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US-Raketen für Deutschland auf der Kippe: Droht eine Abschreckungslücke?

Trump steigt am 3. Mai 2026, nach seiner Ankunft mit der Air Force One auf der Joint Base Andrews in Maryland in die Marine One ein
Trump steigt am 3. Mai 2026, nach seiner Ankunft mit der Air Force One auf der Joint Base Andrews in Maryland in die Marine One ein Copyright  AP Photo/Matt Rourke
Copyright AP Photo/Matt Rourke
Von Johanna Urbancik
Zuerst veröffentlicht am Zuletzt aktualisiert
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Die USA prüfen offenbar ihre Raketenpläne für Deutschland. Damit steht die Stationierung von Tomahawks infrage. Ohne die Systeme droht Europa eine Lücke bei der Abschreckung gegenüber Russland.

Die USA könnten ihre Pläne zur Stationierung von Langstreckenwaffen in Deutschland offenbar überdenken. Neben dem angekündigten Abzug tausender US-Soldaten steht laut Berichten vor allem ein möglicher Verzicht auf die geplante Stationierung von Marschflugkörpern vom Typ "Tomahawk" im Raum.

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Diese waren ursprünglich als Übergangslösung gedacht, um eine Fähigkeitslücke in der Abschreckung gegenüber Russland zu schließen. Vereinbart wurde die Stationierung noch unter dem damaligen US-Präsidenten Joe Biden im Jahr 2024. Stationiert werden sollten die dieses Jahr.

Sicherheitsexperten halten den möglichen Verzicht auf US-Raketen für gravierender als den Truppenabzug. Der Sicherheitsexperte Dr. Christian Mölling sagte im ZDF, das sei "eigentlich die viel dramatischere Nachricht". Die Systeme seien zentral für die Abschreckung, weil sie es ermöglichen würden, "Russland schon im Aufmarsch zu stören". Genau diese Fähigkeit fehlt Europa bislang.

Auch Nico Lange warnte in der Tagesschau, dass Russland bereits Raketen in Kaliningrad stationiert habe, "die uns bedrohen". Dazu gehören Berichten zufolge die atomwaffenfähigen Kurzstreckenraketen vom Typ Iskander-M mit einer Reichweite von rund 500 Kilometern.Seit 2022 wurden zudem Hyperschallraketen vom Typ Kinschal auf MiG-31-Jets stationiert, ebenso wie Küstenverteidigungssysteme der Typen Bal und Bastion.

Ohne US-Systeme lasse sich kaum eine glaubwürdige "Gegenbedrohung“ aufbauen, so Lange. Europa müsse diese Fähigkeit nun wohl selbst entwickeln – und zwar schnell. Auch der Sicherheitsexperte Dr. Carlo Masala von der Bundeswehruniversität München sieht darin ein Problem: Es entstehe eine "wichtige Fähigkeitslücke mit Blick auf die Abschreckung Russlands", sagte er der Welt.

Warum sind "Deep Strike Capabilities" so wichtig?

Zwar werden die deutschen Streitkräfte massiv aufgerüstet, doch eine wichtige Fähigkeit fehlt der Bundeswehr: die sogenannten "Deep Strike Capabilities". Darunter versteht man Präzisionsschläge aus großer Entfernung, also die Fähigkeit, hochrangige militärische und infrastrukturelle Ziele mehrere hundert bis tausende Kilometer hinter der Front präzise zu treffen.

Momentan besitzt die Bundeswehr nur eine Waffe, die man in die untere bis mittlere Deep-Strike-Kategorie einteilen kann: den Taurus-Marschflugkörper, ein deutsch-schwedisches Produkt. Der Taurus liegt mit über 500 Kilometern am unteren bis mittleren Ende dieser Waffengattung.

Künftig soll die Truppe jedoch noch besser in der Lage sein, solche potenziellen Ziele auch über größere Entfernungen präzise zu treffen.

Für den neuen Kampfjet F-35 soll beispielsweise der Marschflugkörper JASSM-ER beschafft werden, der mit einer Reichweite von rund 1.000 Kilometern deutlich weiter reicht als bisherige Systeme. Sowohl das Kampfflugzeug als auch der Marschflugkörper werden von der US-Firma Lockheed Martin hergestellt.

Mit solchen Beschaffungen wächst jedoch auch die Abhängigkeit von den USA. In der Vergangenheit wurde in diesem Zusammenhang sogar spekuliert, ob ein möglicher "Kill Switch" in dem Kampfflugzeug eingebaut sein könnte – ein Szenario, das für die europäischen Käufer erhebliche Risiken bergen würde. Unter einem "Kill Switch" verteht man eine Funktion, die ein System, eine Verbindung oder ein Gerät bei Bedarf abschaltet. Die Existenz eines solchen Mechanismus wurde bislang allerdings nicht belegt.

Unabhängig davon verweist die Diskussion auf ein grundlegenderes Problem: die tiefe strukturelle Bindung an amerikanische Systeme und die Kontrolle die die USA dadurch über die Waffen haben.

