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KI-Machtspiel: Kann Europa die USA und China aufholen?

Ursula von der Leyen, Präsidentin der Europäischen Kommission
Ursula von der Leyen, Präsidentin der Europäischen Kommission Copyright  Copyright 2026 The Associated Press. All rights reserved.
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Von Leticia Batista Cabanas
Zuerst veröffentlicht am Zuletzt aktualisiert
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Europa will im Bereich der KI weltweit führend sein, liegt aber immer noch hinter den Vereinigten Staaten und China zurück. Die EU hat eine KI-Verordnung eingeführt, um internationale Standards zu setzen. Doch die Akzeptanz und die Investitionen in KI in den Mitgliedstaaten bleiben begrenzt.

Die Vereinigten Staaten haben 40 KI-Grundlagenmodelle entwickelt. China kommt auf 15 solcher Basismodelle. Ganz Europa zusammen hat bislang drei Modelle hervorgebracht.

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Die Europäische Union scheint das globale „KI-Rennen“ bei fast allen wichtigen Kriterien zu verlieren – mit einer Ausnahme: der Regulierung. Während China und die USA Milliarden in Infrastruktur, Talente, Start-ups, Labore und Forschung stecken, setzt Europa weiterhin vor allem auf Vorschriften. Hinzu kommen politischer Aufwand und die Zersplitterung in 27 Mitgliedsstaaten. Der Fortschritt ist dadurch uneinheitlich. Talente wandern ab, und Kapital fließt in andere Regionen.

„Die EU sollte aufhören, sich selbst auf die Schulter zu klopfen, weil sie die weltweit führende Regulierungsbehörde im Technologiebereich ist“, sagt Clark Parsons, Leiter des European Startup Network.

Experte: Regulierung statt Innovation schadet

„Einige Elemente des Rechtsakts über digitale Märkte sollen den Wettbewerb fördern. Das finde ich gut. Aber insgesamt haben wir uns viel zu lange auf Regulierung konzentriert“, sagt Parsons. „Wir sollten jeden Tag damit beginnen, zu überlegen: Was können wir tun, um Europa zum wettbewerbsfähigsten und wohlhabendsten Ort der Welt zu machen?“

„Wenn ich eine Sache nennen müsste, die wir lassen sollten, wäre es: Hören Sie auf, ständig darüber nachzudenken, wie man reguliert“, sagt er. „Fangen Sie stattdessen an, darüber nachzudenken, wie man außergewöhnliches Wachstum freisetzen kann.“

Parsons bezweifelt zudem, dass Regulierung der beste Weg ist, um Vertrauen in einem rasant wachsenden Technologiefeld herzustellen. „KI entwickelt sich so schnell, dass es schwer ist, vorauszusehen, was als Nächstes kommt“, sagt er. „Kluge Unternehmer und Technologen werden uns Wege zeigen, wie wir Vertrauen schaffen und Sicherheitsvorkehrungen einbauen können.“

Trotz der aktuellen Lage will die EU keine Niederlage eingestehen. In ihrer KI-Strategie 2025 versprach Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen ein „KI zuerst“. Sie kündigte an, „keine Mühe zu scheuen“, um Europa zu einem „KI-Kontinent“ zu machen.

„Das Rennen um die KI ist noch lange nicht vorbei. Wir stehen erst am Anfang, und die globale Führung ist noch zu haben“, sagte von der Leyen auf dem Pariser KI-Aktionsgipfel im Februar 2025.

Grafik und Daten von Leticia Batista-Cabanas

Talent ohne Bodenhaftung

Das Paradoxon ist offensichtlich: Europa bildet Spitzenkräfte aus, kann sie aber oft nicht halten. In der EU gibt es pro Kopf rund 30 Prozent mehr KI-Fachleute als in den USA. Doch bessere Finanzierung, klarere Karrierewege und weniger strenge Regeln ziehen viele ins Ausland.

Drei von vier europäischen internationalen KI-Doktoranden an US-Universitäten bleiben mindestens fünf Jahre in den Vereinigten Staaten. Insgesamt wandert etwa ein Drittel der nicht-amerikanischen KI-Spezialisten in die USA ab.

Diese Abwanderung wirft eine grundsätzliche Frage auf: Hat Europa das globale KI-Rennen bereits verloren?

„Bei KI-Start-ups und Scale-ups in Europa gibt es ganz klar Hürden“, sagt Parsons. „Wenn ich eine herausgreifen müsste, dann sind es die Finanzen – und der Zugang zu Finanzierung.“

Die Vereinigten Staaten investieren vier- bis zehnmal mehr in KI als die EU. Die jährlichen KI-Venture-Investitionen liegen in den USA bei 60 bis 70 Milliarden Dollar. In der EU sind es etwa 7 bis 8 Milliarden Dollar. In den vergangenen zehn Jahren überstiegen private KI-Investitionen in den USA 400 Milliarden Dollar. Alle EU-Länder zusammen kamen im gleichen Zeitraum auf rund 50 Milliarden.

