Vogelgezwitscher hat enorme Auswirkungen auf die Psyche der Menschen. Einer Studie zufolge hat die Vogelvielfalt und deren Gezwitscher mindestens einen genauso großen Effekt auf die Lebenszufriedenheit hat wie ein höheres Einkommen.
Je mehr Vögel zwitschern, je größer die Artenvielfalt von Vögeln in einer Umgebung ist, desto glücklicher und zufriedener sind die Menschen dort. Das hat eine Studie eines deutschen Forscherteams herausgefunden.
Für die Untersuchung haben die Wissenschaftler Daten zur Artenvielfalt mit denen zur Lebenszufriedenheit und Einkommen verknüpft. Ihre Datenbank enthielt die Werte von 26.000 Menschen in 26 europäischen Ländern.
Heraus kam: die Menschen sind dort zufriedener, wo es mehr Vogelarten gibt. Lebten in einer Region beispielsweise zehn Prozent mehr Vogelarten, waren die Menschen der Studie zufolge zufriedener. Bei einem zehnprozentigen Plus vom Einkommen war der Unterschied hingegen weniger groß.
Vögel, Geld und Glück: Wie man die Verknüpfung berechnet
Alle vier Jahre wird die "Europäische Erhebung zur Lebensqualität" (EQLS) durchgeführt. 26.000 Europäer beantworten Fragen aus demographischen und sozioökonomischen Themenbereichen. So wird etwa das Einkommen, der Familienstand, das Bildungsniveau, das Wohngebiet und der Gesundheitszustand erfasst.
Auf der anderen Seite braucht es die Daten zum Artenreichtum, zu anderen Faktoren aus Natur und Klima. Hier wurden Geodaten wie etwa Artenverteilungskarten sowie Satellitenbilder herangezogen und die verschiedenen Naturfaktoren miteinander verglichen.
Geprüft wurde nicht nur ein Zusammenhang zwischen Lebenszufriedenheit und Vogelvielfalt, sondern auch mit dem Artenreichtum von Säugetieren, Bäumen und anderen Naturmerkmalen. Fehlanzeige: Ein signifikanter Zusammenhang bestand lediglich mit der Artenvielfalt von Vögeln. Eine Unsicherheit gibt es: statistisch ist die Lebenszufriedenheit nicht so einfach zu beweisen - weitere körperliche und psychologische Faktoren wurden nicht miteinbezogen.
Wo jedoch ein weiterer Zusammenhang laut den Forschern bestehen könnte: Vögel gelten auch als Indikator für den Zustand der Umgebung, ein weiterer Einflussfaktor auf das Wohlbefinden. Wo eine große Vogelvielfalt herrscht, sind meist naturbelassene und abwechslungsreiche Landschaften in der Nähe.
"Nach unseren Erkenntnissen sind diejenigen Europäer am glücklichsten, die in ihrem Alltag zahlreiche verschiedene Vogelarten erleben können oder in naturnahen Umgebungen leben, in denen viele Arten heimisch sind", erklärte der Erstautor der Studie, Joel Methorst vom Forschungsinstitut Senckenberg.
Was Vogelgezwitscher über die Lebenszufriedenheit sagt
Der Studie zufolge eignen sich Vögel besonders gut als Indikatoren für die biologische Vielfalt. Demnach gehören sie zu den sichtbarsten Elementen der belebten Natur, insbesondere auch in städtischen Gebieten. Denn man kann ihren Gesang hören, auch wenn die Vögel nicht zu sehen sind.
"Wir haben auch die sozioökonomischen Daten der befragten Personen untersucht und zu unserer großen Überraschung festgestellt, dass die Vogelvielfalt für ihre Lebenszufriedenheit genauso wichtig ist wie ihr Einkommen", erklärt Prof. Dr. Katrin Böhning-Gaese, Direktorin des Senckenberg-Forschungszentrums für Biodiversität und Klima.
Vierzehn zusätzliche Vogelarten in der Umgebung würden demnach die Lebenszufriedenheit mindestens ebenso stark wie zusätzliche 124 Euro pro Monat auf dem Haushaltskonto steigern, basierend auf einem durchschnittlichen Einkommen von 1.237 Euro pro Monat in allen 26 europäischen Ländern.
Wer genau hinhört, merkt einen Unterschied
In einer zweiten Studie aus dem Jahr 2025 wurden Teilnehmer auf einen halbstündigen Spaziergang durch den Botanischen Garten der Universität Tübingen geschickt. Vor und nach dem Spaziergang wurde den Probanden Speichel abgenommen, der Blutdruck und Herzfrequenz gemessen.
Den Ergebnissen zufolge fühlten sich die Teilnehmer nach dem Spaziergang im Allgemeinen erfrischt, ruhig und ausgeglichen. Der Anteil an Cortisol, oftmals auch Stresshormon genannt, in den Speichelproben war nach dem Spaziergang geringer, die Herzfrequenz und der Blutdruck jeweils gesunken. Kurzgesagt: sie fühlten sich danach in Teilen regeneriert.
Die Forscher stellten jedoch auch klar, dass die Auswirkungen auf die physischen Parameter noch genauer untersucht werden müssten. Trotzdem gab es eine weitere Erkenntnis: Wer darauf hingewiesen wurde, auf das Vogelgezwitscher zu hören, hatte im Schnitt noch bessere Erholungswerte.
Die Teilnehmer berichteten von einem intensiveren Naturerlebnis und positiveren Emotionen nach dem Spaziergang. Die Gruppe, die normalem Vogelgesang lauschte und dabei aufgefordert wurde, aufmerksam zu sein, berichtete von einem signifikant stärkeren Naturerlebnis als die Kontrollgruppen.
Menschen scheinen der Studie zufolge das zu schätzen, was sie als vielfältig wahrnehmen, unabhängig vom tatsächlichen Artenreichtum. Denn das haben die meisten gar nicht erkannt. Der positive Effekt ist möglicherweise auf ein Gefühl einer stärkeren Verbundenheit mit der Natur zurückzuführen.