Noch immer bewerben sich Millionen Menschen in Europa auf Jobs, ohne das Gehalt zu kennen. Neue EU-Regeln für Lohntransparenz und gegen den Gender Pay Gap sollten bis zum siebten Juni greifen, doch die meisten Staaten reißen die Frist.
Woher wissen Beschäftigte, ob ihr Lohn fair ist? In großen Teilen Europas haben sie noch immer nur begrenzte Informationen darüber, wie Stellen bezahlt werden und wie ihr Gehalt im Vergleich zu anderen mit ähnlichen Aufgaben ausfällt.
Die EU-Richtlinie zur Entgelttransparenz soll das ändern. Sie verpflichtet Arbeitgeber zu mehr Offenheit bei Löhnen und stärkt damit das Prinzip gleicher Lohn für gleiche Arbeit.
Die Richtlinie soll den geschlechtsspezifischen Lohnabstand in der EU verringern. Er liegt nach Angaben von Eurostat derzeit bei elf Prozent: Bruttostundenlöhne von Frauen sind im Schnitt elf Prozent niedriger als die von Männern.
Für viele Frauen hätte ein Verzicht auf die Umsetzung der Richtlinie direkte Folgen für ihr jährliches Einkommen.
Der Europäische Gewerkschaftsbund (ETUC) schätzt, dass fehlende Lohntransparenz Frauen in der EU mindestens 4,8 Milliarden Euro pro Jahr kostet. Der Betrag könnte auf 7,2 Milliarden Euro steigen – das entspricht zwischen 465 und 700 Euro pro Frau und Jahr.
Die EU-Staaten müssen die Vorgaben bis zum siebten Juni 2026 umsetzen. Nach einer Umsetzungsfrist von drei Jahren werden die meisten diese Frist aber verfehlen.
Welche EU-Staaten haben die Richtlinie zur Entgelttransparenz also bereits umgesetzt? Wie ist der Stand in den Nachzüglern? Und in welchen Ländern ist die Angabe von Gehältern in Stellenausschreibungen schon heute am weitesten verbreitet?
Entgelttransparenz-Richtlinie: sechs EU-Staaten ohne Maßnahmen
Nach dem Umsetzungsmonitor der internationalen Kanzlei Addleshaw Goddard haben bis Mai 2026 sechs der 27 EU-Staaten noch keinerlei Schritte zur Umsetzung der Richtlinie unternommen. Es handelt sich um Österreich, Bulgarien, Kroatien, Ungarn, Luxemburg und Portugal.
Im September 2025 lag diese Zahl noch bei zehn Staaten.
Schweden hatte zwar einen Gesetzentwurf veröffentlicht, setzte ihn im März 2026 jedoch auf unbestimmte Zeit aus. Die Regierung begründete das mit dem hohen Verwaltungsaufwand für Arbeitgeber.
Deutschland will seine Regelungen 2026 überarbeiten. In Tschechien, Finnland, Griechenland, Slowenien und Spanien werden Entwürfe für neue Gesetze erwartet.
Zehn EU-Staaten legen Gesetzentwürfe vor
In zehn EU-Staaten liegen bereits Gesetzentwürfe vor, allerdings in unterschiedlichen Stadien. Dazu gehören Zypern, Dänemark, Estland, Frankreich, Irland, Italien, Lettland, Litauen, die Niederlande und Rumänien.
Drei Länder – Belgien, Malta und Polen – haben die Richtlinie bereits teilweise umgesetzt.
In der Slowakei hat das Parlament am fünfzehnten April 2026 das Gesetz über gleichen Lohn verabschiedet; es tritt am siebten Juni 2026 in Kraft.
Frankreich: große Unsicherheit
„In Frankreich wird die Frist am siebten Juni sehr wahrscheinlich verfehlt. Das sorgt für große Unsicherheit. Selbst nach Verabschiedung des Gesetzes müssen zentrale Punkte noch in separaten Durchführungsverordnungen geregelt werden, für die es keinen klaren Zeitplan gibt“, sagte Jérémie Paubel, Employment Partner in Frankreich bei Addleshaw Goddard, gegenüber Euronews Business.
Er betonte, wie wichtig vorausschauendes Handeln ist. Unternehmen sollten bereits jetzt ihre Stellenkategorien erfassen, ihre Entgeltsysteme und -strukturen überprüfen und bestehende Lücken identifizieren. Vor allem sollten sie den Gesetzgebungsprozess genau verfolgen.
Deutschland: was die Verzögerung bedeutet
„Versäumte Umsetzungsfristen bedeuten keine saubere rechtliche Atempause. Sie schaffen eine Zwischenphase, in der Unternehmen noch keine klaren nationalen Regeln haben, Gerichte, Beschäftigte und Betriebsräte aber bereits auf die Richtung der Richtlinie schauen“, sagte Marijke Van der Most, Employment Partner in Deutschland bei Addleshaw Goddard, zu Euronews Business.
Sie hob hervor, dass das Problem für Arbeitgeber nicht nur die verspätete Gesetzgebung ist. Sie müssen in dieser Phase Entgeltentscheidungen treffen, Fragen von Beschäftigten beantworten und sich auf mögliche Klagen vorbereiten – obwohl der künftige Standard bereits absehbar ist, das nationale Regelwerk aber noch nicht vollständig vorliegt.
Stellenanzeigen: mehr Gehaltstransparenz
Nach Angaben der globalen Jobplattform Indeed nimmt die Gehaltstransparenz in Stellenanzeigen in vielen europäischen Ländern stetig zu.
Im März 2026 wies das Vereinigte Königreich mit 56 Prozent den höchsten Anteil an Anzeigen mit Gehaltsangabe auf, nach 65 Prozent im Mai 2025.
Die Niederlande (48 Prozent) und Frankreich (43 Prozent) liegen über 40 Prozent. Irland (39 Prozent) und Italien (36 Prozent) folgen knapp dahinter; Italien hatte im Mai 2025 noch 23 Prozent.
Spanien und Deutschland gehören dagegen zu den Schlusslichtern. Dort enthalten nur 17 beziehungsweise zwölf Prozent der Anzeigen Gehaltsangaben.
Daten von Indeed zeigen zudem, dass die meisten EU-Staaten die Frist zur Entgelttransparenz voraussichtlich verfehlen. Auswertungen des Indeed Hiring Lab machen die konkreten Folgen für Beschäftigte und Volkswirtschaften deutlich – darunter die anhaltende Lohnlücke zwischen Frauen und Männern.
Beschäftigte bewerben sich im Blindflug
Indeed betont, dass die Verzögerungen dazu führen, dass sich die meisten Beschäftigten weiterhin auf Stellen bewerben, ohne die Bezahlung zu kennen.
„Die Bezahlung ist der wichtigste Grund, warum Menschen sich nach einem neuen Job umsehen. Trotzdem fehlt sie in den meisten Stellenausschreibungen in Europa“, sagte Lisa Feist, EU Labour Market Economist beim Indeed Hiring Lab. „Beschäftigte bewerben sich im Blindflug – und unsere Forschung zeigt, dass die Folgen tiefer und vielfältiger sind, als wir angenommen hatten.“
„Trotz dieser negativen Effekte eröffnet sich Arbeitgebern, die transparent sind, eine Chance. Wer jetzt handelt, kann das Vertrauen von Bewerberinnen und Bewerbern stärken, die Qualität der Bewerbungen verbessern und seine Einstellungsstrategien langfristig absichern.“