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Britische 30-jährige Staatsanleihen: Rekordrendite in diesem Jahrhundert und warum sie zählt

ARCHIV: Menschen spazieren am Südufer der Themse, im Hintergrund der Palace of Westminster in London, 22. August 2022.
ARCHIV: Spaziergänger am Südufer der Themse vor dem Palace of Westminster in London, 22. August 2022 Copyright  AP Photo/Alberto Pezzali
Copyright AP Photo/Alberto Pezzali
Von Quirino Mealha
Zuerst veröffentlicht am
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Anleger verlangen deutlich höhere Renditen für britische Staatsanleihen: Die Rendite dreißigjähriger Gilts steigt auf den höchsten Stand seit neunzehnhundertachtundneunzig und setzt das Finanzministerium massiv unter Druck. Doch warum, und welche Folgen hat das?

Am britischen Anleihemarkt herrscht derzeit starke Unruhe. Die Rendite dreißigjähriger Staatsanleihen, sogenannter Gilts, ist auf den höchsten Stand seit 1998 geklettert.

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Am Dienstag stieg die Rendite der dreißigjährigen Gilts zeitweise um 0,14 Prozentpunkte auf 5,79 Prozent – der höchste Wert in diesem Jahrhundert – und fiel danach leicht auf etwa 5,6 Prozent zurück.

Auch die Rendite der zehnjährigen Gilts legte um bis zu 0,15 Prozentpunkte auf 5,11 Prozent zu und näherte sich damit dem Achtzehnjahreshoch von 5,12 Prozent, das zu Beginn des Irankriegs erreicht worden war. Am Donnerstag lag sie wieder etwas niedriger bei rund 4,93 Prozent.

Zwischen Anleihekursen und Renditen besteht ein umgekehrter Zusammenhang. Fallen die Kurse, steigen die Renditen, um die Papiere für Investoren attraktiver zu machen, wenn die Nachfrage nach Schuldtiteln nachlässt.

Der Renditesprung bei Gilts zeigt, dass Anleger britische Staatsverschuldung derzeit als riskanter einstufen als andere Anlageformen. Für langfristige Kredite verlangen sie deshalb einen höheren Aufschlag.

Dafür gibt es derzeit mehrere, teils ungewöhnliche Gründe.

Der wichtigste Auslöser ist die Sorge, die Bank of England müsse die Zinsen länger hoch halten. Sie will vermeiden, dass die Inflation hartnäckig hoch bleibt und nicht so schnell auf das Ziel von zwei Prozent zurückgeht wie erhofft.

Diese Einschätzung wird durch stark steigende Energiepreise verstärkt, ausgelöst durch die Verwerfungen des Irankriegs. Seit Beginn des Konflikts stoßen Anleger Gilts in großem Stil ab.

Im Gespräch mit Euronews sagte Richard Carter, Leiter der Anleihenforschung beim Vermögensverwalter Quilter Cheviot: „Großbritannien dürfte von den Ereignissen im Nahen Osten unter den Industrieländern am stärksten getroffen werden, weil es stark von Energieimporten abhängt. Je länger die Energiepreise hoch bleiben, desto schmerzhafter wird es für das Land.“

Neben Geopolitik und den globalen Energiemärkten spielen inzwischen zahlreiche innenpolitische Faktoren eine Rolle für das außergewöhnliche Misstrauen gegenüber britischen Staatsanleihen.

Keir Starmer, Finanzpolitik und Kommunalwahlen

Politische Unsicherheit und die Finanzpolitik Großbritanniens treiben den jüngsten, heftigen Ausverkauf bei Gilts zusätzlich an.

Im Jahr 2024, nach Keir Starmers Wahlsieg, versprach die Labour-Partei „fiskalische Disziplin“. Mit dem Herbsthaushalt legte sie einen langfristigen Rahmen vor, um sich klar von der Finanzpolitik der Vorgängerregierung abzusetzen.

Kernstück ist die neue „Stabilitätsregel“. Sie schreibt vor, dass der laufende Haushalt, also die täglichen Ausgaben wie Beamtengehälter und Sozialleistungen, bis Ende des Haushaltsjahres 2029/30 einen Überschuss ausweisen muss. Damit ist es der Regierung faktisch verboten, den laufenden Betrieb des Staats auf Pump zu finanzieren.

Hinzu kommt eine „Investitionsregel“, die auf die staatliche Bilanz zielt. Demnach müssen die Nettofinanzverbindlichkeiten des öffentlichen Sektors (Public Sector Net Financial Liabilities, PSNFL) im gleichen Zeitraum als Anteil der Wirtschaftsleistung sinken.

Weil die Regierung auf PSNFL statt auf die herkömmliche Nettoschuldenquote abstellt, gewinnt das Finanzministerium Spielraum, um für langfristige Investitionen wie Infrastruktur oder erneuerbare Energien zusätzliche Kredite aufzunehmen. Solche Ausgaben gelten buchhalterisch als „Investitionen“ und nicht als laufender Konsum.

Mit dem Budget Responsibility Act 2024 führte die Regierung zudem eine „fiskalische Sperre“ ein. Größere Steuer- oder Ausgabenänderungen sind seither nur noch erlaubt, wenn das unabhängige Office for Budget Responsibility (OBR) sie zuvor begutachtet hat.

Trotz dieser strengen Leitplanken reagieren die Anleihemärkte skeptisch. Viele Investoren fürchten, dass am Ende der politische Druck die haushaltspolitische Vorsicht aushebelt.

Die Kritik an Starmer hat zuletzt deutlich zugenommen. Im linken Parteiflügel mehren sich Stimmen, die ein Ende des „Fiskalkonservatismus“ fordern, um Finanzierungslücken im Gesundheitssystem NHS und in Kommunen zu schließen.

