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Die Rückkehr der Atomkraft: Wie die Krise Europas Energiemix verändert

Eine Warnseite vor einem Kernkraftwerk
Eine Warnseite vor einem Kernkraftwerk Copyright  AP Photo
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Von Leticia Batista Cabanas & Elisabeth Heinz
Zuerst veröffentlicht am
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Getrieben von Krieg, Preisschocks und wachsender Unsicherheit entdeckt die EU die Kernenergie neu. In Brüssel wächst die Überzeugung, dass Europas Energiezukunft nur mit Atomkraft, Erneuerbaren und moderneren Netzen zu sichern ist.

Die beispiellose Störung der globalen Energieversorgung infolge der Schließung der Straße von Hormus ist der Hauptauslöser der aktuellen Krise. Die Internationale Energieagentur (IEA) warnte vor einem täglichen Ausfall von rund 13 Millionen Barrel. Allein in den ersten 17 Tagen des Iran-Kriegs musste die EU wegen des Preisanstiegs nach eigenen Angaben zusätzliche 6 Milliarden Euro für die Einfuhr fossiler Energieträger aufbringen.

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Um die Energieversorgung unabhängiger und bezahlbar zu machen, richtet Brüssel den Blick wieder stärker auf die Kernenergie und auf die Modernisierung eines Netzes, das allein durch erneuerbare Energien nicht stabil gehalten werden kann. Der Kurswechsel steht für einen strategischen "Energiemix", in dem die verlässliche nukleare Grundlast als Ergänzung zur schwankenden Einspeisung aus Wind- und Solarenergie verstanden wird.

In einer Rede im März 2026 sagte EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen: "Ich glaube, dass es ein strategischer Fehler war, dass Europa einer zuverlässigen, erschwinglichen und emissionsarmen Energiequelle den Rücken gekehrt hat."

AccelerateEU als Europas Antwort auf die Energiekrise

Die Diversifizierung der Energieversorgung und der stärkere Ausbau erneuerbarer Energien haben dazu geführt, dass die Energieimporte der EU im Jahr 2025 im Vergleich zu 2024 um 11,1 Prozent zurückgingen. Nach Angaben von Eurostat importierte Europa 2025 Energieprodukte im Wert von 336,7 Milliarden Euro. Das entspricht einem Rückgang um 51,4 Prozent gegenüber 2022, als sich die Energieimporte auf 693,4 Milliarden Euro beliefen.

Der Konflikt zwischen den USA und dem Iran macht jedoch deutlich, wie stark die EU weiterhin von ausländischen fossilen Brennstoffen abhängig ist. Diese Abhängigkeit wurde noch verstärkt durch die Notwendigkeit, nach 2022 Alternativen zum russischen Gas zu finden. Nach dem russischen Angriff auf die Ukraine verlagerte die EU ihre Abhängigkeit de facto auf Flüssigerdgas (LNG); 2025 lieferten die USA 58 Prozent der gesamten LNG-Importe der EU.

"Was wir jetzt sehen, ist das Anfangsstadium eines potenziellen Kaskadeneffekts", sagt Rosita Zilli, Policy Director bei der European Energy Research Alliance in Brüssel. Energiesysteme reagierten mit zeitlicher Verzögerung, sodass sich die Folgen von Versorgungsunterbrechungen nur allmählich entfalteten, erklärt sie.

Am 22. April warnte die Europäische Kommission, dass der eskalierende Krieg zwischen den USA und dem Iran die EU selbst bei stabiler Versorgung zusätzliche Energieimportkosten von 24 Milliarden Euro verursachen könnte. Als Reaktion kündigte Brüssel "AccelerateEU" an, eine Initiative mit fünf Säulen zur Stärkung der Energiesicherheit und zur Verringerung der Abhängigkeit von ausländischer Energie.

Über die Task Force Energieunion 2025 koordiniert der Plan unter anderem die Gasspeicherung der Mitgliedstaaten und lockert zugleich die Regeln für staatliche Beihilfen. Eine neue Beobachtungsstelle für Kraftstoffe soll Produktion, Import und Export überwachen und mögliche Engpässe frühzeitig melden.

