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Ägypten: Italienerin wegen Ehebruchs verurteilt – Kampf um Tochter

Italienische Botschaft in Kairo
Italienische Botschaft in Kairo Copyright  Wikipedia
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Von Stefania De Michele
Zuerst veröffentlicht am Zuletzt aktualisiert
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Eine Italienerin wurde in Ägypten wegen Ehebruchs zu sechs Monaten Haft verurteilt. Der Rechtsstreit von Nessy Guerra zeigt die Grenzen der Macht italiensicher Behörden im Ausland. Die Mutter fürchtet nun auch um das Sorgerecht für ihre dreijährige Tochter.

Als die Bestätigung der Verurteilung in der Berufungsinstanz eintraf, hielt sich Nessy Guerra noch immer in Ägypten auf, wo sie seit Längerem lebt und das sie nicht verlassen darf. Die Italienerin aus Sanremo ist Mutter einer dreijährigen Tochter und steht seit Monaten im Mittelpunkt eines Gerichtsfalls, in dem sich Strafrecht, familiärer Konflikt und diplomatische Spannungen überlagern.

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Das Urteil sieht eine Haftstrafe von sechs Monaten wegen Ehebruchs vor. Diese Straftat gibt es in Italien nicht mehr, im ägyptischen Rechtssystem verfolgen die Behörden sie aber weiter.

Das Verfahren geht auf die Anzeige ihres Ex-Mannes Tamer Hamouda, eines Italo-Ägypters, zurück und ist Teil einer Trennung, die bereits von gegenseitigen Vorwürfen und einem Sorgerechtsstreit um die gemeinsame Tochter geprägt ist.

Die Bestätigung des erstinstanzlichen Urteils vom 19. Februar 2026 nach der Berufungsverhandlung erhöht nun ganz konkret das Risiko, dass die Frau ins Gefängnis muss.

Fall Nessy Guerra: Prozess und offene Fragen

Aus den Akten und den Aussagen der Verteidigung entsteht ein Bild, das über den bloßen Vorwurf des Ehebruchs hinausgeht. Die italienische Anwältin der Frau betont immer wieder, ihre Mandantin sei Opfer von Gewalt und Drohungen durch den Ex-Mann geworden. Diese Situation habe Guerra dazu gebracht, auf Distanz zu gehen.

Vor diesem Hintergrund wirkt die Strafanzeige eng mit dem persönlichen Konflikt der beiden verknüpft. Im Verfahren fiel der Mann durch verstörendes Verhalten auf. Nach Angaben aus dem Gerichtssaal habe er ungewöhnliche Aussagen gemacht und sich sogar eine "göttliche", strafende Rolle zugeschrieben. Dieser Vorfall floss zwar nicht offiziell in das Urteil ein, die Verteidigung wertete ihn jedoch als Zeichen für eine insgesamt sehr problematische Lage.

Im Mittelpunkt steht jedoch die Tragfähigkeit der Anklage, die sich auf Gesetze stützt, die außereheliche Beziehungen strafrechtlich ahnden. In der Praxis trifft diese Regelung Frauen oft deutlich härter.

Vater erwirkt Ausreiseverbot für dreijährige Tochter

Parallel zum Strafverfahren läuft ein zweites, womöglich noch heikleres Ringen: das um das Sorgerecht für die Tochter. Das etwa dreijährige Mädchen lebt in Ägypten und darf das Land nicht verlassen. Der Vater hat im Rahmen des Rechtsstreits ein Ausreiseverbot für sie erwirkt.

Diese Auflage verhindert faktisch jeden Versuch der Mutter, nach Italien zurückzukehren. Sie bedeutet auch, dass sich jede gerichtliche Entscheidung über die Frau unmittelbar auf das Schicksal des Mädchens auswirken kann.

Nessy Guerra äußert öffentlich immer wieder ihre große Sorge. Sie fürchtet, dass ein endgültiges Urteil ihre Position im Sorgerechtsverfahren schwächen könnte. Dann bekäme der Vater womöglich die Tochter zugesprochen.

