Während der Offensive gegen die Stellungen der Junta haben Tuareg der "Azawad-Befreiungsfront" und Dschihadisten die strategisch wichtige Stadt Kidal besetzt. Ist das der Anfang vom Ende Russlands in Mali?
Ende April haben die Armee Malis und russische Söldner des 'Afrikanischen Korps' des russischen Verteidigungsministeriums den bewaffneten Aufständischen einen weiteren strategischen Stützpunkt im Norden des Landes überlassen, erklärte ein Sprecher der 'Front zur Befreiung von Azawad' (FLA) der Nachrichtenagentur AFP. Die Regierungstruppen zogen sich demnach kampflos von der Militärbasis Tessalit unweit der algerischen Grenze zurück und gaben eine Start- und Landebahn auf, auf der Hubschrauber und große Militärflugzeuge landen können. Der AFP-Quelle zufolge bedeutet das Geschehen in Tessalit eine 'Kapitulation' der malischen Armee und der Legionäre von Russlands 'Afrika Korps'.
Innerhalb einer Woche haben Tuareg-Kämpfer der 'Front zur Befreiung von Azawad' und Dschihadisten der mit Al-Kaida in der Sahelzone verbündeten 'Gruppe zur Unterstützung des Islam und der Muslime' die strategisch wichtige Stadt Kidal eingenommen und den wichtigsten Befürworter der russischen Präsenz im Land getötet – Verteidigungsminister Sadio Camara.
Ob die jüngsten Entwicklungen den Anfang vom Ende der russischen Präsenz in Mali markieren, erläutert Euronews Thierry Vircoulon, Mitarbeiter des Französischen Instituts für internationale Beziehungen und Experte für Staaten südlich der Sahara.
„Kampflos aufgegeben“
Euronews: Am Samstag vor einer Woche wurde bekannt, dass Russlands 'Afrika Korps' in fünf Orten Malis, in denen es stationiert ist, angegriffen wurde und dass sich russische Söldner aus Kidal, der von ihnen kontrollierten strategischen Stadt im Nordosten des Landes, zurückgezogen haben. Was ist genau passiert, und warum gerade jetzt?
Thierry Vircoulon: Tatsächlich haben die Aufständischen gleichzeitig mehrere größere Städte Malis angegriffen, darunter die Hauptstadt Bamako. Einzige Stadt, die sie einnehmen konnten, ist Kidal. Sie ist wichtig, weil dies der einzige bedeutende Erfolg der malischen Armee gemeinsam mit dem 'Afrika Korps' war: Vor einigen Jahren hatten sie dort wieder die Kontrolle erlangt. Nun haben sie Kidal wieder verloren. Offenbar sogar ohne zu kämpfen. Nach Verhandlungen mit den Rebellen über einen Rückzug haben sie die Stadt verlassen. Das Kräfteverhältnis sprach klar für die Aufständischen. Deshalb beschlossen sowohl die malischen Streitkräfte unter dem Kommando von General Elhadji Ag Gamou als auch das 'Afrika Korps', den Rückzug statt den Kampf.
Euronews: Warum haben die separatistischen Tuareg und die Al-Kaida-nahen Dschihadisten diesmal zusammengearbeitet? Ist das neu?
Thierry Vircoulon: In gewisser Weise schon. Die 'Front zur Befreiung von Azawad' (FLA), in der Tuareg-Unabhängigkeitskämpfer organisiert sind, und die 'Gruppe zur Unterstützung des Islam und der Muslime' (JNIM) haben diesen Angriff gemeinsam geplant. Das erklärt vermutlich ihren großen Erfolg: Sie haben nicht nur Kidal erobert, sondern auch Verteidigungsminister Sadio Camara getötet. Diese Koordinierung zeigt, dass sie heute eine sehr bedeutende militärische Front bilden, die sich übrigens mittlerweile an die Zufahrtswege nach Bamako herangeschoben hat.