Zu den Maßnahmen gehören auch Hilfen für nationale Regierungen, um Verbraucher und Unternehmen zu entlasten - etwa durch Einkommensbeihilfen, Energiegutscheine und niedrigere Stromsteuern für einkommensschwache Haushalte.

Der Aktionsplan zur Elektrifizierung soll die Umstellung von Industrie, Verkehr und Gebäuden beschleunigen, damit mehr heimische grüne Energie erzeugt wird und Strom zur dominierenden Energiequelle werden kann. Mit dem "Grids Plan" will Brüssel zudem die Energieinfrastruktur der EU grundlegend modernisieren.

Flankiert wird der Fahrplan von Maßnahmen zur Mobilisierung privater Investitionen - etwa durch hochrangige Veranstaltungen wie das "Clean Energy Transition Investment Forum" im Mai 2026 und den "Clean Energy Investment Summit" später im Jahr.

Nach Einschätzung von Zilli sind die Maßnahmen der Kommission vor allem eine Reaktion auf anhaltenden geopolitischen Druck und zeigen, dass die EU noch immer nicht über eine vollständig stabile und vorausschauende Energiestrategie verfügt.

Gleichzeitig begrüßt sie die europäische Politik der Energiediversifizierung, einschließlich der Pläne für die Kernenergie. Diese sei "eine kohlenstoffarme und steuerbare Energiequelle" und damit neben den erneuerbaren Energien eine wichtige Option, um sich von fossilen Brennstoffen zu lösen.

Prozentsatz des von der EU importierten Gases, 2021-2025

Die Logistik der nuklearen Produktion

Kernenergie gilt deshalb als eine ernstzunehmende Option. Sie entsteht durch die Spaltung von Atomkernen in einer kontrollierten Kettenreaktion, bei der Wärme freigesetzt wird, die Wasserdampf erzeugt und damit Turbinen antreibt.

Damit dieses System im großen Maßstab funktioniert, muss die EU einen vollständigen Brennstoffkreislauf und ein entsprechendes industrielles Ökosystem aufrechterhalten - von Uranversorgung, Umwandlung und Anreicherung bis zur Brennstofffertigung und dem Betrieb einer Flotte von Druckwasserreaktoren. Diese liefern kohlenstoffarmen Strom und stabilisieren zugleich das Netz.

Frankreich dominiert dabei die Produktion: Das Land erzeugt 58 Prozent des Atomstroms in der EU und ist selbst stark von der Kernenergie abhängig. Weitere große Produzenten sind Spanien, Schweden, Finnland und Belgien. Länder wie die Slowakei, Ungarn, Bulgarien, Tschechien und Finnland verfügen über kleinere Reaktorflotten, sind in ihrem nationalen Energiemix aber besonders stark auf Kernenergie angewiesen.

Insgesamt erzeugt die Kernenergie in der EU im Jahr 2026 rund 24 Prozent des Stroms. Derzeit sind 98 Reaktoren in zwölf Mitgliedstaaten mit einer Gesamtkapazität von 96,2 Gigawatt in Betrieb. Das zeigt: Das System ist etabliert, stößt aber zunehmend an seine Grenzen.

Es hängt von eng abgestimmten Lieferketten, strenger Regulierung, qualifizierten Fachkräften, funktionierender Abfallentsorgung und langfristiger Finanzierung für Bau, Betrieb und Stilllegung ab. Soll die Kernenergie ausgebaut werden, müssen Laufzeiten bestehender Anlagen verlängert, neue Investitionen in Reaktoren und Lieferketten ermöglicht sowie Finanzierung, Arbeitskräftebasis und Brennstoffsicherheit verbessert werden.

Kernenergie als "nachhaltige" Option

Der neue Brüsseler Vorstoß zugunsten der Kernenergie ist nicht ohne historische Vorläufer. Seine Wurzeln reichen bis zum Euratom-Vertrag von 1957 zurück, gefolgt von einer großen Ausbauphase zwischen den 1970er- und 1990er-Jahren, in der die meisten der heute betriebenen Reaktoren entstanden.

Später wandten sich einige Länder von der Kernenergie ab - etwa Italien nach dem Referendum von 1987 und Deutschland, das seinen Ausstieg 2023 vollzog, nachdem die Sicherheitsdebatte infolge von Fukushima 2011 nochmals an Schärfe gewonnen hatte.

