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Diriyah-Biennale: Prozessionen, Poesie und Wüstenrhythmen prägen die Gegenwartskunst

„Interludes and Transitions“, Diriyah Contemporary Art Biennale 2026: Installationsansicht, Petrit Halilaj, „Very volcanic over this green feather“ (2021)
Aus der Ausstellung Interludes and Transitions, Diriyah Contemporary Art Biennale 2026: Installationsansicht von Petrit Halilaj, Very volcanic over this green feather (2021) Copyright  Courtesy: Alessandro Brasile/Diriyah Biennale
Copyright Courtesy: Alessandro Brasile/Diriyah Biennale
Von Elise Morton
Zuerst veröffentlicht am
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Saudi-Arabiens größte Plattform für zeitgenössische Kunst startet ihre dritte Ausgabe. Die künstlerische Leitung der Diriyah Biennale formt aus alten Beduinenreisen eine radikal neue Vision.

Auf dem historischen Gelände von Diriyah nordwestlich von Riad, wo von der UNESCO gelistete Ruinen an die Geburtsstätte des ersten saudischen Staates erinnern, sind mehr als 65 Kunstschaffende aus 37 Ländern zusammengekommen. Sie nehmen an dem inzwischen ambitioniertesten Event für zeitgenössische Kunst in Saudi-Arabien teil.

Die Diriyah Contemporary Art Biennale 2026 trägt den Titel In Interludes and Transitions, angelehnt an eine umgangssprachliche arabische Wendung, die an die Zyklen des Nomadenlebens erinnert. Sie spielt auf die Rhythmen von Beduinengemeinschaften an, die zwischen ihren Lagern und Reisen über die Arabische Halbinsel pendeln – ein dauernder Zustand des Unterwegsseins, der dennoch Verbindung und Kontinuität stiftet.

Doch es geht hier nicht um Nostalgie oder bloße Pflege des Kulturerbes. Unter der Leitung der künstlerischen Direktorinnen und Direktoren Nora Razian, stellvertretende Direktorin und Leiterin Ausstellungen und Programme bei Art Jameel, und Sabih Ahmed, Kurator und Kulturtheoretiker sowie Projektberater der Ishara Art Foundation in Dubai, versteht die Biennale die Welt neu: als eine Abfolge von Prozessionen, als Bewegungen, die Menschen mit planetaren, spirituellen und technologischen Strömungen verweben.

Im JAX District, einem aufstrebenden Kreativviertel in der Nähe der historischen UNESCO-Stätte At-Turaif, sind mehr als 22 neue Auftragsarbeiten zu sehen.

Die Schau nutzt umfunktionierte Lagerhallen, die das italienische Designstudio Formafantasma in Bühnenräume verwandelt hat. Sie verabschiedet sich vom traditionellen kartografischen Denken und setzt stattdessen auf eine „sonische Methodologie“: einen Ansatz, der auf Echos, Nachhallen und rhythmischen Strömen beruht.

Installationsansicht: House of Eternity (2026), Théo Mercier
Installationsansicht: House of Eternity (2026), Théo Mercier Photo by Alessandro Brasile, courtesy of the Diriyah Biennale Foundation

Wir haben mit Razian und Ahmed darüber gesprochen, wie arabische Poesie ihre kuratorische Vision geprägt hat, über die Politik der Bewegung in einer Zeit erzwungener Stillstellung und darüber, warum der Start der saudi-arabischen Kunstszene mit einer Biennale statt mit einer Kunstmesse ein grundsätzlich anderes Signal setzt.

Der Titel der Biennale, In Interludes and Transitions, spielt auf nomadische Reisen auf der Arabischen Halbinsel an. Wie wurde das Motiv der Prozessionen so zentral?

Nora Razian: Von Anfang an haben wir über mündliche Überlieferungen, Sprache und Dichtung nachgedacht. In dieser Region sind sie ein verbindendes Erzählinstrument und ein Mittel, Geschichte zu bewahren. Die arabische Poesie ist ja tatsächlich hier entstanden. Einer ihrer wichtigsten Versmaße leitet sich aus dem Rhythmus der Bewegung durch die Wüste ab – einem Takt, der sich an den Schritten der Tiere orientiert. Diese langen Reisen, diese Prozessionen, haben Kulturformen hervorgebracht. Das ist tief in diesem Ort verankert, aber auch in vielen anderen. Daraus ist die Idee entstanden. Prozessionen können festlich und ausgelassen sein, sie können aber auch des Gedenkens dienen. Uns war wichtig, dieses Bild eines Zusammenkommens zu evozieren und die Vorstellung von Kontinuität, die in solchen Strömen entsteht.

