Wohlhabende Menschen ziehen zunehmend nach Italien, Griechenland und in die Schweiz; Großbritannien, Deutschland und Frankreich verlieren sie laut einem neuen Bericht.
Vermögende Migrantinnen und Migranten wenden sich von Europas bisherigen Lieblingszielen ab: dem Vereinigten Königreich, Frankreich und Deutschland.
Eine neue Studie zur Migration von Menschen mit hohem Vermögen des globalen Beratungsunternehmens Henley & Partners, das sich auf Aufenthalts- und Staatsbürgerschaftsprogramme spezialisiert hat, zeigt eine wachsende Kluft in Europa.
Einige wenige Staaten bauen ihre Anziehungskraft auf global mobile Vermögen aus. Mehrere der größten Volkswirtschaften des Kontinents stehen dagegen zunehmend unter Druck, ihre wohlhabenden Bewohner zu halten.
Der Henley Private Wealth Migration Report 2026, in dieser Woche veröffentlicht, weicht vom bisherigen Format ab. Statt nur zu zählen, wie viele Millionäre umziehen, ordnet er Staaten nach einem Wealth Mobility Competitiveness Score auf einer Skala bis 100.
Je höher dieser Wert, desto attraktiver gilt ein Land für Vermögensmobilität. Eingerechnet werden unter anderem Steuerregime, Rechtsstaatlichkeit, Lebensqualität und politische Stabilität.
Die Ergebnisse sollten jedoch mit Vorsicht gelesen werden. Dan Neidle, Gründer der Non-Profit-Organisation Tax Policy Associates und früherer Steuerchef der Kanzlei Clifford Chance in Großbritannien, hat öffentlich die Verlässlichkeit der von Henley und seinem Forschungspartner New World Wealth erhobenen Migrationsdaten infrage gestellt. Seiner Einschätzung nach sind die Methoden nicht robust genug, um Bewegungen von Millionären so präzise zu verfolgen, wie es oft dargestellt wird.
Henley betont, die Zahlen sollten vor allem breite Trends anzeigen und nicht als exakte Zählung verstanden werden.
Hinzu kommt: Das Unternehmen, das Kundinnen und Kunden zu Wohnsitz- und Staatsbürgerschaftsprogrammen berät, profitiert geschäftlich von globaler Vermögensmobilität. Leserinnen und Leser sollten diesen Hintergrund im Hinterkopf behalten, wenn sie die Befunde einordnen.
Europa: Top-Ziele für vermögende Migranten
Zypern führt das europäische Ranking mit einem Wert von 73,5 an, gefolgt von den Niederlanden (72,8), Portugal (72,5) und Italien (72,3). Die Schweiz erreicht 70,8, Griechenland 70,5.
Das Ranking erklärt jedoch nur einen Teil der Entwicklung. Zypern, die Niederlande und Portugal stehen zwar vorne, der Bericht hebt aber vor allem Italien, Griechenland und die Schweiz als besonders attraktive Ziele für reiche Zuwanderer hervor.
Italien, die drittgrößte Volkswirtschaft Europas, kommt auf 72,3 Punkte. Laut Bericht treibt vor allem das Pauschalsteuersystem für neue Steuerresidenten das Interesse an. Hinzu kommen eine günstige Erbschaftsteuer, der Zugang zum EU-Binnenmarkt und die wachsende Rolle von Mailand als Finanzzentrum und Standort für Family Offices.
Griechenland mit 70,5 Punkten zählt der Report zu den klaren Gewinnern der jüngsten Umbrüche in der europäischen Investitionsmigration. Spanien hat sein Golden-Visa-Programm geschlossen, Portugal den immobiliengebundenen Weg beendet – Griechenland füllt einen Teil dieser Lücke.
Die Schweiz, mit 70,8 Punkten bewertet, zieht laut Henley vor allem Menschen an, die in Zeiten geopolitischer Unsicherheit Stabilität und Werterhalt ihres Kapitals suchen.
Am anderen Ende des Spektrums stehen mehrere große europäische Märkte, die Henley zwar als wettbewerbsfähig, aber unter Druck sieht: Deutschland (69,7), Norwegen (69,0), das Vereinigte Königreich (68,3) und Frankreich (65,7).
Vor allem im Vereinigten Königreich beobachtet Henley wachsenden Druck. Das auf Aufenthalts- und Staatsbürgerschaftsplanung spezialisierte Unternehmen verzeichnete zwischen 2024 und 2025 einen Anstieg der Anträge von Personen mit britischer Adresse um 15 Prozent.
Großbritannien ist zudem von Rang 20 der wichtigsten Herkunftsmärkte für neue Kundschaft im Jahr 2018 inzwischen dauerhaft in die Gruppe der fünf größten aufgerückt.
Der Bericht führt dies auf die Abschaffung des Non-Dom-Steuerstatus, Änderungen bei der Erbschaftsteuer, die Schließung des Tier-1-Investorvisums sowie eine allgemein höhere fiskalische Unsicherheit zurück.
In Deutschland und Frankreich zeigt sich ein ähnliches Bild. Henley registrierte zwischen Ende 2025 und Anfang 2026 einen Anstieg der Anfragen von deutschen Staatsangehörigen um 16 Prozent. Frankreich sprang von einem Platz unter den vierzig wichtigsten Herkunftsnationalitäten im Jahr 2024 in die Top-15 im Jahr 2026.
Europa-Chef Guenther Dobrauz-Saldapenna formuliert es so: Die beiden Länder seien „nicht unattraktiv geworden“, hätten aber bei den Faktoren an Boden verloren, die für Vermögensmobilität besonders stark zählen – während konkurrierende Ziele ihr Angebot verbessert hätten.
Weltweiter Blick auf Vermögensmigration
Außerhalb Europas erzielen die Vereinigten Arabischen Emirate mit 85,3 einen der höchsten Werte der Studie. Trotz regionaler Spannungen bleibt die Anziehungskraft des Landes groß; viele Zuzüge dienen laut Henley eher der Diversifizierung des Wohnsitzes als einer vollständigen Abwanderung.
Im Ranking der Spitzenreiter liegt Singapur mit 79,5 Punkten vorne, gefolgt von Neuseeland mit 75,8.
Die USA bilden nach Henleys Einschätzung ein Paradoxon. Sie gelten als wichtigste Maschine zur Vermögensbildung weltweit, erreichen im Index aber nur 62,3 Punkte. Gleichzeitig haben sich die Anträge von US-Staatsangehörigen im Jahr 2025 verdoppelt.
Fast die Hälfte dieser Anträge bezieht sich auf Programme in Europa. Henley wertet dies als Zeichen, dass wohlhabende US-Amerikanerinnen und US-Amerikaner sich zunehmend für Wohnsitz- und Staatsbürgerschaftsoptionen im Ausland interessieren.
Der Bericht sieht in diesen Mustern Hinweise auf eine umfassende Neuordnung der globalen Vermögensmobilität. Immer mehr europäische Standorte konkurrieren gezielt um international mobiles Kapital und Fachkräfte.