Brüssel: Beim Kunstenfestivaldesarts machen Boris Charmatz und Romeo Castellucci aus einem Parkplatz eine stille Kathedrale der Kindheitstraumata.
Beim Kunstenfestival des Arts (KFDA) in Brüssel verwandelten Künstlerinnen und Künstler am Wochenende globale Spannungen und gesellschaftliche Bruchlinien in zutiefst persönliche Performances.
Über Tanz und Theater gibt das Festival den bislang Überhörten eine Stimme, verwandelt persönliches Trauma in ein kollektives Erlebnis und stellt der Dystopie große künstlerische Kraft entgegen. Ein Muss.
Charmatz erforscht intime Schmerzen im Schweigen
Im Stück Muette wird Schweigen zur Form der Einschließung. Der französische Tänzer und Choreograf Boris Charmatz zeigt ein Solo, nackt und ohne Musik. Das Licht modelliert seinen Körper, lässt ihn mal wie Asche, mal weich erscheinen und verstärkt so das Gefühl von Verletzlichkeit und Schmerz.
Eine seiner Inspirationsquellen ist laut Charmatz der Bétharram-Skandal in Frankreich. Dort gingen 2025 Anzeigen wegen mehrfacher sexueller Übergriffe in der katholischen Schule Notre-Dame de Bétharram ein, die sich über Jahrzehnte erstrecken.
Auf der Bühne wird sein Gesicht zur Maske, fast wie bei einem traurigen Clown. Sein einsamer, langsam bewegter Körper ruft die Zerbrechlichkeit der Kindheit und die anhaltenden Spuren von Trauma bis ins Erwachsenenalter wach.
Dystopie im Parkhaus
Auch im Werk des italienischen Regisseurs Romeo Castellucci spielt Religion eine zentrale Rolle. Er verlegte seine Aufführung auf das oberste Deck eines Parkhauses in Brüssel, unter ein Dach, das an ein Kathedralengewölbe erinnert. Sein Stück trägt den Titel „To Carthage Then I Came“, ein Zitat aus den Confessiones des heiligen Augustinus vor dessen Bekehrung.
Auf einer erhöhten Plattform schleudern sechs Darstellerinnen und Darsteller ihre nassen Haare über lange Röhren. Das Geräusch hallt 35 Minuten lang durch den riesigen Raum. Die Atmosphäre ist deutlich dystopisch. Die Spielenden wirken, als ergäben sie sich einer höheren Macht – womöglich einer christusähnlichen Präsenz, zumal in den letzten Momenten der Aufführung Glocken läuten.
Liddell verschiebt Grenzen des Theaters
Zu den Kunstschaffenden, die das dreiwöchige Festival beschließen, zählt die spanische Regisseurin Angélica Liddell. Sie feierte am Montag Premiere mit einem Werk, das von dem japanischen Schriftsteller Yukio Mishima und seiner ritualisierten Darstellung des Selbstmords durch Seppuku inspiriert ist.
In El funeral de Mishima o el placer de morir treibt die exzentrische Spanierin das Theater an seine Grenzen, um zu provozieren und einen Hymnus auf die ungezähmte Seite des Lebens zu formulieren.
In der letzten Festivalwoche steht außerdem Family Triangle auf dem Programm. Darin erkunden die taiwanischen Regisseure Chien-Han Hung, Wei-Yao Hung und Ray Tseng den Wunsch nach einem Kind durch Samenspende und zeigen, wie der Aufbau einer Familie durch kulturelle Traditionen, Geschlechternormen und rechtliche Rahmenbedingungen geprägt und eingeschränkt wird.
„Die stärksten Bande sind nicht die des Blutes, sondern – vom Gesetz übersehen – die der Verpflichtung und der Fürsorge“, so beschreibt das Programm die letzte Aufführung des Festivals.
Das Kunstenfestival des Arts endet in Brüssel am Samstag, 30. Mai.