Parsons verweist auch auf die Tiefe der Kapitalmärkte in den USA: „Dort gibt es extrem große Kapitalreserven. Man sieht, wie vergleichsweise leicht OpenAI enorme Summen einsammeln konnte.“ Auch neue Akteure wie Anthropic erhielten „unglaubliche Bewertungen“ und „unglaubliche Kapitalbeträge“.

Infrastrukturlücken und Aufholbedarf

Die Finanzierungslücke hat direkte Folgen für die KI-Infrastruktur in Europa. Der Kontinent hat weniger Rechenzentren und deutlich weniger KI-spezifische Rechenkapazitäten. Um das zu ändern, hat die Europäische Kommission mehrere Initiativen angekündigt. Dazu zählen KI-„Fabriken“ und künftig auch „Gigafabriken“ mit vielen Beschleunigern. Sie sollen durch öffentliche Mittel und private Co-Investitionen mitfinanziert werden.

Mit der InvestAI-Initiative will die EU 200 Milliarden Euro mobilisieren. Darin enthalten sind 20 Milliarden Euro für den Bau von bis zu fünf KI-Gigafabriken. Jede dieser Anlagen soll über mehr als 100.000 fortschrittliche KI-Chips verfügen. Bei EuroHPC sind dafür bereits 76 Vorschläge aus 16 Ländern eingegangen. Brüssel strebt zudem an, die europäische Rechenzentrumskapazität innerhalb von fünf bis sieben Jahren zu verdreifachen.

Auch jenseits der Infrastruktur hat die EU ihre Mittel für KI erhöht. Über „Horizont Europa“ und „Digitales Europa“ stellt die Kommission bereits jeweils mehr als 1 Milliarde Euro für KI bereit. Im April 2025 mobilisierte der Aktionsplan für den „KI-Kontinent“ weitere 20 Milliarden Euro für die Skalierung. Im Oktober 2025 folgte 1 Milliarde Euro im Rahmen der KI-Strategie.

Viele dieser europäischen Projekte befinden sich aber noch im Aufbau. Gleichzeitig betreiben US-Cloud-Anbieter längst Hyperscale-Cluster für KI-Anwendungen. Selbst die leistungsstärksten Supercomputer in Europa eignen sich oft eher für klassische Hochleistungsrechner als für KI-Training im großen Maßstab. Der Grund: Über Jahre wurde zu wenig in KI-spezifische Infrastruktur investiert.

Grafik und Daten von Leticia Batista-Cabanas

Fehlendes Risikokapital: Start-ups wandern ab

Europäisches Risikokapital gilt strukturell als vorsichtiger als in den USA. KI-Start-ups in Europa sammeln in frühen Runden im Schnitt etwa 8,5 Millionen Dollar ein. In den USA sind es rund 13 Millionen. US-Risikokapitalfirmen verwalten außerdem rund 270 Milliarden Dollar – etwa sechsmal so viel wie Europa mit 44 Milliarden.

Das erschwert es europäischen Start-ups, schnell zu wachsen, KI im großen Maßstab einzusetzen und Talente zu halten. Es beeinflusst auch, wo Firmen sich rechtlich und wirtschaftlich ansiedeln.

Parsons nennt ein Beispiel: „Nehmen wir Lovable, das am schnellsten wachsende KI-Unternehmen in Europa mit Sitz in Stockholm. Der Gründer ist Schwede. Das Team ist schwedisch. Die Angel-Investoren sind Schweden.“ Trotzdem ist die Firma rechtlich in Delaware registriert. „Und das nur, weil der Zugang zu Kapital in den USA so viel einfacher ist.“

Auch innerhalb Europas ist Kapital nicht frei verfügbar. „Nur etwa 18 Prozent unseres Risikokapitals fließen derzeit grenzüberschreitend in Europa“, sagt Parsons. Wer in Paris, München, London oder Stockholm sitzt, findet eher lokale Geldgeber. Wer in Barcelona, Lissabon, Mailand oder Bukarest gründet, hat es deutlich schwerer. Dann bleibt oft nur: umziehen oder ins Ausland gehen.

Regulierung, Fragmentierung und das KI-Gesetz

Regulierung bleibt eine zentrale Herausforderung. Europa will weltweit führend bei ethischer, menschenzentrierter KI sein. Bis August 2027 plant die Europäische Kommission die vollständige Umsetzung der aus ihrer Sicht weltweit ersten umfassenden KI-Verordnung.

