Loader
Finden Sie uns
Werbung

Deutschland droht Gasspeicherziel zu verfehlen, Industrie bangt vor kaltem Winter

Archiv: Die schwimmende Speicher- und Regasifizierungseinheit „Höegh Esperanza“ liegt zur Eröffnung des LNG-Terminals in Wilhelmshaven vor Anker, 17. Dez. 2022.
Archiv: Die schwimmende Speicher- und Regasifizierungseinheit „Hoegh Esperanza“ liegt zur Eröffnung des LNG-Terminals in Wilhelmshaven vor Anker, 17. Dez. 2022. Copyright  AP Photo/Michael Sohn, pool, File
Copyright AP Photo/Michael Sohn, pool, File
Von Doloresz Katanich
Zuerst veröffentlicht am
Teilen Kommentare Euronews bei Google hinzufügen
Teilen Close Button

Der Speicherverband warnt: Deutschland verfehlt das Gasziel für November, wenn weiter so wenig Gas eingelagert wird. Kälte und knappe Vorräte könnten die Industrie bremsen.

Deutschland gerät beim Auffüllen seiner Gasspeicher vor dem Winter ins Hintertreffen. Energieunternehmen und Branchenverbände fordern deshalb stärkere Anreize, damit schneller eingespeichert wird.

WERBUNG
WERBUNG

Die hohen Marktpreise bremsen das Nachfüllen der deutschen Speicher. Damit steht das gesetzliche Ziel auf dem Spiel.

„Bleiben die Einspeicherungen auf dem derzeitigen Niveau, wird Deutschland die gesetzlichen Speicherfüllvorgaben bis zum ersten November nicht erreichen“, sagte Sebastian Heinermann, Geschäftsführer des Gasspeicherverbands INES, Euronews Business.

Am 25. August waren die deutschen Speicher zu rund 51,5 Prozent gefüllt. Ein Jahr zuvor lag der Wert noch bei etwa 69 Prozent. Vorgeschrieben ist, dass die Füllstände bis zum ersten November im Durchschnitt 70 Prozent erreichen.

Auch in anderen Teilen Europas sind die Speicher vergleichsweise leer. Der niederländische, staatliche Gasnetzbetreiber Gasunie warnte, dass die Niederlande ihr Ziel in diesem Jahr verfehlen könnten.

Deutschland verfügt über die größte Gasspeicherkapazität Europas. Das langsame Auffüllen trägt daher erheblich zum europäischen Defizit bei.

Nach Angaben Heinermanns liegt in den Speichern rund 45 Terawattstunden weniger Gas als vor einem Jahr. Das entspricht ungefähr der gesamten Speicherkapazität Tschechiens.

Rund 78 Prozent der verfügbaren Speicherkapazität sind laut Heinermann bereits gebucht. Das bedeutet jedoch nicht automatisch, dass sie auch gefüllt werden. Eine Buchung sichert Händlern lediglich das Nutzungsrecht; wie viel Gas tatsächlich eingespeist wird, hängt von den Marktbedingungen ab.

Warum Unternehmen wenig Gas einlagern

Die hohen Preise machen es derzeit unattraktiv, große Gasmengen zu kaufen und einzulagern. Üblicherweise beschaffen Versorger im Sommer günstigeres Gas, speichern es und verkaufen es im Winter zu höheren Preisen.

Der Krieg im Iran hat die Weltmarktpreise nach oben getrieben. Damit ist die Speicherung aus Sicht der Unternehmen weniger lukrativ. Am Freitag kostete der maßgebliche europäische Gaskontrakt, der niederländische TTF-Frontmonat, rund 69 Euro je Megawattstunde. Zu Jahresbeginn waren es noch etwa 29 Euro.

Der deutsche Energiekonzern und große Gashändler Uniper bestätigte gegenüber Euronews Business, dass die Marktbedingungen die Einspeicherung bremsen.

„Die Spreads zwischen Sommer- und Winterpreisen haben sich zwar zuletzt verbessert, aber nicht so stark, dass zusätzliche Einspeicherungen wirtschaftlich sinnvoll wären“, teilte das Unternehmen mit.

Ein Sprecher ergänzte, Uniper sehe derzeit keinen akuten Versorgungsmangel in Europa. Deutschland könne den Zielwert von 70 Prozent oder mehr bis zum ersten November erreichen, falls die Marktbedingungen „stärkere Anreize zur Einspeicherung schaffen“.

Der staatliche Energieversorger SEFE verwies auf eine aktuelle Analyse des Bundesverbands der Energie- und Wasserwirtschaft. Demnach lässt sich das Ziel weiterhin erreichen, wenn im Schnitt täglich 0,75 Terawattstunden eingespeist werden.

Auch RWE Gas Storage West erklärte, es gehe nach derzeitigen Einspeicheraten davon aus, dass die Vorgaben erfüllt werden.

Das Bundeswirtschaftsministerium hatte zuvor mitgeteilt: „Nach derzeitigem Kenntnisstand ist im kommenden Winter nicht mit einer Gasmangellage zu rechnen.“

Die Nachrichtenagentur dpa berichtete, das Ministerium räume zwar ein, dass die Speicherstände deutlich niedriger seien als in den Vorjahren. Die Versorgungssicherheit hänge jedoch nicht allein von den Vorräten ab. Deutschland könne zusätzlich Pipelinegas aus Norwegen, Flüssiggas über LNG-Terminals und Lieferungen aus Nachbarländern nutzen.

