Vor allem in Städten sterben in Portugal überdurchschnittlich viele Menschen im Straßenverkehr. Die Regierung reagiert mit härteren Strafen, mehr Polizeikontrollen und neuen Tempomessungen.
Luís Neves, Minister für Innere Verwaltung, bezeichnete die Verkehrsunfälle in Portugal als "soziale Geißel". Diesen Ausdruck hatte auch Portugals Premierminister Luís Montenegro bei der Vorstellung des Jahresberichts 2025 zur inneren Sicherheit (RASI) verwendet. Zugleich kündigte Neves an, auf Portugals Straßen "rigoros" durchzugreifen.
Die Äußerungen fielen gestern, am 15. April, auf einer Pressekonferenz nach der Veröffentlichung einer Studie der Nationalen Behörde für Straßenverkehrssicherheit (ANSR), zu der die Nachrichtenagentur Lusa vorab Zugang hatte. Die Untersuchung zur "Entwicklung der Unfälle und zu vergleichenden Analysen" umfasst den Zeitraum von 2022 bis 2025.
Vor allem in Städten steigt die Zahl der Opfer
Den Daten zufolge steigt die Zahl der Todesopfer bei Verkehrsunfällen, insbesondere in städtischen Gebieten. Als Hauptursachen nennt die Studie "strukturelle Probleme" wie Alkohol am Steuer, überhöhte Geschwindigkeit und riskantes Verhalten.
"Wir wissen heute, dass die meisten Unfälle mit menschlichen Faktoren zusammenhängen: Geschwindigkeit, Alkohol, Ablenkung, mangelnde Bildung und mangelnde Rücksicht. Und wir wissen auch, dass es Verhaltensweisen gibt, die objektiv kriminell sind", sagte Luís Neves vor Journalisten nach der Unterzeichnung einer Absichtserklärung zwischen der Nationalen Behörde für Straßenverkehrssicherheit (ANSR), der Nationalen Republikanischen Garde und der Polizei für öffentliche Sicherheit.
Der Innenminister erklärte zudem, dass gemeinsam mit der Staatsanwaltschaft Maßnahmen ergriffen werden sollen, um "kriminelles Verhalten auch als solches zu behandeln".
Allein im Jahr 2026 und bis zum Zeitpunkt der Veröffentlichung dieses Artikels ereigneten sich laut dem täglichen Online-Unfallbericht der ANSR rund 44.063 Unfälle mit 146 Todesopfern und 641 Schwerverletzten.
Der ANSR-Bericht hebt deutliche Unterschiede zwischen Unfällen innerhalb von Ortschaften, also in städtischen Gebieten, und außerhalb von Ortschaften auf Land- und Nationalstraßen hervor. Er kommt zu dem Schluss, dass "Portugal das höchste städtische Sterblichkeitsprofil in der Europäischen Union aufweist": 55 Prozent der Todesfälle ereignen sich in städtischen Gebieten, verglichen mit 39 Prozent im europäischen Durchschnitt und nur 27 Prozent im benachbarten Spanien.
Während außerhalb von Ortschaften ein Rückgang der Sterblichkeit zu verzeichnen ist - um 17,8 Prozent innerhalb von 24 Stunden nach dem Unfall und um 15,8 Prozent innerhalb von 30 Tagen -, zeigt sich innerhalb von Ortschaften ein Anstieg um 8 beziehungsweise 5,9 Prozent. Der Bericht registriert zudem einen deutlichen Zuwachs bei den Schwerverletzten.
Zur Erklärung des Unterschieds gegenüber Spanien verweist der Bericht auf die "hohe Dichte des spanischen Autobahnnetzes (2,38 Prozent des Gesamtnetzes gegenüber 1,67 Prozent im EU-Durchschnitt)". In Spanien ereignen sich 21 Prozent der Verkehrstoten auf Autobahnen, verglichen mit 8 Prozent im EU-Durchschnitt.