Rolle der italienischen Behörden

Die italienische Diplomatie begleitet den Fall sehr eng. Die Botschaft in Kairo und die Konsulate leisten juristische, administrative und praktische Unterstützung für Mutter und Tochter. Inzwischen beschäftigt der Fall auch die Politik. Vertreterinnen und Vertreter in Rom stehen mit den ägyptischen Behörden in Kontakt, um das Thema auf der Agenda zu halten.

Das bestätigte auch Außenminister Antonio Tajani. Er sagte: "Wir verfolgen den Fall mit besonderer Aufmerksamkeit. Unser Botschafter in Kairo begleitet sowohl die Mutter als auch die Tochter. Es gibt allerdings ein Urteil dieses Landes. Wir werden sehen, was sich noch tun lässt, in der Hoffnung, dass sich im dritten Rechtszug die Entscheidung ändert."

Klar bleibt jedoch eine Grenze. Der Fall spielt sich innerhalb der ägyptischen Gerichtsbarkeit ab und betrifft sowohl ein Strafverfahren als auch ein familienrechtliches Verfahren vor Ort. Italien kann daher unterstützen und diplomatischen Druck ausüben, aber nicht direkt in die Entscheidungen der Gerichte eingreifen.

Parallelen zu anderen Fällen von Sorgerechtskämpfen

Der Fall von Nessy Guerra ist für eine italienische Staatsbürgerin ungewöhnlich, vor allem wegen der großen öffentlichen Aufmerksamkeit. Das Muster dahinter ist in Ägypten jedoch bekannt: Eine Strafanzeige wird Teil eines erbitterten familiären Kampfes um das Sorgerecht für ein Kind.

Auch in ihrem eigenen Fall zeigt sich dieses Zusammenspiel. Die Verurteilung wegen Ehebruchs erfolgt, während das Verfahren um das Sorgerecht für die Tochter noch läuft. Nach Ansicht der Verteidigung könnte das Urteil die Entscheidung der Richterinnen und Richter direkt beeinflussen.

Ein Blick auf frühere Fälle macht den Hintergrund deutlicher. So sprach ein ägyptisches Gericht im Jahr 2018 einer ausländischen Mutter nach einem langen Rechtsstreit mit ihrem ägyptischen Ex-Mann das Sorgerecht für ihre Tochter zu. Die Richterinnen und Richter wiesen damals die Vorwürfe des Mannes zurück, die Frau wolle das Kind außer Landes bringen. Sie erlaubten der Mutter, die Tochter bei sich zu behalten, verknüpften dies aber mit strengen Auflagen, etwa einem Verbot, das Land zu verlassen, und der Bedingung, nicht erneut zu heiraten.

Darin liegt der Kern. Im ägyptischen Recht unterliegt das Sorgerecht für Kinder sehr strengen Regeln und kann sich rasch ändern, sobald bestimmte Faktoren ins Spiel kommen. In den ersten Lebensjahren bleibt das Kind in der Regel bei der Mutter. Sie kann das Sorgerecht jedoch verlieren, wenn sie als "nicht geeignet" gilt, wenn sie erneut heiratet oder wenn sie in juristische Schwierigkeiten gerät.

In anderen Fällen verlagert sich der Streit auf eine noch komplexere Ebene. Die Geschichte des kleinen Shenouda zeigte etwa, wie stark Sorgerechtsentscheidungen von rechtlichen, religiösen und administrativen Faktoren abhängen können. Dem Kind wurde nach einem Rechtsstreit über seine Identität die Familie entzogen, die es großgezogen hatte, und es wurde dem Staat anvertraut. Spätere Gerichtsentscheidungen rollten den Fall erneut auf.

In diesem Umfeld stehen Vorwürfe wie der des Ehebruchs nie für sich allein. Sie können in ohnehin angespannten Scheidungsverfahren zum entscheidenden Faktor werden und das Bild prägen, das sich ein Gericht von der „Eignung“ eines Elternteils macht. Genau dieses enge Zusammenspiel von Strafrecht und Familienrecht macht den Fall von Nessy Guerra so heikel: Es geht nicht nur um eine Verurteilung, sondern um das sehr reale Risiko, die eigene Tochter zu verlieren.

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