Wie stark Steuern und Abgaben Löhne schmälern, unterscheidet sich in Europa stark. Doch wie viel bleibt Beschäftigten am Ende? Euronews geht der Frage nach.
Die Systeme der Einkommensteuer und sozialen Sicherung unterscheiden sich in Europa deutlich, ebenso die Gesamtbelastung der Löhne. Für Beschäftigte zählt am meisten, wie viel ihres Gehalts nach Steuern und Pflichtabgaben tatsächlich auf dem Konto landet.
Um das zu veranschaulichen, hat Euronews Business Eurostat-Daten genutzt und das jährliche Nettoeinkommen als Anteil des Bruttolohns berechnet – eine Art Take-home-Quote. Daraus wurde abgeleitet, wie viel vom Bruttolohn an Steuern und andere Abzüge geht.
In einigen Fällen fällt der Wert negativ aus. Dann erhalten Beschäftigte wegen Familienleistungen und Steuerrückerstattungen mehr Geld ausgezahlt, als sie brutto verdienen.
Der Anteil, den der Staat einzieht, hängt außerdem vom Familienstand und von unterhaltsberechtigten Kindern ab. Im Mittelpunkt dieses Artikels steht eine alleinstehende Person ohne Kinder; die Grafiken zeigen jedoch auch andere Haushaltstypen, die kurz erläutert werden.
Anteil des Bruttolohns für Steuern und andere Abzüge
Laut den Eurostat-Daten für 2025, veröffentlicht Mitte 2026, variiert der Anteil des Bruttolohns, der an Steuern und andere Abzüge geht, in Europa stark. Für eine alleinstehende Person ohne Kinder mit Durchschnittslohn reicht die Spanne von 15,1 % in Zypern bis 41,5 % in Rumänien. Im EU-Durchschnitt liegt der Anteil bei 29,1 %.
Im Schnitt verdient eine Arbeitnehmerin oder ein Arbeitnehmer in der EU brutto 37.958 Euro im Jahr und erhält netto 26.929 Euro. Das bedeutet: 11.029 Euro fließen an Steuern und andere Abzüge.
Neben Rumänien gibt es sechs weitere Länder, in denen mehr als ein Drittel des Bruttolohns für Steuern und andere Abzüge draufgeht: Litauen (39,1 %), Belgien (37,6 %), Slowenien (36,9 %), Deutschland (34,8 %), Dänemark (34,0 %) und Ungarn (33,5 %).
Auch in Luxemburg (32,6 %) und Kroatien (31,5 %) liegt der Anteil über dem EU-Mittel.
Am anderen Ende der Skala folgt Griechenland mit 17,0 % auf Zypern. Dort geht weniger als ein Fünftel des Bruttolohns für Steuern und andere Abzüge drauf.
Vier größte Volkswirtschaften: Deutschland vorne, Spanien hinten
Mehrere Länder liegen dicht beieinander im Bereich zwischen 22 % und 25 %. Tschechien (21,6 %), Irland (21,6 %), Portugal (21,8 %), Spanien (22,1 %), Bulgarien (22,4 %), Malta (23,1 %), Estland (23,2 %), Italien (24,1 %), Schweden (24,5 %) und die Slowakei (24,6 %) weisen alle Anteile von unter einem Viertel auf.
Unter den vier größten Volkswirtschaften der EU verzeichnet Deutschland mit 34,8 % den höchsten Anteil des Bruttolohns, der an Steuern und andere Abzüge geht. Spanien liegt mit 22,1 % am unteren Ende. Frankreich kommt auf 26,2 %, Italien auf 24,1 %.
Grob lässt sich sagen: In vielen südeuropäischen Staaten ist der Anteil niedriger. In Mittel- und Osteuropa sind höhere Werte verbreitet. Westeuropa zeigt ein gemischtes Bild, doch Belgien und Deutschland zählen zu den Ländern mit der höchsten Abgabenquote. Auch in den nordischen und baltischen Staaten gehen die Werte stark auseinander – ein Hinweis darauf, dass sich die Unterschiede nicht allein geografisch erklären lassen.
Kinder machen den Unterschied: 16.424 Euro mehr in Deutschland
Unterhaltsberechtigte Kinder können den Anteil des Bruttolohns, der an Steuern und andere Abzüge geht, deutlich senken – besonders bei Paaren mit nur einem Einkommen. In diesem Haushaltstyp reicht die Spanne von minus 3,3 % in Griechenland bis 33,4 % in Rumänien.
Auch in Polen ist der Wert negativ (minus 0,6 %). Dort übersteigen die Nettoeinkommen die Bruttolöhne dank Familienleistungen und Steuerrückzahlungen.
Der EU-Durchschnitt sinkt für Paare mit einem Einkommen und Kindern auf acht Prozent. Für eine alleinstehende Person ohne Kinder liegt er bei 29,1 %.
Am oberen Ende der Skala ragt Rumänien heraus. Der zweithöchste Wert liegt mit 23,8 % in Litauen fast zehn Prozentpunkte niedriger. Über 20 % erreichen neben diesen beiden Staaten nur Ungarn, Slowenien, Finnland und Dänemark.
Vergleicht man eine alleinstehende Person ohne Kinder mit einem Paar mit nur einem Einkommen und zwei Kindern, sticht Deutschland besonders hervor. Dort sinkt der Anteil des Bruttolohns, der an Steuern und andere Abzüge geht, von 34,8 % auf nur 0,2 % – ein Rückgang um 34,6 Prozentpunkte.
In beiden Fällen beträgt der jährliche Bruttolohn 47.514 Euro. Ein Paar mit nur einem Einkommen und zwei Kindern erhält netto jedoch 47.424 Euro, eine alleinstehende Person ohne Kinder nur 31.000 Euro. Das ist eine Differenz von 16.424 Euro.
Für Paare mit zwei Einkommen und zwei Kindern liegt der Anteil des Bruttolohns, der an Steuern und andere Abzüge geht, in allen EU-Staaten niedriger als bei einer alleinstehenden Person ohne Kinder – mit Ausnahme Griechenlands.
Polen gehört zu den Ländern mit dem größten Unterschied; dort beträgt die Differenz 11,5 Prozentpunkte. In Griechenland ist der Anteil des Bruttolohns, der an Steuern und andere Abzüge geht, in beiden Szenarien identisch.
Alex Mengden, Ökonom bei der Tax Foundation, verweist auf Unterschiede bei der Besteuerung von Arbeit in Europa und betont, dass die Gesamtbelastung wichtiger ist als die Einkommensteuer allein.
„Dänemark hat zum Beispiel eine geringere Steuerbelastung auf Arbeit als Polen. In der Rangliste liegt Dänemark trotzdem an der Spitze, weil die Besteuerung von Arbeit dort fast ausschließlich über die Einkommensteuer läuft. In Polen machen dagegen Sozialbeiträge den Löwenanteil aus: Sie entziehen einer oder einem durchschnittlich Verdienenden fast das zweieinhalbfache dessen, was die Einkommensteuer kostet. So landet Polen am Ende der Rangliste“, sagte er Euronews Business.