Portugal habe dagegen "ein größeres Problem mit Geschwindigkeitsüberschreitungen in städtischen Gebieten als Spanien (65,2 Prozent gegenüber 48,4 Prozent)", was mit dem überwiegend städtischen Sterblichkeitsprofil des Landes übereinstimme.
Zwar hat Portugal die Zahl der Verkehrstoten in den vergangenen zehn Jahren gesenkt, doch reicht das laut Bericht noch immer nicht aus, "um zu den sichersten europäischen Ländern aufzuschließen".
Portugal liegt weiter über dem EU-Durchschnitt
Diese Einschätzung wird auch durch den Jahresbericht 2025 zur inneren Sicherheit (RASI) gestützt. Demnach verzeichnete Portugal im Jahr 2024 58 Verkehrstote pro eine Million Einwohner und lag damit über dem europäischen Durchschnitt von 45.
Im Jahr 2025 stieg die Zahl der Verkehrsunfallopfer auf 48.724, was einem Plus von 1,8 Prozent entspricht. Die Zahl der Todesopfer ging in dieser Kategorie jedoch zurück.
Portugal ist damit das sechste EU-Land mit den meisten Verkehrstoten pro Million Einwohner - hinter Rumänien (78), Bulgarien (74), Griechenland (64), Kroatien (62) und Lettland (60).
"Es handelt sich um eine nationale Geißel, auf die wir alle reagieren müssen", warnte Luís Neves, bevor er strategische Maßnahmen zur Eindämmung des Problems vorstellte.
Von der neuen Straßenverkehrsordnung bis zur Rückkehr der GNR-Verkehrsbrigade
Als Teil der Strategie zur Verbesserung der Verkehrssicherheit, die zu den Prioritäten der derzeitigen portugiesischen Regierung zählt, stellte das Innenministerium mehrere Maßnahmen vor. Dazu gehört unter anderem eine Verschärfung der Strafen für Wiederholungstäter - sowohl bei der Höhe der Bußgelder als auch bei der Dauer zusätzlicher Sanktionen.
Geprüft werden außerdem längere gesetzliche Fristen für Bußgeldverfahren, damit diese nicht aufgrund administrativer Verzögerungen verjähren, sowie eine stärkere Polizeipräsenz auf den Straßen.
"Mehr Kontrollen, ohne Vorwarnung, unangekündigt. Manche werden sagen, das sei eine regelrechte Jagd. Ich habe nichts dagegen, wenn sie das sagen: Wer sich gesetzeskonform verhält, muss nichts befürchten", erklärte Luís Neves vor Journalisten.
Zu den zentralen Maßnahmen gehört auch die vom Staatssekretär für Katastrophenschutz, Rui Rocha, bereits angekündigte Installation weiterer Abschnittskontrollen an bekannten Unfallschwerpunkten.
Dieser Vorschlag ist Teil der nationalen Verkehrssicherheitsstrategie "Vision Zero 2030". Mit der Initiative "Mehr Bürgerbeteiligung für Portugals Straßen" soll die Zahl der Verkehrstoten und Schwerverletzten bis 2030 um 50 Prozent sinken, um die Ziele der Europäischen Union zu erreichen.
Eine weitere Neuerung, die das Innenministerium am Mittwoch vorstellte, ist die Rückkehr einer landesweit patrouillierenden Verkehrseinheit unter Leitung der GNR.
"Nicht jeder wird sich daran erinnern, aber mit der Abschaffung dieser Struktur, der Verkehrsbrigade (BT), im Jahr 2007 ging das Wesen einer kontinuierlichen und spezialisierten Straßenüberwachung vollständig verloren", sagte Luís Neves.
"Wir sind der Auffassung, dass Effizienz, Einheitlichkeit und operative Kontrolle im Verkehrsdienst nur durch ein spezialisiertes und landesweit einheitliches Kommando vollständig gewährleistet werden können", schloss er.
In den kommenden Monaten will die Regierung zudem eine neue Straßenverkehrsordnung verabschieden. Welche konkreten Änderungen geplant sind, wurde bisher allerdings noch nicht bekannt gegeben.