Laut Ministerium reichen Speicherfüllstände von 60 bis 70 Prozent zu Winterbeginn zusammen mit den verfügbaren Importen aus, um den Bedarf in einem durchschnittlichen Winter zu decken.

Die Bundesnetzagentur, die Energieregulierungsbehörde, erklärte gegenüber Euronews Business, Deutschland verfüge über ausreichende Import- und Speicherkapazitäten. Gas sei bei Bedarf am Markt verfügbar.

Industrieproduktion bei strengem Winter gefährdet

Eine akute Gefahr sieht Heinermann derzeit nicht. Er warnt jedoch, dass niedrige Speicherstände bei sehr kaltem Wetter zum Problem werden könnten.

„Treffen unzureichend gefüllte Speicher auf einen sehr kalten Winter, kann Deutschland den normalen Gasbedarf möglicherweise nicht mehr vollständig decken“, sagte er Euronews Business.

„Steigen die Gaspreise dann über das Niveau, das Industrieabnehmer bezahlen können, müssen Unternehmen ihre Produktion drosseln“, so Heinermann weiter. Dies könne erhebliche wirtschaftliche Schäden nach sich ziehen.

Der Stellenwert fossiler Energien sinkt zwar, doch Gas bleibt für Haushalte, Industrie und Stromerzeugung wichtig. Im Jahr 2025 entfielen nach Angaben des Statistischen Bundesamts 16,1 Prozent der inländischen Stromproduktion Deutschlands auf Gas.

Der drittgrößte deutsche Gasspeicherbetreiber VNG sieht das größte Risiko, wenn mehrere Störungen zusammenfallen. „Zum Beispiel niedrige Speicherstände, außergewöhnlich kaltes Wetter und gleichzeitig Beeinträchtigungen bei LNG- oder Pipelineimporten“, sagte ein Sprecher Euronews Business.

Auch die Industrie sorgt sich, dass geringe Speicherstände Deutschland im Winter zu teuren LNG-Käufen zwingen könnten. Das würde den Kostendruck zusätzlich erhöhen.

Ein Sprecher des Bundesverbands der Pharmazeutischen Industrie (BPI) sagte der „Pharmazeutischen Zeitung“, eine Kombination aus niedrigen Speicherständen, strenger Kälte und Lieferunterbrechungen wäre problematisch. Viele pharmazeutische Produktionsprozesse seien auf Gas angewiesen und ließen sich nicht kurzfristig herunterfahren oder umstellen.

Auch der Maschinenbau hat Alarm geschlagen. Thilo Brodtmann, Hauptgeschäftsführer des Verbands Deutscher Maschinen- und Anlagenbau (VDMA), erklärte laut „Welt“: „Ein physischer Gasmangel oder explodierende Preise wären eine erhebliche Bedrohung für die Branche.“

Wie Deutschland die Speicher schneller füllen kann

Nach Einschätzung von INES müssen vor allem die finanziellen Anreize zur Gasspeicherung verbessert werden.

Heinermann schlug vor: „Wenn zum Beispiel Netzentgelte für Speicher sowie die Konvertierungsumlage entfallen, sinken die Kosten der Gasspeicherung. Einspeicherungen würden dadurch attraktiver.“ Er plädierte zudem für weniger Bürokratie, um Kosten weiter zu senken.

Nutzen Unternehmen ihre gebuchten Kapazitäten nicht und droht Deutschland sein Speicherziel zu verfehlen, müssen ungenutzte Volumina an Trading Hub Europe (THE) zurückfallen. Mit Zustimmung von Regierung und Aufsichtsbehörden kann THE dann öffentliche Ausschreibungen starten, um zusätzliches Gas für die Speicher zu beschaffen.

VNG brachte eine weitere Option ins Gespräch, falls Unternehmen zu wenig Gas einlagern. Der Staat könnte Energieversorgern Geld zahlen, damit sie garantieren, in einer Krise bestimmte Mengen bereitzustellen.

Die Unternehmen würden um diese Notfalllieferungen konkurrieren. Nach Ansicht von VNG wäre das für die Steuerzahler günstiger und würde den Gasmarkt weniger stark verzerren als direkte Gaseinkäufe des Staates.

Über den kommenden Winter hinaus plant Deutschland ab dem Speicherjahr 2027/28 eine staatlich kontrollierte strategische Gasreserve. Sie soll das Land gegen größere Importausfälle absichern.

Vorgesehen ist ein Vorrat von rund 24 Terawattstunden Gas. Das entspricht fast 10 Prozent der nationalen Speicherkapazität. Das Gesetzgebungsverfahren läuft jedoch noch. Vor dem Winter 2027/28 wird die Reserve voraussichtlich keinen Schutz bieten.

Zu den Barrierefreiheitskürzeln springen
Teilen Kommentare Euronews bei Google hinzufügen

Zum selben Thema

Warsh warnt vor Inflation und lehnt Fed-Ausblick ab

Präsidentschaft 2027: Kandidaten liefern sich Wirtschaftsduell in Roland-Garros

Bildungsausgaben in Europa: Welche Länder investieren am meisten und lohnt sich das?