Seit 2023 erlebt die Technologie in Europa ein politisches Comeback. Damals nahm die EU die Kernkraft offiziell in ihre Taxonomie auf, um privates Kapital anzuziehen. Damit gilt sie unter bestimmten Voraussetzungen als "wirtschaftlich nachhaltig". 2024 folgte der Net-Zero Industry Act, der Kernenergieprojekten den Status "strategisch" verleiht und eine Genehmigungsfrist von 18 Monaten vorsieht.

Im März 2026 verabschiedete die Kommission zudem ihre SMR-Strategie. Sie sieht eine Investitionsgarantie von 200 Millionen Euro vor, um kleine modulare Reaktoren schneller zur Marktreife zu bringen. Das indikative Nuklearprogramm 2025 geht von einem Investitionsbedarf von 241 Milliarden Euro aus, um die bestehende Reaktorflotte zu erhalten und auszubauen.

Getragen wird diese Entwicklung auch von einer von Frankreich angeführten Gruppe europäischer Staaten, die einen stärkeren Ausbau der Kernenergie fordert. Ihr Ziel ist es, die Kapazität bis 2050 auf 150 Gigawatt zu steigern, den Bau neuer Anlagen zu beschleunigen und den Zugang zu Finanzmitteln für Kernenergieprojekte zu verbessern.

Dem gegenüber stehen die "Freunde der erneuerbaren Energien", eine von Deutschland angeführte Koalition, die sich dagegen wehrt, Kernenergie politisch mit Wind- und Solarenergie gleichzustellen. Zu den Hauptkritikpunkten zählen die hohen Kosten, die langen Bauzeiten, die ungelöste Endlagerfrage und die weiterhin sensible öffentliche Debatte über Sicherheitsrisiken.

Bündnisse der EU-Länder für Kernenergie oder erneuerbare Energien

Erneuerbare Energien bleiben unverzichtbar

Der Energierahmen der Kommission für die Zeit nach 2030, der Ende des Jahres verabschiedet werden soll, zielt auf eine verlässlichere, günstigere und stärker heimische Energieversorgung. Zugleich soll er dazu beitragen, die Emissionen bis 2040 um 90 Prozent zu senken.

Erneuerbare Energien spielen dabei eine zentrale Rolle, weil sie Strom, Wärme und Energie für den Verkehr liefern und die Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen verringern.

"Die Kernenergie liefert zwar steuerbare Energie, aber neue Projekte sind nach wie vor kapitalintensiv und brauchen Zeit. Deshalb werden erneuerbare Energien auch kurzfristig den größten Teil der Energiewende tragen", sagt Zilli gegenüber Euronews.

Der Anteil grüner Energie am EU-Energiemix lag 2024 bei 25,2 Prozent, nach 24,4 Prozent im Vorjahr. Schweden führte mit einem Anteil von 62,5 Prozent am Bruttostromverbrauch, während Belgien mit 14,3 Prozent und Luxemburg mit 14,7 Prozent deutlich zurücklagen.

Nach Angaben der IEA beliefen sich die Investitionen der EU in saubere Energie im Jahr 2025 auf rund 333,4 Milliarden Euro.

Zugleich hat sich Europa ehrgeizigere Ziele gesetzt. Mit der überarbeiteten Erneuerbare-Energien-Richtlinie (EU/2023/2413) soll der Anteil grüner Energie bis 2030 auf mindestens 42,5 Prozent und möglichst auf 45 Prozent steigen. Das baut auf der 300 Milliarden Euro schweren REPowerEU-Initiative auf, mit der der Anteil erneuerbarer Energien an der EU-Stromerzeugung bis 2023 auf 45,3 Prozent erhöht werden konnte - ein Plus von 4,1 Prozentpunkten und der stärkste Anstieg seit einem Jahrzehnt.

Anteil der erneuerbaren Energiequellen in der EU27, 2004-2024 und Ziel für 2030

Nach Angaben der Europäischen Umweltagentur muss die EU das bisherige Tempo beim Ausbau erneuerbarer Energien mindestens verdoppeln. Für 2025 entfielen nach Eurostat 37,5 Prozent der erneuerbaren Stromerzeugung auf Windkraft, 27,5 Prozent auf Solarenergie, 25,9 Prozent auf Wasserkraft und 8,5 Prozent auf brennbare erneuerbare Energien.

