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Internationaler Tag des Tees: Aserbaidschans zeitloses Ritual mit Tee und Konfitüre

Aserbaidschan: Marmelade und Tee
Marmelade und Tee in Aserbaidschan Copyright  Oktay Namazov
Copyright Oktay Namazov
Von Nadira Tudor
Zuerst veröffentlicht am
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Zum Internationalen Tag des Tees legt Nadira Tudor in Aserbaidschan eine Teepause ein. Dort prägt ein besonderes, traditionsreiches Aroma-Duo die Teekultur.

Der Tee kommt immer zuerst.

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In Aserbaidschan ist Çay keine bloße Erfrischung, sondern gibt dem Alltag Struktur.

Die Menschen hier knüpfen fast jedes Ereignis an Tee. Er steht vor jedem Gespräch, gibt Verhandlungen Halt, mildert Trauer und trägt Gespräche bis spät in den Abend. An einem Tisch ohne Tee zu sitzen, ist ungewöhnlich.

Der Tee fließt aus einer schlanken Armudu-Kanne in das unverwechselbare, birnenförmige Glas.

Die schmale Taille und der runde Boden sind nicht bloße Dekoration, sondern haben einen Zweck. Die Form hält den Tee länger heiß: Die Wärme sammelt sich unten, während der Rand so weit abkühlt, dass man in Ruhe schlürfen kann. Das Glas liegt leicht zwischen den Fingern.

Und dann ist da noch die Marmelade.

Sie kommt in kleinen, oft kristallenen Schalen auf den Tisch. Die Konfitüren glänzen wie Glasfenster, die Früchte sind kunstvoll geschnitten und geformt.

Erdbeeren, Birnen, Aprikosen und Walnüsse behalten ihre Form, ohne zu zerkochen – ein kleines Wunder für alle, die diese Art von Konfitüre nicht kennen.

In Aserbaidschan bleibt die Marmelade getrennt, sie wird nicht eingerührt. Man kostet sie zuerst, dann folgt der Tee
In Aserbaidschan bleibt die Marmelade getrennt, sie wird nicht eingerührt. Man kostet sie zuerst, dann folgt der Tee Oktay Namazov

Doch diese Marmelade ist nicht zum Bestreichen gedacht. In Aserbaidschan rührt man sie weder in den Tee noch streicht man sie aufs Brot. Stattdessen nimmt man zunächst einen kleinen Löffel, kostet, und trinkt dann einen Schluck heißen Çay. Süße trifft Bitterkeit, die Balance ist gewollt.

Kurban Said ist ein familiengeführtes Restaurant, einige der Marmeladen entstehen noch zu Hause.

Inhaberin Sabina Ulukhanova erzählt, dass die Rezepte sich kaum verändert haben – die Früchte werden mit Sorgfalt vorbereitet, der Zucker nach Gefühl statt mit der Waage bemessen, die Zeit nach Erfahrung statt mit der Stoppuhr.

„Mein Vater macht das auch gern in seiner Freizeit“, sagt Ulukhanova.

„Zum Beispiel Oliven: Für Oliven brauchen wir mehr Zeit als für Erdbeeren. Es ist ein Prozess, ein sehr interessanter Prozess“, sagt sie.

„Man braucht viel Zeit. Heute haben die meisten sie nicht; nur wer im Ruhestand ist, kann sich das leisten.“

„Man kocht die Marmelade in zwei oder drei Etappen. Zuerst die erste Phase, dann der nächste Schritt am nächsten Tag... Für Erdbeermarmelade brauchen wir etwa drei Tage, bis wir dieses Ergebnis haben“, erklärt Ulukhanova, als man sie fragt, wie lange es dauert, Erdbeermarmelade zu machen.

Marmelade und Tee
Marmelade und Tee Oktay Namazov

In einer Region, in der sich kulinarische Traditionen über Grenzen hinweg vermischen, ist Tee mit Süße nichts Besonderes. Im Iran lassen Menschen Zuckerwürfel langsam zwischen den Schlucken schmelzen. In der Türkei kommt Tee mit Gebäck und üppigen Frühstückstellern auf den Tisch. In Teilen Russlands begleiten Obstkonfitüren, das sogenannte Varenje, lange Gespräche.

In Aserbaidschan ist die Reihenfolge jedoch genau festgelegt. Die Marmelade bleibt getrennt, sie wird nicht eingerührt. Man kostet sie für sich, erst danach folgt der Tee. Der Unterschied scheint klein, verändert aber das Erlebnis. Die Süße bleibt kontrolliert, sie löst sich nicht einfach auf.

Tee begleitet hier fast jede Situation: vor dem Essen, nach dem Essen, bei Geschäftsverhandlungen, bei spontanen Besuchen, auf Hochzeiten und bei Beerdigungen. Überall steht dasselbe Glas, derselbe Rhythmus, der durch Generationen weitergegeben wird, von Jung und Alt.

„Es ist eine Art Meditation nach einem langen Tag, wenn man nach Hause kommt oder sich mit Freunden in einem Café oder Teehaus trifft. Man nimmt sich Zeit für sich, mit Tee und Marmelade“, erklärt Ulukhanova.

„Man braucht keinen Kuchen und nichts Extra, nur Tee und Marmelade. Und Freunde oder Familie – dann ist alles in Ordnung“, fügt sie hinzu.

„Es ist einfach ein sehr beruhigendes Gefühl. Tee mit Marmelade gehört für uns zur Tradition. Ich mag das. Für mich ist es so: Man trinkt, und sofort stellt sich dieses Gefühl ein, dass alles gut werden wird.“

Das Einkochen selbst verlangt viel Geduld und körperliche Arbeit. Vor allem Walnussmarmelade braucht Zeit und Aufmerksamkeit, weil die Früchte immer wieder behandelt werden, bis sie ihre besondere Struktur und ihren Geschmack entfalten.

Auch die Optik gehört zur Faszination. Anders als bei vielen Industriemarmeladen bleiben die Früchte hier ganz. Die Form der Erdbeeren ist wichtig, die Rundung der Birnen bleibt erhalten.

Über viele Kulturen hinweg steht Tee für Gastfreundschaft und sozialen Zusammenhalt. Hier aber, an diesem Tisch, in diesem Glas, drängt sich die Süße nie vor. Man misst sie ab, kostet, und lässt danach die Hitze des Tees wirken.

Erdbeermarmelade und Tee sind hier nicht nur ein Geschmack, sondern fester Bestandteil der aserbaidschanischen Identität.

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