Die spanische Regierung schlägt Pablo Hernández de Cos, Chef der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich und Ex-Notenbankchef, als Nachfolger von Christine Lagarde an der EZB vor.
Madrid wagt erstmals einen Anlauf auf den wichtigsten geldpolitischen Posten der Eurozone. Hintergrund sind zunehmende Hinweise, dass Christine Lagarde die Europäische Zentralbank früher als geplant verlassen könnte – und damit den Wettbewerb um ihre Nachfolge eröffnet.
Wie die spanische Wirtschaftszeitung Expansión berichtet und sich dabei auf fünf mit dem Verfahren vertraute Personen beruft, hat sich die Regierung in Madrid auf Pablo Hernández de Cos festgelegt, den Generaldirektor der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich und früheren Chef der spanischen Notenbank.
Zwischen Hernández de Cos und dem Team von Vize-Ministerpräsident und Wirtschaftsminister Carlos Cuerpo gebe es regelmäßige Kontakte, heißt es. Die Mission, den Spanier in das Präsidentenbüro im 40. Stock des EZB-Turms in Frankfurt zu bringen – dort arbeitet Lagarde noch bis Oktober 2027 –, werde seit Monaten vorbereitet.
Hernández de Cos wollte sich nicht äußern. Das Wirtschaftsministerium erklärte, Spanien strebe als eine der größten Volkswirtschaften des Euroraums und als einer der größten EZB-Anteilseigner selbstverständlich eine zentrale Rolle in der nächsten Phase der Institution an. Man werde zu gegebener Zeit eine entsprechende Kandidatur präsentieren.
An den fachlichen Qualifikationen von Hernández de Cos gibt es kaum Zweifel.
Von 2018 bis 2024 leitete er die Banco de España und saß damit im EZB-Rat. Von 2019 bis 2024 stand er dem Basler Ausschuss für Bankenaufsicht vor, im Juli 2025 übernahm er die Leitung der BIZ. In Umfragen unter Ökonominnen und Ökonomen gilt er in diesem Jahr als Favorit für den Posten in Frankfurt.
Der ausdrückliche Rückhalt der Regierung ist bedeutsam. Frühere Berichte hatten von Vorbehalten im Regierungssitz Moncloa gesprochen, ausgelöst durch Konflikte während seiner Amtszeit wegen der kritischen Haltung der Banco de España zu Erhöhungen von Mindestlohn und Renten.
Die zitierten Personen weisen diese Darstellung entschieden zurück. Das Wirtschaftsministerium habe ihn stets als Spaniens einzige ernsthafte Option für das Präsidentenamt gesehen – eine Chance, die man nicht verstreichen lassen wolle.
Regierungsunterstützung ist zudem keine bloße Formalie: Noch nie hat es ein EZB-Direktor in das Gremium geschafft, dem die eigene Regierung die Unterstützung verweigerte.
Präsidentschaft oder nichts
Allerdings gibt es einen Haken.
Hernández de Cos würde Basel nur für Frankfurt verlassen, wenn es um den Spitzenposten geht. In seiner derzeitigen Funktion wäre keiner der anderen Sitze im sechsköpfigen EZB-Direktorium – auch nicht die demnächst neu zu besetzenden Bereiche Chefvolkswirt oder Marktoperationen – ein Aufstieg.
Sollte die Präsidentschaft außer Reichweite sein, würde Madrid auf eine andere Person setzen, um wenigstens einen der übrigen Sitze zu bekommen.
Spanien ist derzeit überhaupt nicht im Direktorium vertreten. Die Vizepräsidentschaft von Luis de Guindos endete in diesem Jahr und ging an den Kroaten Boris Vujčić. Ein derartiges Vakuum will das Ministerium nicht noch einmal hinnehmen: Schon zwischen dem Ausscheiden von José Manuel González-Páramo 2012 und dem Amtsantritt von de Guindos 2018 hatte Spanien keinen Sitz.
Die mögliche vorzeitige Ablösung von Christine Lagarde verdichtet den Zeitplan. Die Debatte über ihre Nachfolge dürfte sich nach dem Sommer deutlich zuspitzen.
Berichte vom Februar deuteten darauf hin, dass Lagarde vor der französischen Präsidentschaftswahl im April 2027 abtreten wolle, damit Frankreichs Präsident Emmanuel Macron und Deutschlands Bundeskanzler Friedrich Merz die Entscheidung maßgeblich mitgestalten können.
In diesem Monat schloss Lagarde einen vorzeitigen Abschied nicht ausdrücklich aus. In der Zeitung Les Échos sagte sie, „im französischen Präsidentschaftswahlkampf muss eine europäische Stimme zu hören sein“, fügte gegenüber Euronews jedoch hinzu: „Ich kandidiere für kein Amt.“
Die Nachfolge Lagrades wird für eine nicht verlängerbare Amtszeit von acht Jahren bestimmt. Zunächst stimmen die Finanzministerinnen und -minister der Eurozone mit qualifizierter Mehrheit über eine Vorschlagsliste ab, danach fällen die EU-Staats- und Regierungschefs die endgültige Entscheidung. In der Praxis haben sich die Regierungschefs allerdings auch schon direkt auf eine einzige Person geeinigt – so geschehen bei Lagarde selbst.
Derzeit wird Hernández de Cos vor allem mit dem Niederländer Klaas Knot sowie den Deutschen Joachim Nagel und Isabel Schnabel verglichen.