Porträt von Nora Razian und Sabih Ahmed, Co-Artistic Directors der Diriyah Contemporary Art Biennale 2026
Porträt von Nora Razian und Sabih Ahmed, Co-Artistic Directors der Diriyah Contemporary Art Biennale 2026 Courtesy: Diriyah Biennale Foundation

Sabih Ahmed: Ein großes Thema unserer ersten Gespräche war die Frage der Übertragung: die Weitergabe von Geschichten durch Körper, von Geschichte, von Waren und Gütern – also unterschiedliche Technologien des Übertragens. Diese Idee der Transmission hat sich dann in das Bild der Prozession eingeschrieben. Zuerst haben wir untersucht, wie Dinge in der Welt zirkulieren. Dann wurde uns klar, dass wir selbst die Überträger sind. Und wenn wir die Überträger sind, befindet sich letztlich alles in einem Zustand der Prozession.

Wie lässt sich das in ein Besuchserlebnis übersetzen?

SA: Wir wollten im Grunde eine schwebende Szenografie vermitteln. Die Hallen sind sehr groß und zunächst schwer zu bespielen. Also haben wir überlegt, wie wir den Raum gliedern können und trotzdem den Fluss erhalten, die Kontinuität und die Gespräche zwischen den Werken. Eine schwere Ausstellungsarchitektur kam für uns nicht infrage. Alles sollte leicht wirken. So entsteht eine Ästhetik der Fragilität, die sich durchzieht, weil jedes Werk eine Assemblage vieler Elemente ist – im übertragenen Sinn und ganz materiell.

NR: Ich habe ziemlich früh vorgeschlagen, das Sonische als Methode zu verstehen. Damit meine ich nicht einfach Klang als Medium, sondern Echos und Nachhall. Das führt aus dem üblichen „archäologischen“ Zugang heraus, bei dem man in Archiven und Dokumenten gräbt. Diese Methode prägt die gesamte Biennale. Sie wird nicht archäologisch gedacht, nicht kartografisch, sondern sonisch.

An der Biennale beteiligen sich Kunstschaffende aus über dreißig Ländern. Wie sind Sie mit der Frage von Repräsentation im Verhältnis zu einem stringenten kuratorischen Konzept umgegangen?

NR: Wir haben nicht im engeren Sinn über Repräsentation nachgedacht. Uns ging es darum, von hier aus zu denken – nicht darum, wie dieser Ort von außen aussieht, sondern welche Perspektiven sich von hier aus öffnen. Die Fragen waren eher: Wo knüpfen wir an? Welche Geschichten kreuzen diesen Ort?

SA: Genau, wir versuchen nicht, die Welt abzubilden. In Biennalen drehte sich in den vergangenen Jahrzehnten viel um das Verhältnis von Lokalem und Globalem. Für uns ist das ein überholter Rahmen. Es geht nicht mehr um Globalisierung und vernetzte Lieferketten oder ökonomische Modelle. Die Welt zeigt sich heute als ein viel brüchigeres Geflecht von Beziehungen – geprägt von Ökologie, von Affinitäten und Solidaritäten aus geteilten Erfahrungen, selbst zwischen Menschen, die sich nie begegnet sind, etwa in Zeiten besonderer Verletzbarkeit. Die COVID-Pandemie war dafür ein deutliches Beispiel.

Ein Philosoph, der unser Denken beeinflusst hat, ist Thomas Nail. Er spricht von „Kinopolitik“, einer Politik der Bewegung, einer Philosophie, die beim Unterwegssein ansetzt und nicht bei fixen Zuständen. Kurz nach COVID hat er treffend formuliert, wie enorm der Aufwand ist, die Welt in den Stillstand zu zwingen. Uns geht es um dieses Bewusstsein von Welt – und ich sage bewusst Welt und nicht Globus oder Weltkarte. Es geht um ein Geflecht von Beziehungen, nicht um eine abstrakte globale Vernetzung von Orten und Ressourcen. Vieles spielt sich auf Ebenen ab, die über jede Karte hinausgehen.

