Blau ist gut, wenn es ums Lernen geht. Aber was können Silber, Grün und Violett? Hier kommt der vielleicht ungewöhnlichste Ratgeber für 2026.
Schon der deutsche Farbforscher Professor Dr. Axel Buether hat den direkten Einfluss von Farben auf das Nervensystem erkannt. Auch Emotionen werden demnach durch Farben beeinflusst. Da Gefühle die größte Antriebskraft des Menschen sind, haben Farben die Fähigkeit, Denken und Verhalten zu steuern, so Buether.
Das kann zwei Dritteln der Deutschen helfen, die häufig gestresst sind.
Farben als Werkzeug zu benutzen, wenn man einen bestimmten Gemütszustand erreichen will – das ist für Dougall Fraser, einen prominenter Autor in Los Angeles, selbstverständlich.
Schon als er ein Kind war bemerkten seine Eltern, dass er davon sprach, Farben um Menschen herum zu sehen. "Meine Mutter war sehr spirituell, und durch ihre Ermutigung durfte ich Intuition, Meditation und das erkunden, was ich damals als das Paranormale verstand. Als Teenager studierte ich Meditation und Energieheilung – und durch all das hindurch blieb die Farbwahrnehmung eine Konstante."
Dougalls Vater hingegen war sehr praktisch veranlagt. Er brachte ihn zu einem Augenarzt, um körperliche Ursachen auszuschließen, und später zu einem Therapeuten, weil er glaubte, der Junge phantasiert. "Spirituell würden viele sagen, ich habe Energie wahrgenommen“, erklärt Fraser. "Wissenschaftlich lässt sich diese Erfahrung mit Synästhesie erklären – einem neurologischen Phänomen, bei dem sich Sinneswahrnehmungen überlagern. In meinem Fall lösen Geräusche und Sprache Farbwahrnehmungen aus."
Statistisch haben etwa 2-4% der Bevölkerung eine Form der Synästhesie, dazu gehört z.B. auch, Formen oder Klänge zu schmecken, was als lexikalisch‑gustatorische Synästhesie bezeichnet wird.
Grün: Aktive, extrovertierte Persönlichkeiten
Dougall begann, konsistente Persönlichkeitsmuster zu bemerken, die mit bestimmten Farben verbunden waren: "Zum Beispiel bin ich von Natur aus schüchtern und introvertiert. Doch wenn ich mit Menschen arbeitete, die sehr extrovertiert, ausdrucksstark und sozial selbstsicher waren, sah ich immer wieder eine leuchtend grüne Energie um sie herum. Ich begann, Grün als die Farbe von Kreativität und Kommunikation zu definieren. Grüne Menschen sind oft natürliche Geschichtenerzähler, sozial anziehend und fühlen sich wohl dabei, gesehen zu werden."
Fraser entschloss sich, zu experimentieren. Wenn Farbe konsequent mit bestimmten Eigenschaften verbunden ist, könnte man sie dann nicht bewusst aktivieren? "Ich visualisierte vor öffentlichen Auftritten oder sozialen Situationen grüne Energie und bemerkte eine messbare Veränderung in meinem Wohlbefinden und meiner Ausdruckskraft. Das war eine meiner ersten persönlichen Bestätigungen dafür, dass dieser Ansatz einen praktischen Nutzen hat."
Während ein tieferes Smaragdgrün bzw. Naturgrün laut Fraser Kreativität und Kommunikation unterstützt, wirkt ein helles Mintgrün äußerst aktivierend. Fraser sieht diese Farbe bei Menschen, die offen für neue Perspektiven, fit und ständig "auf Draht" sind - und oft auch bei Kindern. Man könnte fast den Eindruck gewinnen, dass diese Merkmale seit einiger Zeit fälschlicherweise pathologisiert werden (sprich: ADHS). Sogenannte neurodiverse Eigenschaften gelten vor allem dann als problematisch, wenn sie nicht in bestehende gesellschaftliche Strukturen passen. Statt die eigene unermüdliche Aktivität als Problem zu werten – eine Folge der Pathologisierung – könnten Betroffene sie als wertvolle persönliche Stärke begreifen und gezielt einsetzen.
In der modernen Farbpsychologie wird Blau eine beruhigende Wirkung zugeschrieben, neben Vertrauenswürdigkeit und Zuverlässigkeit. Es soll zudem die kognitive Leistung steigern. Banken und Behörden nutzen oft blaue Logos. Interessant: Die sogenannte neonatale Phototherapie ist die Standardbehandlung bei Babies, die an Gelbsucht leiden. Kurzwelliges blaues Licht wandelt dabei das wasserunlösliche Bilirubin in der Haut des Babys in eine wasserlösliche Form um, die dann ausgeschieden werden kann, um bleibende Hirnschäden zu verhindern.
