Loader
Finden Sie uns
Werbung

Reallöhne bleiben vielerorts in Europa unter dem Niveau von 2021

Reallöhne in Europa: Was ist das Geld, das wir verdienen, im Alltag wirklich wert?
Reallöhne in Europa: Was ist das Geld, das wir verdienen, im Alltag wirklich wert? Copyright  Copyright 2020 The Associated Press. All rights reserved
Copyright Copyright 2020 The Associated Press. All rights reserved
Von Servet Yanatma
Zuerst veröffentlicht am Zuletzt aktualisiert
Teilen Kommentare Euronews bei Google hinzufügen
Teilen Close Button

Im Euroraum sind die Reallöhne von Anfang 2021 bis Anfang 2026 um fast zwei Prozent gesunken. Die Folgen für die Kaufkraft unterscheiden sich stark. Euronews Business zeigt auf, wo Löhne besonders steigen oder fallen – und warum.

Die COVID-19-Pandemie, Russlands Angriff auf die Ukraine, stark gestiegene Energiepreise, Rekordinflation und weitere Faktoren setzen die Löhne in Europa unter Druck. Die höheren Lebenshaltungskosten treffen Millionen Haushalte in Europa hart.

WERBUNG
WERBUNG

Reallöhne, also Löhne unter Berücksichtigung der Teuerung, sind in einem Drittel der untersuchten europäischen Länder in den fünf Jahren bis Anfang 2026 gesunken.

Welche Länder verzeichneten zwischen dem ersten Quartal 2021 und dem ersten Quartal 2026 die größten Rückgänge bei den Reallöhnen? Wo stiegen sie am stärksten? Und warum stechen manche Staaten als Ausreißer hervor, obwohl der Euroraum insgesamt einen Rückgang verzeichnete?

Laut dem OECD-Bericht Employment Outlook 2026, der 27 europäische Staaten abdeckt, sind die Reallöhne zwischen dem ersten Quartal 2021 und dem ersten Quartal 2026 in neun Ländern insgesamt gesunken.

Lebenshaltungskostenkrise 2022–2023: Folgen für die Reallöhne

"Die Reallöhne standen auch im ersten Quartal 2026 noch unter dem Einfluss der Lebenshaltungskostenkrise 2022/2023", erklärt OECD-Ökonom Andrea Bassanini, Herausgeber des OECD Employment Outlook, gegenüber Euronews Business.

"Branchentarifverträge werden nicht jedes Jahr erneuert und laufen versetzt aus. Deshalb brauchten die ausgehandelten Löhne lange, um sich zu erholen – und haben das bis heute nur teilweise geschafft."

Zugleich verwies Bassanini darauf, dass gesetzliche Mindestlöhne die Preisentwicklung größtenteils nachvollzogen hätten.

Italien: Reallöhne sinken um mehr als sechs Prozent

In Italien war der Rückgang am stärksten: Dort sanken die Reallöhne um 6,1 Prozent. Ronald Janssen, früher Chefökonom beim Europäischen Gewerkschaftsbund (ETUC) und beim Trade Union Advisory Committee (TUAC), führt dies auf systematische Verzögerungen der Arbeitgeber bei neuen Tarifabschlüssen und eine geschwächte Verhandlungsposition der Gewerkschaften zurück.

Der Ökonom Michele Bavaro von der Scuola Normale Superiore in Italien betont, dass die traditionell langen Vertragslaufzeiten die Erholung der Nominallöhne nach dem Inflationsschub gebremst hätten.

Richard Grieveson und Meryem Gökten vom Wiener Institut für Internationale Wirtschaftsvergleiche (wiiw) nennen außerdem die schwache Produktivität, das gedämpfte Wirtschaftswachstum und die im internationalen Vergleich langsame Anpassung der Nominallöhne als Gründe.

In Tschechien gingen die Reallöhne um 5,8 Prozent zurück, in Schweden um 4,8 Prozent. In Dänemark sanken sie um 2,1 Prozent, in Spanien um 2 Prozent. Im Euroraum insgesamt nahmen die Reallöhne in diesem Zeitraum um 1,8 Prozent ab.

Auch in der Slowakei, Finnland, Irland und der Schweiz gab es leichte Rückgänge zwischen 0,7 und 1,4 Prozent.

Inflationsschub und Angst vor Jobverlust

Janssen verweist auf den Inflationsschub 2021/2022 im Euroraum.

"In den Tarifrunden nach dem großen Inflationsausbruch versuchten Gewerkschaften und Beschäftigte zwar, die Kaufkraft der Löhne wiederherzustellen", sagt er Euronews Business. "Ihre Verhandlungsmacht war jedoch begrenzt. Mehrere Jahre stagnierenden Wachstums, die Angst vor Deindustrialisierung durch chinesische Konkurrenz und ein von den USA angeführter Zollkonflikt, der den Zugang zu einem wichtigen europäischen Exportmarkt erschwert, haben die Beschäftigten verunsichert."