"Strategie des Würgegriffs" gegen Bamako
Euronews: Heißt das, dass die malische Regierung die Kontrolle über den Nordosten des Landes endgültig verloren hat?
Thierry Vircoulon: Die malischen Machthaber haben weit mehr verloren als nur den Nordosten. Diese Gruppen stehen de facto schon seit dem vergangenen Jahr an den Zufahrtswegen nach Bamako. Sie verfolgen eine Strategie des Würgegriffs, weil sie die verschiedenen Routen in die Hauptstadt kontrollieren. Schätzungen zufolge beherrschen sie derzeit rund siebzig Prozent des Staatsgebiets, während die malische Junta nur noch einen kleinen Teil kontrolliert.
Euronews: Was sagt dieses Bündnis aus Tuareg und Dschihadisten über die politische Lage in Mali aus?
Thierry Vircoulon: Beide Kräfte sind einander nähergekommen, weil sie einen gemeinsamen Feind haben: die malische Junta. In der vergangenen Woche haben sie mehrere Erklärungen veröffentlicht, in denen sie unmissverständlich betonen, dass sie das Regime der Militärjunta stürzen wollen. Sie haben außerdem erklärt, dass Russland nicht ihr Feind sei und den russischen Truppen daher angeboten, das Land zu verlassen – nicht nur Nordmali. In gewisser Weise haben sie der russischen Seite einen Ausweg für den Rückzug offengelassen.
"Russische Propaganda macht Niederlage zum Sieg"
Euronews: Einige russische Quellen berichten, das 'Afrika Korps' kontrolliere Kidal weiterhin. Wie hat sich die Lage in der vergangenen Woche entwickelt?
Thierry Vircoulon: Glaubt man den russischen Medien, hätten sie den Angriff der Dschihadisten und Tuareg zurückgeschlagen und die Ortschaften weiter unter Kontrolle, während sie die Gegner in die Wüste gedrängt hätten. Das hat mit der Realität nichts zu tun. Die russische Propaganda verwandelt diese Niederlage in einen vermeintlichen Sieg und beschuldigt zudem verschiedene Staaten, die Aufständischen zu unterstützen – darunter auch die Ukraine.
Euronews: Gibt es weitere Faktoren, die die Niederlage der Regierungstruppen und der russischen Söldner in Kidal erklären?
Thierry Vircoulon: Das Kernproblem für Moskau besteht darin, ob es überhaupt noch in der Lage ist, zusätzliche Truppen und Feuerkraft zur Unterstützung der malischen Armee zu entsenden. Assimi Goïta, der Chef der malischen Junta, hat Russland sehr wahrscheinlich um mehr Militärhilfe gebeten. In den kommenden Tagen wird sich zeigen, ob Russland diese Unterstützung liefern kann oder nicht.
"Schwierig, an mehreren Fronten Krieg zu führen"
Euronews: Weil alle Ressourcen in der Ukraine gebunden sind?
Thierry Vircoulon: Ich denke ja. Moskaus Hauptproblem ist, Ressourcen freizumachen, die es nach Mali verlegen könnte. Seit sich die militärische Lage in Mali verschlechtert hat – das ist nun etwa zwei Jahre her –, hat Moskau seine Präsenz dort nicht aufgestockt. Russland stößt vermutlich an die Grenzen seiner Möglichkeiten, denn es ist schwierig, an mehreren Fronten gleichzeitig Krieg zu führen.
Euronews: Der Sprecher des russischen Präsidenten erklärte, Russland werde den Kampf gegen Extremismus, Terrorismus und andere negative Erscheinungen fortsetzen – auch in Mali – und der amtierenden Regierung weiter helfen.
Thierry Vircoulon: Das sind zunächst nur Worte. Er sagt, Moskau werde das Regime weiter stützen, was an sich nachvollziehbar ist. Die Frage ist, ob diesen Worten auch Taten folgen, also neue Waffenlieferungen und vor allem eine erneute Verlegung russischer bewaffneter Einheiten. Darauf kommt es in den nächsten Tagen an. Andernfalls haben Erklärungen von Pressesprechern wenig Gewicht.
