Spekulanten treiben die Preise von Kartoffel-Derivaten in wenigen Wochen um mehr als 700 Prozent nach oben, trotz Überangebots in Europa und der nervösen Lage durch den Iran-Krieg.
Terminkontrakte auf Kartoffeln (CFDs), die den Referenzmarkt für die Knolle abbilden, haben in weniger als einem Monat um rund 705 Prozent zugelegt.
Seit dem einundzwanzigsten April ist der Preis je hundert Kilogramm von etwa 2,11 Euro auf 18,50 Euro hochgeschnellt.
Trotzdem liegt dieser Wert immer noch deutlich unter dem Niveau der vergangenen zwei Jahre. Der Grund: Der physische Markt in Europa leidet derzeit unter einem massiven Überangebot.
Nach Knappheiten und hohen Preisen in den vergangenen Saisons haben Landwirte in Belgien, den Niederlanden, Frankreich und Deutschland ihre Anbauflächen deutlich vergrößert.
Günstiges Wetter sorgte anschließend für außergewöhnlich hohe Ernten. In ganz Europa entstand ein großer Überschuss. Verarbeiter und Exporteure konnten die Mengen kaum aufnehmen, die Erzeugerpreise brachen ein.
Berichten zufolge werden minderwertige Kartoffeln für Tierfutter oder industrielle Zwecke teils zu extrem niedrigen, manchmal sogar negativen Preisen gehandelt. In solchen Fällen zahlen die Anbauer im Grunde nur noch für Transport und Entsorgung, um die Überschüsse von ihren Höfen zu bekommen.
Die genannten 18,50 Euro beziehen sich in der Regel auf sogenannte Free-Buy-Ware, also Kartoffeln, die frei am Markt verkauft werden. Festpreisverträge zwischen Erzeugern und Verarbeitern sind davon nicht erfasst.
Auch wenn dieser Preis über den Minusnotierungen der Zweitmärkte liegt, sehen viele Betriebe ihn als wirtschaftlich nicht tragfähig an. Denn ihre Produktionskosten für Diesel, Dünger, Lagerung und Strom sind stark gestiegen.
Der Gegensatz zwischen schwachen physischen Preisen und heftigen Ausschlägen bei den Finanzkontrakten zeigt, wie unterschiedlich Terminbörsen und die reale landwirtschaftliche Lieferkette funktionieren.
Finanzmärkte reagieren sensibel auf Schwankungen, Erwartungen zu künftigen Ernten, Wetterrisiken, Exportnachfrage oder mögliche Eingriffe ins Angebot. Das gilt auch dann, wenn die Lager derzeit gut gefüllt sind.
Mit anderen Worten: Der hohe prozentuale Anstieg bei kartoffelgebundenen Finanzprodukten bedeutet nicht, dass Kartoffeln in Europa plötzlich teuer geworden sind. Er spiegelt eher die Nervosität eines Marktes, der die künftige Entwicklung unter den aktuellen Unsicherheiten einpreisen will.
Iran-Krieg: Negative Folgen für Agrarhandel
Der Konflikt im Nahen Osten erschwert den Export wichtiger Chemikalien und Mineralien für die industrielle Landwirtschaft. Das schürt weltweit Sorgen um die Ernährungssicherheit.
Kartoffeln gelten als nährstoffintensive Kultur. Der plötzliche Mangel an erschwinglichem Dünger wirkt sich direkt auf künftige Erträge und die aktuellen Marktpreise aus.
Die Instabilität in der Region macht zentrale Schifffahrtsrouten zudem riskanter. Das erschwert die Logistik des Agrarhandels.
Nach UN-Angaben passiert normalerweise rund ein Drittel der weltweiten Düngemittel wie Harnstoff, Kali, Ammoniak und Phosphate die derzeit blockierte Straße von Hormus.
Händler bewerten vor diesem Hintergrund ihre Terminkontrakte neu und orientieren sich weniger an der aktuellen Überversorgung.
Für europäische Verbraucher bedeutet das bislang noch keinen massiven Anstieg beim Preis des Grundnahrungsmittels Kartoffel. Die Bewegung bei den Kartoffel-CFDs zeigt jedoch, wie nervös der Markt ist und wie er versucht, die weitreichenden wirtschaftlichen Folgen des Iran-Kriegs einzupreisen.