekordhoch von 7.273 Punkten. Der technologieorientierte NASDAQ-100 erreichte am Dienstag ebenfalls einen Höchststand von etwas über 28.000 Punkten.

In Asien sprang der südkoreanische Kospi am Mittwoch um fast sieben Prozent auf ein frisches Rekordhoch. In Taiwan stieg der TAIEX auf 41.575 Punkte. Der Nikkei 225 in Japan markierte Ende April einen Rekordstand von 60.909 Punkten.

Diese Indizes stehen für Volkswirtschaften, die besonders anfällig für Störungen in der Straße von Hormus gelten. Etwa 80 Prozent des Öls und der Ölprodukte, die normalerweise durch die Meerenge transportiert werden, sind für Asien bestimmt. Schätzungen zufolge sind derzeit zehn bis zwölf Millionen Barrel pro Tag betroffen, sodass importabhängige Länder wie Südkorea und Japan deutlich höhere Energiorisiken schultern müssen.

Als der Iran-Krieg ausbrach, verlor der Kospi in Südkorea in den ersten Wochen bis Ende März fast 20 Prozent. Der Nikkei 225 in Japan gab im gleichen Zeitraum um mehr als 14 Prozent nach. Beide Märkte standen in der Anfangsphase des Konflikts stark unter Druck, eingebettet in eine weltweite Verkaufswelle an den Börsen. Inzwischen haben sie die Verluste jedoch vollständig aufgeholt.

In Europa haben der EURO STOXX 50 und der breiter gefasste paneuropäische STOXX Europe 600 seit Beginn des Iran-Kriegs keine neuen Höchststände mehr erreicht, nachdem beide Indizes in der Woche der ersten US-israelischen Angriffe Rekorde markiert hatten. Aktuell notieren beide jedoch weniger als zehn Prozent unter ihren damaligen Höchstständen, was ihre bisherige Widerstandskraft unterstreicht.

Die deutliche Kluft zwischen Rekordbewertungen an den Aktienmärkten und der Realität einer sich abkühlenden Weltwirtschaft mit Ölpreisen auf einem Vierjahreshoch zeigt einen grundlegenden Wandel der Marktdynamik. Doch was treibt diese Entwicklung?

Halbleiterboom: KI-Welle treibt die Märkte

Der wichtigste Motor der Rekordrally an den asiatischen und US-Börsen ist der anhaltende Schwung der KI-Revolution.

In Südkorea und Taiwan dominieren etwa Halbleiter- und Speicherchiphersteller die Leitindizes. Sie bilden das Rückgrat der modernen digitalen Wirtschaft.

Im Gespräch mit Euronews erklärte Alan McIntosh, Chief Investment Officer bei Quilter Cheviot Europe, dass diese Konzentration auf wenige, besonders wertvolle Konzerne die regionale Indexentwicklung stark prägt.

„Der kräftige Anstieg in Südkorea und Taiwan geht vor allem auf die Aktienkurse von SK Hynix und Samsung zurück, die zusammen 44 Prozent des südkoreanischen Marktes ausmachen, während TSMC für 45 Prozent des taiwanischen Marktes steht“, sagte McIntosh.

Diese Hardware-Giganten liefern die zentrale Infrastruktur für die Entwicklung von KI. Die Nachfrage in diesem Bereich scheint weitgehend vom aktuellen Energieschock entkoppelt.

Die faktische Blockade der Straße von Hormus erschwert zwar die Logistik und treibt die Produktionskosten nach oben. Die Nachfrage nach High-Bandwidth-Memory und anderer entscheidender Hardware steigt dennoch weiter.

Ein ähnliches Bild zeigt sich in den USA. Dort nutzen Big Tech und andere Hyperscaler wie Amazon und Alphabet, die Muttergesellschaft von Google, ihre enormen Finanzreserven, um Wachstum zu sichern und die KI-Investitionen zu steigern. Das stützt die großen Indizes, obwohl die hohe Inflation die Verbraucher belastet.

In der Breite lagen die Gewinne im ersten Quartal klar über den Erwartungen. Für die Unternehmen im S&P 500 war ein Gewinnplus von 13 Prozent prognostiziert, tatsächlich meldeten sie ein Wachstum von 28 Prozent. Die Technologiebranche lag vorne und sorgte für die größten positiven Überraschungen.

Russ Mould, Investment Director bei AJ Bell, sagte Euronews: „Untersuchungen zeigen, dass der Technologiesektor die Richtung vorgibt. Die Konsensschätzungen gehen für dieses Jahr von einem Gewinnwachstum von 38 Prozent und für 2027 von 25 Prozent aus – dank KI.“

Short Squeeze und ungebrochener Optimismus

Neben den Unternehmensgewinnen und dem KI-getriebenen Wachstum treiben auch technische Faktoren die Rally an. Viele Anleger hatten Aktien zunächst offenbar zu stark verkauft, weil sie mit schweren wirtschaftlichen Folgen des Iran-Kriegs rechneten.

Mould erklärte gegenüber Euronews, dass die Erholung an den Märkten teilweise auf einem bekannten Muster im Anlegerverhalten beruht. Er verwies auf Untersuchungen von Goldman Sachs, denen zufolge algorithmische Handelshäuser und Hedgefonds Mitte März auf fallende Kurse gesetzt hatten. Die anschließende Börsenrally überraschte sie jedoch. „In der Folge mussten sie ihre Positionen eindecken und Aktien zurückkaufen – das hat einen Short Squeeze im Milliardenumfang ausgelöst“, so Mould.

Gleichzeitig setzen viele Investoren weiter auf einen diplomatischen Durchbruch zwischen den USA und dem Iran.

„An den Märkten herrscht weiterhin die Erwartung, dass die Blockade der Straße von Hormus bald endet, weil es im Interesse beider Seiten zu liegen scheint, den Konflikt rasch zu beenden“, sagte McIntosh.

Anleger wetten zudem darauf, dass die Gewinne in besonders wachstumsstarken Branchen die Belastungen durch die geopolitischen Spannungen mehr als ausgleichen. Und falls das nicht gelingt, setzen sie darauf, dass die Zentralbanken entschlossen eingreifen und die wirtschaftliche Lage rasch stabilisieren.

„Wenn es schwierig wird, sind Investoren es gewohnt, dass die Zentralbanken die Lage retten – mit Zinssenkungen, Rettungspaketen oder unkonventioneller Geldpolitik“, ergänzte Mould.

Solange höhere Energiekosten den privaten Konsum nicht deutlich bremsen, scheint der Rückenwind aus dem KI-Sektor stark genug, um die weltweiten Indizes in Rekordnähe zu halten.

Die Zahlen zum ersten Quartal legen nahe, dass dieser Optimismus vorerst noch in soliden finanziellen Fundamentaldaten verankert ist.

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