"Ein Krieg außer Kontrolle"
Euronews: Wie viele Söldner des 'Afrika Korps' halten sich derzeit in Mali auf?
Thierry Vircoulon: Schätzungen zufolge sind es zwischen 2.000 und 2.500.
Euronews: Und wie viele kann Russland noch entsenden?
Thierry Vircoulon: Das weiß ich überhaupt nicht. Die Lage ist äußerst komplex. Im Kern handelt es sich um einen Krieg, den Russland kaum gewinnen kann. Deshalb wird es möglicherweise wieder verstärkt auf Luftangriffe gegen aufständische Gebiete setzen, wie es das bereits getan hat. Im Grunde ist es ein Krieg, der sich der Kontrolle entzieht.
Euronews: Warum?
Thierry Vircoulon: Weil es ein Guerillakrieg in einem Land ist, in dem Russland kaum Fuß gefasst hat, das es nicht gut kennt und in dem es nur begrenzte nachrichtendienstliche Möglichkeiten hat. Das erinnert an Afghanistan. Einen solchen Krieg kann man nicht allein mit militärischen Mitteln gewinnen.
Euronews: Welche Perspektiven sehen Sie für die russische Präsenz in Mali vor dem Hintergrund der jüngsten Ereignisse? Ihr Ausblick?
Thierry Vircoulon: Offensichtlich gibt es mehrere Szenarien. In einem davon bricht die Junta am Ende zusammen. Viele denken dabei an ein "syrisches Szenario": Als sich die Lage in Syrien binnen weniger Tage gegen das Assad-Regime wandte und Russland im Eiltempo über den Abzug seiner Truppen verhandeln musste. Man kann sich vorstellen, dass Russland auch in Mali sehr schnell ein Abkommen über einen Abzug schließen müsste, falls sich die Situation ähnlich entwickelt – bevor die Aufständischen in Bamako die Macht übernehmen.
"Junta könnte noch dieses Jahr stürzen"
Euronews: Wie groß ist die Wahrscheinlichkeit, dass sie Bamako einnehmen?
Thierry Vircoulon: Im Moment ist sie ziemlich hoch. Seit dem vergangenen Jahr üben die dschihadistischen Gruppen doppelten Druck aus: militärisch und wirtschaftlich. Wirtschaftlich, indem sie die Nachschubrouten nach Bamako kontrollieren. Sie ziehen den Ring um die Hauptstadt enger. Das geschieht in Mali, aber auch in Burkina Faso. Ich halte es für möglich, dass die Junta noch in diesem Jahr stürzt.
Euronews: Seit russische Söldner in Mali und den Nachbarstaaten stationiert sind, berichten Menschenrechtsorganisationen, dass sich die Sicherheitslage nicht verbessert habe, es dagegen zahlreiche Angriffe auf Zivilpersonen gebe.
Thierry Vircoulon: Die Massaker, die sie an Gemeinschaften und an der Zivilbevölkerung verübt haben, sind gut dokumentiert, etwa von Amnesty International und Human Rights Watch. Klar ist, dass sie vor allem Bevölkerungsgruppen ins Visier nahmen, die als den Dschihadisten nahestehend gelten – etwa Fulani und Tuareg.
Euronews: Ist in anderen Ländern mit russischer Militärpräsenz – in Burkina Faso oder Niger – mit ähnlichen Entwicklungen zu rechnen?
Thierry Vircoulon: Im Moment lässt sich das nicht sicher vorhersagen. Es hängt davon ab, wie sich der Krieg entwickelt. Klar ist aber: Auch Burkina Faso befindet sich in einer sehr gefährlichen Lage. Sollten die dschihadistischen Aufständischen Bamako erobern, stünde Ouagadougou als Nächstes auf der Liste.