Einige Bibliotheken in Russland müssen bis zu 70 Prozent ihrer Bücher aussortieren. Neue Gesetze des Kreml gegen "ausländische Agenten“ und "unerwünschte Organisationen“ führen dazu, dass Literatur aus Buchläden und Büchereien verschwindet.
Russlands Bibliotheken müssen wegen der Umsetzung der Gesetze über "ausländische Agenten" und "unerwünschte Organisationen“ zahlreiche Bücher aus den Regalen entfernen.
Öffentliche und wissenschaftliche Bibliotheken könnten bis zu 15 % ihrer Bestände verlieren, einige Stadtbüchereien sogar bis zu 70 %. Das geht aus einem Bericht zum Zustand der Buchbranche hervor, den das Ministerium für digitale Entwicklung in Moskau gemeinsam mit Verlagen und Buchhandelsketten erstellt hat.
Die Autorinnen und Autoren dieses Berichts regen an, einen Expertenrat mit Vertreterinnen und Vertretern der Behörden und des Buchsektors einzusetzen. Das Gremium soll ausgewogene Entscheidungen erarbeiten und so verhindern, dass Literatur unbegründet aus dem Verkehr gezogen wird. Einsicht in den Bericht hatte das Wirtschaftsmagazin RBC, das den Text in seinem Telegram-Kanal veröffentlicht.
Auch wissenschaftliche Werke werden verboten
Der Bericht warnt, dass die Einschränkungen und Entfernungen "eine große Zahl von Werken betreffen, die einen wichtigen Teil des kulturellen und aufklärerischen Erbes bilden und keinen destruktiven Inhalt enthalten“. Nach Angaben der Verfasserinnen und Verfasser geht es sowohl um klassische moderne Literatur als auch um wissenschaftliche Publikationen.
Die Autorinnen und Autoren des Berichts betonen, dass die neuen Regeln auch Bücher betreffen, in denen vom Justizministerium zu "ausländischen Agenten" erklärte Personen als Übersetzerinnen, Übersetzer, Illustratorinnen, Illustratoren oder Vorwortautorinnen auftreten. Viele dieser Werke seien lange vor dem politischen Engagement dieser Personen entstanden, das später zu ihrer Einstufung als "ausländischer Agent" geführt habe.
Die russische Ausgabe von Forbes berichtet unter Berufung auf den RBC-Artikel, dass der Bericht vorschlägt, russische wissenschaftliche Publikationen und Lehrmaterialien mit Verweisen auf Arbeiten "unerwünschter Organisationen“ nicht aus den Bibliotheken zu entfernen. Gleiches solle für andere Werke gelten, deren Inhalt der Aufklärung in Bereichen dient, die weit von Politik entfernt sind.
1.200 Personen als "Agenten" oder "unerwünscht" gelistet
Die vom Justizministerium geführten Listen der "ausländischen Agenten“ und "unerwünschten Organisationen“ in Russland haben sich seit Beginn des russischen Angriffskriegs auf die Ukraine deutlich erweitert. Parallel zur schrittweisen Verschärfung der Repressionsgesetze und zur Ausweitung der offiziellen Propaganda wächst die Liste stetig. Inzwischen umfasst sie nach offiziellen Angaben mehr als 1200 Personen und Organisationen.
Der Begriff "ausländischer Agent" tauchte in Russland erstmals im Jahr 2012 auf. Damals reagierte die Legislative mit einem entsprechenden Gesetz auf die Proteste gegen die Rückkehr Wladimir Putins in das Präsidentenamt. Seitdem haben zahlreiche Novellen den Anwendungsbereich Schritt für Schritt ausgeweitet.
Auf die Liste der "unerwünschten Organisationen“ setzten die russischen Behörden inzwischen viele große Universitäten, Forschungszentren, Menschenrechtsorganisationen und Medien aus dem Ausland.
Inhaltlich sind laut russischer Justiz LGBT, Child-Free- oder Satanismus-Propaganda, aber auch die Diskreditierung der russischen Streitkräfte oder die Verleugnung des Genozids am sowjetischen Volk im Zweiten Weltkrieg verboten. Wer nach "Patriot" des verstorbenen Kreml-Kritikers Alexej Nawalny im Internet sucht, kann dafür bestraft werden, wer das Buch besitzt, dem droht sogar Gefängnis, wie der Russland-Korrespondent der FR berichtet.
Herbe Verluste für Buchhandlungen
Vor diesem Hintergrund verzeichnen russische Buchhandlungen einen Rekordrückgang der Einnahmen. Die Verkaufszahlen im stationären Handel liegen um 18,8 % unter dem Niveau des Vergleichszeitraums 2025.
Der Russische Buchverband erklärt, der Offline-Handel werde zu einem Verlustgeschäft, die Einnahmen deckten die stark gestiegenen Kosten nicht mehr. Branchenvertreter nennen als zentrale Hürden für die Entwicklung der Buchindustrie die deutlich höheren Ausgaben für Produktion, Vertrieb und Vermarktung, die sinkende Kaufkraft, die geringere Wirtschaftlichkeit, neue gesetzliche Einschränkungen sowie die demografische Krise.
Plattformen kommen demnach inzwischen auf 57 % des gesamten Marktes für gedruckte Bücher. Der Anteil klassischer Buchhandlungen sank im Jahr 2025 auf nur noch 34 %.
Zu den Leidtragenden gehört einer der ältesten und bekanntesten Buchläden Russlands. "Biblio-Globus" in Moskau meldete für das vergangene Jahr einen Rekordeinbruch beim Umsatz, der im Vergleich zum Vorjahr um 21,8 % zurückging.