Die Weltgesundheitsorganisation warnt. Niedrige, nicht inflationsbereinigte Steuern reduzieren den Konsum von Alkohol und zuckhaltigen Getränken kaum spürbar.
Regierungen sollen die Steuern auf zuckerhaltige Getränke und Alkohol erhöhen. So lassen sich steigende Raten von Adipositas, Diabetes, Herzkrankheiten, Krebs und Verletzungen senken, heißt es in neuen Berichten der Weltgesundheitsorganisation (WHO).
In zwei am Dienstag veröffentlichten Berichten warnt die WHO: Niedrige, nicht mit der Inflation mitwachsende Steuern halten diese Produkte erschwinglich. Gleichzeitig kämpfen Gesundheitssysteme mit vermeidbaren Krankheiten.
Abgaben auf Alkohol und zuckerhaltige Getränke gehören laut WHO zu den wirksamsten Mitteln, um den Konsum zu senken. Höhere Preise können den Konsum reduzieren, hinauszögern oder ganz verhindern.
„Gesundheitssteuern sind eines unserer stärksten Instrumente, um Gesundheit zu fördern und Krankheiten vorzubeugen“, sagte Tedros Adhanom Ghebreyesus, Generaldirektor der WHO.
„Wenn Regierungen die Steuern auf Tabak, zuckerhaltige Getränke und Alkohol erhöhen, verringern sie schädlichen Konsum und gewinnen Mittel für lebenswichtige Gesundheitsdienste.“
Die Berichte erscheinen, während die WHO die Staaten auffordert, Steuern anzuheben und neu zu gestalten. Ziel der neuen Initiative: die Realpreise für Tabak, Alkohol und zuckerhaltige Getränke bis 2035 anheben.
Die Ergebnisse beruhen auf einer Analyse der Preise und Steuerlast für Bier, Spirituosen und zuckerhaltige Getränke in mehr als 150 Ländern im Jahr 2024, ergänzt um einen Überblick über Steuerpolitik in rund 180 Ländern. Zudem hat die WHO die Daten für 2024 mit Zahlen von 2022 verglichen, um Entwicklungen nachzuverfolgen.
Bier und Spirituosen werden trotz Steuern günstiger
Der Konsum von Alkohol zählt weltweit zu den größten Risiken für über zweihundert Gesundheitsprobleme, etwa Krebs, und für viele Verhaltensprobleme, darunter Depressionen, Angststörungen und Alkoholmissbrauch. Nach WHO-Angaben sterben jährlich über 2,6 Millionen Menschen an alkoholbedingten Erkrankungen.
Mehr als 160 Länder erheben Steuern auf alkoholische Getränke, entweder nach Preis oder Alkoholgehalt. In einigen Staaten greifen zusätzlich allgemeine Umsatzsteuern, die die Preise aller Waren erhöhen.
Die WHO stellt jedoch fest: Bier und Spirituosen sind seit 2022 entweder günstiger geworden oder kosten gleich viel. Der Grund: Steuersätze werden nicht regelmäßig an die Inflation angepasst.
Weniger als ein Viertel der Länder mit Alkoholsteuern passt die Sätze regelmäßig an. Dadurch untergräbt die Inflation die Wirkung und macht Alkohol mit der Zeit billiger.
Weltweit liegt die Durchschnittssteuer auf Bier bei 14 Prozent des Endpreises, bei Spirituosen bei 22,5 Prozent. Ein typisches 330‑Milliliter (ml) Bier kostet 2,47 US-Dollar (2,10 Euro), davon entfallen nur 0,52 US-Dollar (0,44 Euro) auf Steuern. Eine 750‑ml‑Flasche Spirituose kostet im Schnitt 22,67 US-Dollar (19,28 Euro), davon 6,44 US-Dollar (5,48 Euro) an Steuern.
Mindestens 25 Länder weltweit, überwiegend in Europa, besteuern Wein nicht. Das geschieht trotz „klarer Gesundheitsrisiken“, so die WHO. Dazu zählt ein erhöhtes Krebsrisiko bei Frauen, die mehr als 1,5 Liter Wein pro Woche trinken.
Nur 28 Länder zwecken die Einnahmen aus Alkoholsteuern für Prävention und Behandlung. Das reicht von Programmen zur Alkoholkontrolle über Gesundheitskampagnen bis zur Finanzierung des Gesundheitssystems.
WHO plädiert für Steuern, die sich am Zuckergehalt orientieren
Zuckerhaltige Getränke (SSB) wie Limonaden oder Fruchtsäfte erhöhen das Risiko für Adipositas, Karies und mehrere chronische Krankheiten wie Krebs, Diabetes und Herzprobleme, laut dem WHO-Regionalbüro für den östlichen Mittelmeerraum.
Diese Getränke zählen in vielen Ländern zu den wichtigsten Zuckerquellen und haben wenig bis keinen Nährwert, so die Organisation.
Zwar besteuern 116 Länder einige zuckerhaltige Getränke, etwa Limonaden und Energy-Drinks. Die meisten erfassen jedoch andere zuckerreiche Produkte nicht, darunter Fruchtsäfte, gesüßte Milchgetränke sowie fertige Kaffee- und Teegetränke.
Laut WHO-Analyse werden zuckerhaltige Getränke entweder nach dem Gesamtpreis oder nach der Größe des Getränks besteuert.
Weniger als ein Viertel der Länder erhebt Steuern nach dem Gehalt an zugesetztem Zucker. Dabei empfiehlt die WHO solche Zuckersteuern, weil sie wirksamer sind und Kundinnen und Kunden zu weniger zuckerhaltigen oder zuckerfreien Alternativen bewegen.
Steuern erhöhen den Preis eines zuckerhaltigen Getränks im Schnitt um zwei Prozent. Weltweit kostet eine typische 330‑ml‑Flasche Limonade 1,56 US-Dollar (1,33 Euro), davon entfallen nur 0,15 US-Dollar (0,13 Euro) auf Steuern.
Fast die Hälfte der Länder, die Zuckergetränke besteuern, belegt auch abgefülltes Wasser mit Abgaben. Das lehnt die WHO ab: Gesunde Alternativen sollen bezahlbar bleiben.
Von den 116 Ländern mit Steuern auf Zuckergetränke widmen nur zehn die Einnahmen Gesundheitsprogrammen.
„Günstigerer Alkohol befeuert Gewalt, Verletzungen und Krankheit“, sagte Etienne Krug, Direktor der WHO-Abteilung für Gesundheitsdeterminanten, Gesundheitsförderung und Prävention.
„Während die Industrie Gewinne macht, trägt die Öffentlichkeit oft die gesundheitlichen Folgen und die Gesellschaft die wirtschaftlichen Kosten“, fügte er hinzu.