Für Fraser ist Blau die stärkste Farbe für Konzentration und Fokus: "Wenn ich Blau um jemanden herum wahrnehme, sind diese Menschen oft sehr neugierig, analytisch und wissensorientiert. Sie tauchen tief in Themen ein, recherchieren aus unterschiedlichen Perspektiven und suchen nach Verständnis statt nach oberflächlichen Antworten." Auch seiner Sicht nach unterstützt Blau anhaltende Aufmerksamkeit, Lernen und geistige Klarheit.
Trotz dem Einsatz von Farben in Medizin und Marketing gilt "Farbenlehre" bei sehr rational denkenden Menschen als "Hokuspokus", im Gegensatz zu denen, die spirituell eher aufgeschlossen sind, und glauben, dass sie durch das Visualisieren oder das bewusste Umgeben mit einer bestimmten Farbe ihren energetischen Zustand gezielt beeinflussen.
Egal wie - Hauptsache "es wirkt"
Ein häufig zitierter Mechanismus ist auch die Konditionierung. Die Idee dahinter ist, dass, wenn man eine bestimmte Erfahrung immer wieder in Anwesenheit einer bestimmten Farbe macht, man diese Farbe schließlich mit den eigenen Gefühlen oder dem eigenen Verhalten in Verbindung bringt.
Laut Fraser ist die Hauptsache, dass es wirkt: "Für eher skeptische Menschen kann es als eine Form fokussierter Intention oder sogar als Placebo wirken. In der Praxis ist aber das Ergebnis wichtiger als die Erklärung. Wenn ein Werkzeug jemandem zuverlässig hilft, sich selbstbewusster, ruhiger oder ausdrucksstärker zu fühlen, dann hat es einen Wert – unabhängig davon, welches Erklärungsmodell man dafür wählt."
Die Wissenschaft ist sich tatsächlich nicht einig, und wie so oft gibt es Studien und dann wieder Gegenstudien, die dem widersprechen, was früher festgestellt worden war. Dazu gehört die Baker-Miller-Pink-Studie, die in Tacoma, Washington, durchgeführt wurde. Dort zeigten Gefängniszellen, die in einem ganz bestimmten Rosa-Ton gestrichen waren, messbare Reduktionen von Aggression und sogar niedrigere Herzfrequenzen bei den Insassen.
Dr. Alexander Schauss, gebürtiger Hamburger und damals Direktor des American Institute for Biosocial Research in Tacoma, Washington, führte 1985 Forschungen zu den Auswirkungen eines cremigen Rosatons auf Emotionen in der Naval Correctional Facility in Seattle durch, einer Marine-Strafanstalt der United States Navy. Er benannte den Farbton nach den Institutsleitern Baker und Miller, Baker-Miller Pink.
Schauss hatte offenbar zunächst im Selbsttest bemerkt, dass bereits das Betrachten einer 45 × 60 cm großen Karte in dieser Farbe, insbesondere nach körperlicher Betätigung, "einen deutlichen Effekt auf die Senkung von Herzfrequenz, Puls und Atmung im Vergleich zu anderen Farben" zur Folge hatte.
Bei seiner anschließenden Studie zeigte sich, dass Gefängniszellen, die in diesem Rosaton gestrichen waren, messbare Reduktionen von Aggression und niedrigere Herzfrequenzen bei den Insassen zeigten.
Zuletzt testeten im Jahr 2014 Oliver Genschow und ein Team von Psychologen an der Universität Gent Schauss’ Hypothese erneut. 59 männliche Gefangene, die gegen Gefängnisregeln verstoßen hatten, wurden zufällig in rosa oder graue Zellen eingeteilt. Die Aufseher erhielten eine Aggressionsskala, um das Verhalten der Gefangenen bei Ankunft und nach drei Tagen zu beurteilen. In beiden Zellenarten zeigte sich nach drei Tagen eine Abnahme der Aggression, es gab jedoch keine Unterschiede in Abhängigkeit von der Raumfarbe.
In der heutigen Fachwelt wird Baker-Miller Pink grundsätzlich eher als interessantes Beispiel für Farbpsychologie und Erwartungseffekte gesehen – nicht als gesichert wirksames Instrument, denn spätere Untersuchungen konnten die Effekte nicht zuverlässig wiederholen.
Auch noch heute: Rosa Zellen für aggressive Insassen
Dennoch besteht offenbar genug Überzeugung von der Wirkung der Farbe, sodass einige Gefängnisse und Polizeistationen in Ländern wie den USA und der Schweiz, einzelne Zellen in diesem bestimmten Rosa-Ton gestrichen haben. In der Schweiz verfügen etwa 20 % der Gefängnisse und Polizeistationen über mindestens eine rosa Zelle.