In Belgien blieben die Reallöhne praktisch unverändert. In Frankreich und Estland stiegen sie nur minimal um jeweils 0,1 Prozent.

Türkei: Auffälliger Ausreißer bei den Reallöhnen

Die Türkei sticht als deutlichster Ausreißer hervor: Dort legten die Reallöhne um 78,6 Prozent zu, obwohl die Inflationsrate Mitte 2026 bei 32 Prozent lag.

"Der Anstieg der Reallöhne um 79 Prozent in der Türkei ist rechnerisch korrekt, überschätzt aber den tatsächlichen Zuwachs des Lebensstandards", erklären Grieveson und Gökten gegenüber Euronews Business.

"Die Reallöhne lagen 2021 auf einem sehr niedrigen Niveau, da die Folgen der Währungskrise 2018 noch nachwirkten. Ein Teil des Anstiegs ist daher schlicht eine Aufholbewegung."

Als Haupttreiber des sprunghaften Zuwachses 2022/2023 nennen sie die zweimalige Anhebung des Mindestlohns, die zu großen Teilen wahlpolitisch motiviert gewesen sei.

"Nach den Wahlen 2023 kehrte die Regierung wieder zu einer jährlichen Anpassung zurück, die seither hinter der Inflation zurückbleibt", fügen Grieveson und Gökten hinzu.

Zugleich stellen sie die Zuverlässigkeit der türkischen Inflationsdaten in Frage und verweisen auf Vorwürfe der Opposition, die offiziellen Zahlen würden manipuliert.

Ungarn mit stärkstem Reallohnplus in der EU

Ungarn liegt mit einem Anstieg der Reallöhne um 29,8 Prozent europaweit auf Platz zwei und ist damit ein Ausreißer innerhalb der EU. In Polen nahmen die Reallöhne um 16,5 Prozent zu. Die drei Länder mit den höchsten Zuwächsen gehören alle nicht zum Euroraum.

"Das starke Reallohnwachstum in Ungarn in den vergangenen fünf Jahren ist das Ergebnis eines Zusammenspiels aus strukturellem Arbeitskräftemangel, staatlicher Lohnpolitik und eines Aufholprozesses nach dem Inflationsschock", resümiert Péter Virovácz, Chefökonom bei ING.

Er betont, dass diese außergewöhnliche Entwicklung weniger auf einen Produktivitätsschub zurückgehe. Entscheidend seien die angespannte Lage am Arbeitsmarkt, eine offensive Mindestlohnpolitik, die fortschreitende Lohnangleichung und der Versuch der Beschäftigten, ihre Kaufkraft nach dem Inflationsschock wiederherzustellen.

Im Euroraum verzeichnete Litauen mit 14,8 Prozent das stärkste Wachstum der Reallöhne. Kein anderes Land kam auf einen zweistelligen Zuwachs. In Lettland stiegen die Reallöhne um 7,4 Prozent, in Slowenien um 6,6 Prozent, in Portugal um 5,6 Prozent, in Griechenland um 4,7 Prozent und in Luxemburg um 4,1 Prozent.

Große Volkswirtschaften: Großbritannien mit stärkstem Reallohnplus

Unter den fünf größten Volkswirtschaften Europas liegt Großbritannien vorn: Dort stiegen die Reallöhne um 3,6 Prozent. In Deutschland und Frankreich nahmen sie jeweils um weniger als ein Prozent zu, nämlich um 0,9 beziehungsweise 0,1 Prozent. Italien verzeichnete den stärksten Rückgang aller untersuchten Länder, Spanien kam auf ein Minus von zwei Prozent.

"Ein wesentlicher Faktor ist das Wachstum der gesetzlichen Mindestlöhne", erläutert Bassanini. "In Deutschland und Großbritannien hat die Politik die Mindestlöhne stärker als die Inflation steigen lassen, in Frankreich und Spanien etwa im gleichen Umfang."

Grieveson und Gökten verweisen zudem darauf, dass das vergleichsweise flexible Lohnfindungssystem und anhaltende Schwierigkeiten bei der Personalgewinnung in Großbritannien dafür sorgten, dass die Nominallöhne schneller auf die Inflation reagierten als in vielen Ländern des Euroraums.

Der Bericht stellt klar, dass die Daten für das erste Quartal 2026 noch vor dem jüngsten Anstieg der Energiepreise liegen. Dieser folgte auf gemeinsame Angriffe der USA und Israels auf den Iran und die Reaktion Teherans.

Zu den Barrierefreiheitskürzeln springen
Teilen Kommentare Euronews bei Google hinzufügen

Zum selben Thema

Europa: Wo Beschäftigte am wenigsten vom Lohn behalten

Löhne in Europa: 107.000€ in der Schweiz, 18.000€ in der Türkei

Spitzengehälter: Das sind die bestbezahlten Jobs in Deutschland