Der britische Premierminister Keir Starmer und seine Frau Victoria geben ihre Stimmen bei den Kommunalwahlen in London ab, 7. Mai 2026
Der britische Premierminister Keir Starmer und seine Frau Victoria geben ihre Stimmen bei den Kommunalwahlen in London ab, 7. Mai 2026 AP Photo/Kirsty Wigglesworth

Hinzu kommt die umstrittene Ernennung Peter Mandelsons zum britischen Botschafter in Washington. Enthüllungen über seine frühere Freundschaft mit Jeffrey Epstein haben Starmers Regierung in den vergangenen Monaten stark beschädigt.

All diese Probleme bündeln sich nun in den Kommunalwahlen, die an diesem Donnerstag in 136 Gebietskörperschaften mit mehr als 5.000 Sitzen in den Räten stattfinden. Mehr als die Hälfte dieser Mandate verteidigt die Labour-Partei von Starmer.

Analysten rechnen damit, dass Labour herbe Verluste erleidet und womöglich mehr als 1.000 Ratsmandate einbüßt. Ein solches Debakel würde den internen Druck erhöhen, Keir Starmer als Parteichef abzulösen. In der Folge könnten kurzfristig Neuwahlen ausgerufen werden.

Dan Coatsworth, Marktstratege beim Investmenthaus AJ Bell, sagte Euronews: „Anleger werden die Anleihemärkte in den kommenden Tagen mit Argusaugen verfolgen, wenn die Ergebnisse der britischen Kommunalwahlen bekanntgegeben werden. Größere Rückschläge für Labour würden die Rufe lauter werden lassen, Keir Starmer als Premierminister zu ersetzen. Passiert das, wollen die Märkte sofort wissen, wer nachfolgt.“

„Die naheliegenden Herausforderer Angela Rayner und Andy Burnham gelten als Politiker, die höhere Staatsausgaben und mehr Schulden befürworten könnten. Das würde die Renditen britischer Staatsanleihen noch weiter nach oben treiben. Im Kern besteht ein echtes Risiko eines Renditesprungs, sollte Labour in den Kommunalwahlen abstürzen“, so Coatsworth.

Auch Richard Carter von Quilter Cheviot, Leiter der Anleihenforschung, äußerte sich gegenüber Euronews in diese Richtung.

„Der unsichere politische Hintergrund in Großbritannien spielt vor den Kommunalwahlen eine wichtige Rolle“, sagte er. „Anleger in Gilts fürchten, dass Labour stark nach links rückt – entweder weil Keir Starmer abgelöst wird oder weil er nach schlechten Ergebnissen seine Fraktion auf dem linken Flügel besänftigen muss.“

Damit sind die Kommunalwahlen längst mehr als ein Stimmungstest vor Ort. Sie werden zu einem Votum über die politische Handlungsfähigkeit der Regierung – mit potenziell weitreichenden Folgen für die langfristige Stabilität der britischen Finanzierungskosten.

Hohe Renditen: Milliardenkosten für Staat, Unternehmen und Haushalte

Für die britische Regierung geht es um Milliardenbeträge. Die Zinslast auf die Staatsschulden reagiert sehr empfindlich auf Schwankungen der Gilt-Renditen.

Schätzungen unabhängiger Haushaltswächter zufolge erhöht ein Anstieg der staatlichen Finanzierungskosten um 0,25 Prozentpunkte die jährliche Zinsrechnung um rund 2,5 Milliarden Pfund (2,9 Milliarden Euro). Ein Plus von 0,5 Prozentpunkten, wie es in diesem Frühjahr bereits zu beobachten war, zwingt das Finanzministerium also dazu, jedes Jahr zusätzlich etwa 5 Milliarden Pfund (5,8 Milliarden Euro) allein für Zinsen aufzubringen.

Der Renditeanstieg wirkt sich zudem unmittelbar auf die Realwirtschaft aus. Gilt-Renditen dienen als Referenz für zahlreiche Finanzprodukte, vor allem für Hypotheken mit festem Zinssatz.

Steigen die Renditen, passen Banken und Bausparkassen ihre Swap-Sätze an. Für Millionen Hausbesitzer, die ihre Kredite verlängern oder umschulden, bedeutet das höhere Monatsraten.

Auch Unternehmen geraten unter Druck. Die Kosten für Firmenkredite und gewerbliche Finanzierungen orientieren sich häufig an der Zinsstrukturkurve. Muss der Staat mehr für seine Schulden zahlen, steigen meist auch die Finanzierungskosten der Privatwirtschaft – Investitionen werden zurückgestellt, das Wachstum kann ins Stocken geraten.

„Ein Renditeschock bei Gilts wirkt wie eine heimliche Steuer, auch wenn er nicht politisch gewollt ist“, erläuterte Coatsworth gegenüber Euronews. „Sinkende Anleihekurse und steigende Renditen können die Preise vieler Vermögenswerte drücken und die Finanzierungsbedingungen verschärfen.“

„Verbraucher spüren das durch höhere Hypothekenkosten und geben vermutlich weniger aus – vor allem, wenn Unternehmen wegen gestiegener Finanzierungskosten weniger Personal einstellen. Beides hängt eng zusammen. Gleichzeitig könnte der Staat gezwungen sein, Ausgaben zu kürzen und Steuern zu erhöhen“, so Coatsworth weiter.

Jeder weitere Anstieg der Schuldenkosten verringert das Kapital, das für private Investitionen und Innovation zur Verfügung steht. Zugleich schrumpft das frei verfügbare Einkommen der Haushalte, die ohnehin mit hohen Lebenshaltungskosten kämpfen.

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