"AccelerateEU" soll diesen Ausbau zusätzlich beschleunigen. Bis zum Sommer 2026 will die Kommission einen Aktionsplan zur Elektrifizierung vorlegen, der konkrete Ziele und Maßnahmen zum Abbau von Hindernissen in Industrie, Verkehr und Gebäuden enthält.

Auch die rasche Umsetzung des Investitionsplans für nachhaltigen Verkehr, etwa zur beschleunigten Einführung von nachhaltigem Flugkraftstoff, steht auf der Agenda.

Ohne ein modernes Stromnetz mit einer Länge von 11 Millionen Kilometern wird der Ausbau der erneuerbaren Energien jedoch nicht gelingen.

"Die Netzinfrastruktur ist eindeutig einer der größten Engpässe der Energiewende. Ein Großteil der europäischen Netze ist veraltet, oft 40 bis 50 Jahre alt, und wurde nicht für ein stark elektrifiziertes und dezentralisiertes Energiesystem konzipiert", warnt Zilli.

Die Kommission will das Netzpaket bis zum Sommer 2026 verabschieden, um langsame Genehmigungen und mangelnde Konnektivität anzugehen. Im Mittelpunkt stehen dabei der Ausbau und das Repowering großer Windparks sowie weiterer Anlagen für erneuerbare Energien, darunter Offshore-Wind- und Wasserkraftprojekte.

LNG und grüner Wasserstoff als ergänzende Optionen

Neben Kernenergie und erneuerbaren Energien setzt die EU auch auf LNG und grünen Wasserstoff als wichtige Ergänzungen. Die EU-Energieplattform bündelt die Nachfrage, um zu verhindern, dass sich die Mitgliedstaaten auf dem Weltmarkt gegenseitig überbieten.

Trotz der angestrebten Abkehr von fossilen Brennstoffen bleibt LNG derzeit das wichtigste Instrument, um wegfallende russische Gaslieferungen zu ersetzen. Unterstützt wird dies durch den REPowerEU-Rahmen, der den Ausbau schwimmender Regasifizierungsterminals und neuer Verbindungsleitungen finanziert.

Grüner Wasserstoff gilt hingegen als saubere Alternative für Schwerindustrien wie Stahl und Chemie, die sich nicht einfach elektrifizieren lassen.

Er wird mithilfe erneuerbarer Energien durch die Spaltung von Wasser erzeugt und liefert so einen weitgehend kohlenstofffreien Energieträger. Um diese Technologie im großen Maßstab nutzbar zu machen, setzt die EU auf die Europäische Wasserstoffbank. Dieser Fördermechanismus soll die "grüne Prämie" abfedern - also den Preisunterschied zwischen teurem grünem Wasserstoff und günstigeren fossilen Brennstoffen - und Wasserstoff damit für private Investoren attraktiver machen.

Der europäische Energiemix im Laufe der Jahre

Europa braucht einen Mix von Lösungen

Nach Ansicht von Zilli ist die EU zwar grundsätzlich auf dem richtigen Weg, doch die politischen Turbulenzen lassen viele Fortschritte eher wie reaktive Maßnahmen erscheinen als wie das Ergebnis einer langfristig angelegten Strategie.

Erneuerbare Energien und Kernenergie allein werden ihrer Einschätzung nach nicht ausreichen, um Europas Versorgungssicherheit dauerhaft zu garantieren. Energiesicherheit müsse zu einem zentralen Pfeiler der europäischen Energiestrategie werden.

"Es geht nicht darum, wirtschaftliche Leistung zu verringern, sondern darum, Energie innerhalb der Belastungsgrenzen des Systems effizienter zu nutzen, ohne Wohlstand zu zerstören", sagt Zilli.

Zugleich warnt sie, dass das EU-Ziel von 45,5 Prozent erneuerbarer Energie bis 2030 zwar eine wichtige Orientierung biete, aber äußerst ehrgeizig und schwer zu erreichen sei. Vor allem Europas veraltete Stromnetze gefährdeten die Ausbauziele. Ohne umfangreiche Modernisierungen werde die Integration und Verteilung neuer Stromquellen zu einer der größten Herausforderungen der kommenden Jahre.

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