Installationsansicht, vorne: Pio Abad, Vanwa (2023_2026); hinten rechts: Kamala Ibrahim Ishag, Blues for the Martyrs (2022), Lady Grown in a T
Installationsansicht, vorne: Pio Abad, Vanwa (2023_2026); hinten rechts: Kamala Ibrahim Ishag, Blues for the Martyrs (2022), Lady Grown in a T Courtesy: Diriyah Contemporary Art Biennale

Wie ordnen Sie die Rolle der Biennale in der sich rasant entwickelnden Kulturlandschaft Saudi-Arabiens ein?

NR: Vor Ort ist sie die größte Plattform für zeitgenössische Kunst und zieht die meisten Besucherinnen und Besucher in diesem Bereich an. Sie ist öffentlich finanziert in einem Land, das seine kulturellen Räume und Infrastrukturen noch aufbaut. Viele Menschen erleben hier zum ersten Mal, was es bedeutet, einen Ort für zeitgenössische Kunst zu besuchen.

SA: Nora hat zu Recht den Begriff der Öffentlichkeit erwähnt. In der Sprache des Ausstellungswesens ist daraus oft ein „Publikum“ geworden. Öffentlichkeit ist jedoch ein offener, produktiver Raum. Wer ist dieses Wir der Öffentlichkeit? Die Antwort ist umkämpft und nie endgültig. Neue Generationen wachsen heran, setzen andere Prioritäten. Soziale Normen verändern sich durch neue Erfahrungen. Eine Biennale in Saudi-Arabien und in der Region zu realisieren heißt deshalb auch, an einem Dialog darüber mitzuwirken, was für die unterschiedlichen Öffentlichkeiten hier Bedeutung hat.

Die Biennale betont kollektive Imagination und Widerstandskraft. Welche Rolle kann ein solches Ereignis in einer Zeit globaler Unsicherheit spielen?

NR: Wir werden ständig mit schrecklichen Nachrichten und Bildern über eine Welt konfrontiert, der längst nicht alle zustimmen. Umso wichtiger ist es, andere Geschichten zu hören, andere Geschichtsbilder kennenzulernen, aus denen wir lernen können. Menschen sollen hier ein Gefühl von Verbundenheit erleben, vielleicht Kraft aus Geschichten von Resilienz und Kontinuität schöpfen und andere Vorstellungen davon sehen, wie die Welt aussehen könnte.

SA: Bemerkenswert ist, dass das erste große Statement zur zeitgenössischen Kunst in Saudi-Arabien eine Biennale ist. Man hätte auch mit Kunstmessen oder Auktionshäusern beginnen können. Dass der Start mit einer Biennale erfolgt, hat uns Mut gemacht. Und es prägt die nächste Generation von Kunstschaffenden hier: Ihre Wegmarken sind Werke, die sie in einer Biennale sehen und mit denen sie in einen Dialog treten – nicht Stände auf einer Messe. Das eröffnet eine ganz andere Reise und ein anderes Gespräch mit dem Feld der Gegenwartskunst und mit Kolleginnen und Kollegen weltweit.

Wir sehen, welchen Einfluss etwa die Sharjah-Biennale in den Vereinigten Arabischen Emiraten hatte. Für mich gehört sie zu den besten Biennalen der Welt, gerade wegen ihrer Perspektive auf Geschichtsschreibung aus Afrika oder dem Globalen Süden. Sie war für viele unserer Arbeitsweisen prägend. Im Westen mag es viel Zynismus gegenüber Biennalen geben, der manchmal fehlgeleitet ist – vielleicht auch, weil die Deutungshoheit schwindet und die stärksten Biennalen heute in Asien stattfinden. Wir sind Teil genau dieser Infrastruktur, in der eine Biennale nicht nur Ausstellung, sondern auch Diskursplattform ist.

Die Diriyah Contemporary Art Biennale 2026 ist noch bis zum 2. Mai im JAX District in Diriyah, Saudi-Arabien, zu sehen.

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