Nach dem tödlichen Brand in der Silvesternacht im Schweizer Ferienort Crans-Montana nehmen die Spannungen zu, nachdem die Schweiz Rechnungen an die Familien der Opfer geschickt hat. Was verbirgt sich hinter den Rechnungen?
Der tödliche Brand in der Silvesternacht im Schweizer Skigebiet Crans-Montana forderte 41 Todesopfer, darunter viele junge Menschen, und zählt damit zu den schwersten Katastrophen in der jüngeren Geschichte der Schweiz.
Unter den Opfern waren auch sechs italienische Jugendliche. Mindestens 13 italienische Staatsangehörige mussten wegen schwerer Verbrennungen im Krankenhaus behandelt werden.
Monate später hat die Tragödie eine politische Dimension angenommen, da die diplomatischen Spannungen zwischen Italien und der Schweiz zunehmen.
Am 21. April erklärte die italienische Ministerpräsidentin Giorgia Meloni auf X, sie sei "schockiert", nachdem Berichte aufgetaucht waren, wonach einige Familien der Opfer offenbar Arztrechnungen von Krankenhäusern in der Schweiz erhalten hatten.
Auslöser waren Medienberichte, denen zufolge drei Familien vom Krankenhaus in Sitten, in dem mehrere Opfer behandelt worden waren, Dokumente mit Behandlungskosten zwischen 17.000 und 68.000 Schweizer Franken (rund 17.700 bis 71.000 Euro) erhalten hatten. In Italien löste dies eine Welle der Kritik aus.
Rechnungen an die Familien der Opfer ausgestellt
Der italienische Botschafter in der Schweiz, Gian Lorenzo Cornado, sagte der Nachrichtenagentur AGI, er habe mit dem Präsidenten des Kantons Wallis, Mathias Reynard, gesprochen. Dieser habe erklärt, die Dokumente seien irrtümlich ausgestellt worden.
Die Schweizer Behörden teilten dem Faktencheck-Team von Euronews mit, dass die Opfer des Feuers die medizinischen Kosten nicht selbst tragen müssten, da diese von Versicherungen und Opferhilfeeinrichtungen übernommen würden.
Nach Angaben eines Sprechers des Eidgenössischen Departements des Innern erhielten die Familien, die mit italienischen Medien gesprochen hatten, Kopien der Rechnungen lediglich zu "Informationszwecken" – entsprechend dem Schweizer Recht. Eine Zahlungspflicht bestand demnach nicht.
Kopien der Rechnungen, die von der italienischen Nachrichtenagentur ANSA veröffentlicht wurden, enthalten einen Vermerk, wonach die Rechnung "nicht bezahlt werden muss".
Dennoch bezeichnete Domenico Radice, der einige der Opfer vertritt, die Dokumente als "unangemessen".
Er argumentierte, angesichts der "mutmaßlichen öffentlichen Verantwortung" sollten die Kosten von den Schweizer Behörden übernommen werden; der Versand solcher Dokumente sei daher nicht erforderlich gewesen.
Muss Italien die Schweiz entschädigen?
Das Bundesamt für Sozialversicherungen (BSV) erklärte gegenüber The Cube, dass Personen, die sich während eines vorübergehenden Aufenthalts im Ausland verletzen, nach europäischen Regelungen Anspruch auf notwendige medizinische Versorgung haben. Die Kosten werden dabei dem jeweiligen Versicherer in Rechnung gestellt.
Nach den europäischen Vorschriften zur Koordinierung der sozialen Sicherheit stellen Krankenhäuser die Behandlung bereit, ohne sie den Betroffenen direkt in Rechnung zu stellen. Die im Gastland entstehenden Kosten werden anschließend vom nationalen Gesundheitssystem des Herkunftslandes – in diesem Fall Italien – erstattet.
Nach unseren Recherchen wird dieses System in allen EU- und EFTA-Staaten, einschließlich der Schweiz, routinemäßig angewandt.
Trotz dieses rechtlichen Rahmens bleibt die Frage, ob die Schweiz auch eine moralische Verantwortung für die Kostenübernahme trägt, politisch umstritten.
Die Debatte verschärfte sich wenige Tage später, als Giorgia Meloni das Thema erneut aufgriff. Sie verwies auf Medienberichte, wonach die Schweiz von Italien eine Rückerstattung der von ihr als "exorbitant" bezeichneten Behandlungskosten – auch für kurze Krankenhausaufenthalte – verlangen könnte. Zugleich machte sie deutlich, dass Rom einen solchen Antrag ablehnen würde.
Der italienische Botschafter Gian Lorenzo Cornado erklärte The Cube, Italien werde die Schweiz bitten, auf eine Rückerstattung der Kosten zu verzichten – und verwies auf einen vergleichbaren Fall.
"Italien wird die Schweiz nicht um die Erstattung der Kosten für den Hubschrauber bitten, mit dem zwei italienische Opfer in ein Mailänder Krankenhaus gebracht wurden, wo sie zwei Monate lang behandelt wurden", sagte er. "Und Italien bittet die Schweiz, ebenso zu verfahren."
Italien ist der Auffassung, dass der Kanton Wallis eine Mitverantwortung für die Tragödie trägt – ebenso wie die Betreiber der Bar "Le Constellation", in der das Feuer ausgebrochen war.
Während die Ermittlungen weiterlaufen, haben die Behörden 13 Verdächtige unter anderem wegen fahrlässiger Tötung, fahrlässiger Körperverletzung und fahrlässiger Brandstiftung vernommen.
Berichten zufolge wurden auch mehrere aktuelle und ehemalige Beamte des Kantons Wallis im Zusammenhang mit dem Brand befragt.
Die Staatsanwaltschaft prüft, ob die Sicherheitsvorschriften in der Bar den lokalen Bestimmungen entsprachen. Nach dem Brand war bekannt geworden, dass dort seit 2019 keine Sicherheitsinspektionen mehr durchgeführt worden waren – obwohl diese eigentlich jährlich vorgeschrieben sind.