Im Zentrum steht das KI-Gesetz mit einem risikobasierten Ansatz: Je größer die möglichen Auswirkungen eines KI-Systems auf Menschen sind, desto strenger sind die Regeln. Das Gesetz legt Anforderungen für Anbieter und Anwender fest. Es soll unter anderem Manipulation, Diskriminierung, invasive biometrische Profilbildung, Deepfakes und Social Scoring verhindern. Ziel ist es, Vertrauen in KI-Systeme zu schaffen.

Die Umsetzung ist jedoch uneinheitlich. Einige Mitgliedsstaaten wie Italien, Spanien, Dänemark und Irland machen bei der Anwendung des KI-Gesetzes deutlich Fortschritte. In anderen Ländern fehlen noch immer funktionsfähige Durchsetzungsstellen. Das gefährdet die Wirkung des Gesetzes und konterkariert die Ziele aus Brüssel.

Kritiker sagen, strenge Regeln und Bürokratie hätten Innovation gebremst. Zudem entstehe Rechtsunsicherheit. Der Ökonom Mario Draghi warnte, der Anwendungsbereich müsse „verhältnismäßig“ sein und Innovation sowie Entwicklung unterstützen.

Grafik und Daten von Leticia Batista-Cabanas

Für Start-ups sind die Folgen spürbar. Europäische KI-Unternehmen berichten von um 30 Prozent längeren Verkaufszyklen als in den USA. Abschlüsse seien im Schnitt 50 Prozent kleiner. Außerdem steigen die Kosten für Expansion – vor allem wegen der regulatorischen Fragmentierung der 27 nationalen Märkte. Anders als in den USA oder China gibt es in der EU keinen echten einheitlichen Markt für den breiten Einsatz von KI.

Diese Fragmentierung betrifft auch Daten. Unterschiedliche Datenschutz-Auslegungen, branchenspezifische Regeln und Praktiken des öffentlichen Sektors erschweren den Aufbau großer, europaweiter Datensätze. Entwickler berichten, dass unterschiedliche Interpretationen der DSGVO und des Urheberrechts die nutzbaren Daten einschränken. Unternehmen greifen deshalb oft auf Daten aus Nicht-EU-Ländern zurück. Oder sie nutzen ausländische KI-Modelle, die anderswo trainiert wurden.

Der Trend ist sichtbar. Schwedische KI-Unternehmen wie Sana Labs werden von US-Firmen übernommen. Stockholm bringt zwar pro Kopf viele Start-ups hervor. Doch für die Skalierung wenden sich Gründer immer wieder an amerikanische Investoren.

„Es ist im Moment schwierig, in Europa zu skalieren“, sagt Parsons. „Wir haben sehr unterschiedliche Märkte. Es gibt keinen einheitlichen Markt für Start-ups oder Scale-ups.“ Wer in Europa startet, habe es oft schwerer als in einem großen, zusammenhängenden Markt wie den USA oder China.

Abhängigkeit von den USA und China

Europa ist bei zentralen Bausteinen der KI stark von externen Akteuren abhängig. Die führenden großen Sprachmodelle stammen aus den USA oder China. Viele europäische Unternehmen nutzen Plattformen, die sie nicht selbst kontrollieren.

US-Anbieter dominieren zudem Cloud und Datenverarbeitung in Europa. Amazon Web Services, Microsoft Azure und Google Cloud kommen zusammen auf einen großen Teil des europäischen Cloud-Markts. Insgesamt kontrollieren US-Unternehmen den Großteil, während EU-Anbieter deutlich unterlegen sind. Auch bei KI-Rechenleistung sind die USA weit voraus: Sie verfügen über ein Vielfaches der europäischen KI-Supercomputerkapazität und kontrollieren den Großteil der weltweiten High-End-Rechenleistung.

Die meisten fortschrittlichen KI-Chips werden außerdem außerhalb Europas entwickelt und produziert – vor allem in den USA und Ostasien. China ist führend bei KI-Patenten und macht schnelle Fortschritte in der generativen KI. Das prägt Standards und verschärft den Wettbewerb.

Das Rennen geht weiter

Als Reaktion auf die Kritik signalisiert die Europäische Kommission inzwischen ein Umdenken. Im November des vergangenen Jahres leitete sie eine Überarbeitung der Regeln für digitale Innovation ein: die Omnibus-Revision des Digital Rulebook. Ziel ist es, Teile des KI-Gesetzes und verwandte Vorschriften zu vereinfachen. So soll die Wettbewerbsfähigkeit steigen und die KI-Entwicklung beschleunigt werden.

Während Parlament und Rat weiter verhandeln, hat die Kommission bereits zusätzliche Vereinfachungen vorgeschlagen. Ob das zu schnellerer Skalierung und mehr Investitionen führt, ist offen. Das Rennen ist nicht entschieden – aber das Zeitfenster, um aufzuholen, wird kleiner.

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