Zurück zu Fraser: "Ich finde das faszinierend, weil ich Rosa als die Farbe der bedingungslosen Liebe und Selbstakzeptanz definiere. Wenn Menschen Rosa visualisieren oder sich damit umgeben, hebt das oft ihre besten Eigenschaften hervor und mildert innere Selbstkritik. Das Ergebnis ist häufig ein stärkeres Gefühl von Selbstvertrauen und emotionaler Sicherheit."
Als Frasers Buch_Your Life In Color_ (im Deutschen: Geheime Kraft der Farben: Wie Farben Körper, Geist und Seele stärken) in den USA erschien, wurde er als Gast in eine nationale Talkshow eingeladen, erzählt er: "Die Sendung wurde von approbierten Ärzten moderiert, und im Vorfeld bemerkte ich, wie meine Selbstkritik zunahm, weil ich nicht dieselben traditionellen Qualifikationen hatte wie sie. Ich entschied mich, einen pinkfarbenen Blazer zu tragen. Jedes Mal, wenn ich an diesem Tag auf meine Jacke schaute, erinnerte ich mich daran, dass ich gut genug bin. Mein innerer Kritiker wurde ruhiger, und ich konnte das Interview mit deutlich mehr Selbstvertrauen führen."
Silber bei Stress
Was wirkt seiner Ansicht nach bei Menschen, die sich häufig gestresst fühlen? Stress zeige sich je nach Ursache unterschiedlich, betont Fraser, aber eine Farbe, die durchgängig bei Stressabbau unterstützte, sei Silber.
"Silber wird mit Zuhause, Sicherheit und Reflexion verbunden. Wenn jemand überfordert ist, braucht er oder sie oft die innere Erlaubnis, innezuhalten, zu reflektieren und neue Kraft zu sammeln. Silber-Energie unterstützt dabei, einen sicheren, beruhigenden Raum zu schaffen und sich wieder mit der eigenen inneren Führung zu verbinden. Viele Formen von Stress entstehen durch eine Entfremdung vom eigenen inneren Rhythmus. Silber hilft, dieses Gefühl von Fluss wiederherzustellen."
Und was könnte Menschen helfen, die eher dazu neigen, sich niedergeschlagen zu fühlen? "Für Menschen, die unter depressiven Tendenzen leiden, kann Gelb besonders unterstützend sein. Ich sehe Gelb häufig bei Menschen, die in sehr unterschiedlichen Bereichen begabt sind – zum Beispiel analytisch stark und gleichzeitig kreativ ausdrucksvoll."
Gelb aktiviert laut Fraser den Geist. "Es fördert Neugier und innere Beteiligung, was besonders hilfreich sein kann, wenn sich jemand mental oder emotional leer fühlt. Das ist auch ein Grund, warum Klassenzimmer häufig gelbe Farbtöne enthalten. Gelb stellt sanft die Frage: Was interessiert mich? – und hilft Menschen dabei, wieder einen Zugang zu Sinn, Motivation und Leidenschaft zu finden."
Trotz seiner zweifellos sehr spirituellen Orientierung betont Fraser, dass Farben keine magische Lösung sind. "Sie sind ein Werkzeug unter vielen. Ich befürworte ausdrücklich klassische Therapie, körperliche Gesundheit und irgendeine Form von spiritueller oder reflektierender Praxis. Farbe funktioniert am besten als eine Brücke zwischen der inneren und der äußeren Welt."
Farbe für 2026: Violett - mehrere Perspektiven gelten lassen
Farbe war jedenfalls für ihn besonders hilfreich im Umgang mit Selbstkritik, meint er, und fügt noch einmal hinzu: "Etwas so Einfaches wie das Tragen eines rosafarbenen Einstecktuchs kann als stille Erinnerung an Selbstakzeptanz und innere Beruhigung dienen. Es ist ein kleines, greifbares Signal, das einen inneren Zustand unterstützt und verstärkt."
Gibt es denn eine "kollektive Farbe 2026"? "Wenn ich eine Farbe für 2026 wählen müsste, wäre es Violett.Wenn ich Violett um Menschen herum wahrnehme, denken sie oft über ihr unmittelbares Umfeld hinaus. Sie interessieren sich für die Welt, für Gerechtigkeit und für das größere Ganze", meint Fraser.
"Meiner Ansicht nach braucht die Welt im Moment vor allem mitfühlende Bewusstheit – die Fähigkeit, mehrere Perspektiven gleichzeitig zu halten und sowohl für den Planeten als auch füreinander Sorge zu tragen. Violett unterstützt genau diese erweiterte Sichtweise. Wenn Führung nicht als Macht, sondern als Verantwortungsbewusstsein verstanden wird, wird kollektive Stärke möglich."