"Diese Abhängigkeiten sind langfristig – man kann sich nicht schnell davon distanzieren", sagt die Politikwissenschaftlerin Dr. Jana Puglierin zu Euronews in einem Interview im Februar.

Diese Abhängigkeit war Puglierin zufolge bis vor kurzem "gewollt": "Man hat ja gedacht, dass man sich, indem man amerikanische Waffensysteme kauft und der Rüstungsindustrie eng kooperiert, insofern auch amerikanische Wirtschaftsinteressen dadurch bedient, dass man sich dadurch amerikanischen Schutz einkaufen kann", erklärt sie.

"Und jetzt sieht man, dass es vielleicht nicht unbedingt so eine Kausalkette gibt. Aber also der Fokus ist ja jetzt sehr groß darauf zu sagen, wir kaufen jetzt europäisch-deutsche Sachen, bei manchen geht es natürlich nicht, wie zum Beispiel beim F-35."

Der Lenkwaffenzerstörer der Arleigh-Burke-Klasse USS Thomas Hudner beim Abfeuern einer Tomahawk-Landangriffsrakete, 1. März 2026
Der Lenkwaffenzerstörer der Arleigh-Burke-Klasse USS Thomas Hudner beim Abfeuern einer Tomahawk-Landangriffsrakete, 1. März 2026 U.S. Navy via AP

Trotzdem prüft die Regierung zusätzlich, den amerikanischen Marschflugkörper Tomahawk einzuführen, der sowohl von Land als auch von See eingesetzt werden kann und Reichweiten von bis zu 2.500 Kilometern erreicht.

Deutscher Marschflugkörper "auf Steroiden"

Der Taurus könnte perspektivisch durch den Taurus Neo weiterentwickelt werden, der vom Fachmagazin Hartpunkt nicht ohne Grund als "Taurus auf Steroiden" bezeichnet wird.

Während das aktuelle System trotz Modernisierungen noch auf einer Variante aus den frühen 2000er-Jahren basiert, macht der Neo vor allem bei Elektronik, Sensorik und Navigation einen deutlichen Fortschritt. Im Fokus stehen leistungsfähigere Rechner, robustere bild- und geländegestützte Navigation auch bei einer Störung des Satellitensystems GPS sowie eine effizientere Missionsplanung.

Am Grundprinzip dürfte sich hingegen wenig ändern: Form und Wirkung bleiben weitgehend gleich, was die Integration erleichtern würde. Es wird jedoch erwartet, dass Reichweite, Überlebensfähigkeit und möglicherweise auch Selbstschutzfähigkeiten verbessert werden, auch wenn dazu bislang keine offiziellen Details vorliegen.

Ein südkoreanischer F-15K-Kampfjet feuert während einer Übung vor der Westküste einen Taurus-Marschflugkörper ab, 13. September 2017
Ein südkoreanischer F-15K-Kampfjet feuert während einer Übung vor der Westküste einen Taurus-Marschflugkörper ab, 13. September 2017 South Korea Defense Ministry via AP

Darüber hinaus arbeitet Deutschland gemeinsam mit Norwegen an einem neuen Flugkörper namens "Tyrfing", der ebenfalls sowohl gegen See- als auch Landziele eingesetzt werden kann.

In Kooperation mit den Briten ist zudem eine neue Langstreckenrakete in Planung. Im Fokus steht ein "Deep Precision Strike"-Programm, das erstmals auch deutsche Kapazitäten für Angriffe über mehr als 2.000 Kilometer hinweg schaffen soll.

Die Initiative, die auf dem deutsch-britischen Trinity-House-Abkommen von Oktober 2024 aufbaut, umfasst eine neue Generation von Marschflugkörpern und Hyperschallwaffen.

Diese sollen ab den 2030er-Jahren einsatzbereit sein – und könnten eine zentrale Lücke in Europas Abschreckungsarchitektur schließen, wie es laut der britischen National Armaments Director Group heißt, die zum britischen Verteidigungsministerium gehört.

Wie der Labour-Minister Luke Pollard, der vor wenigen Tagen den Staatssekretär im Bundesministerium der Verteidigung, Jens Plötner, getroffen hat, in einem LinkedIn-Beitrag sagt: "Wir statten unser Militär nicht nur mit den besten Waffen aus, um eine möglichst starke Abschreckung für unsere Gegner zu gewährleisten, sondern schaffen damit auch die industriellen Grundlagen, die beide Nationen an der Spitze der Verteidigungstechnologie halten und uns im Inland Sicherheit und im Ausland Stärke verschaffen."

Europa ohne Reichweite

Der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine hat deutlich gemacht, wie entscheidend präzise Langstreckenfähigkeiten in der modernen Kriegsführung sind – sowohl für Schläge gegen militärische Infrastruktur tief im Hinterland als auch für Abschreckung.

Europa hat in diesem Bereich nach wie vor Lücken. Zwar verfügen Großbritannien und Frankreich mit Storm Shadow und Scalp über eigene Fähigkeiten, doch auch diese sind begrenzt – sowohl in Stückzahl als auch in Reichweite und Weiterentwicklung.

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