Die Europäer nehmen die wachsenden Anzeichen für eine Anspannung der russischen Wirtschaft für sich in Anspruch. Bedeutet das, dass die Sanktionen Wirkung zeigen? Es ist kompliziert.
Seit den schicksalhaften Ereignissen im Februar 2022 verfolgt die Europäische Union ein beispielloses politisches Projekt: Sie will Russlands Fähigkeit, Krieg gegen die Ukraine zu führen, schwächen - in der Hoffnung, dass der anhaltende Druck den Aggressor letztlich dazu zwingt, seine Niederlage einzugestehen.
Nach 20 Sanktionspaketen, die gezielt darauf ausgelegt sind, maximalen wirtschaftlichen Druck auszuüben, bleibt dieses Ziel jedoch bislang unerreicht. Moskau setzt seine brutalen Angriffe fort und weigert sich weiterhin, am Verhandlungstisch auch nur minimale Zugeständnisse zu machen.
Und dennoch macht sich ein Gefühl der Bestätigung breit.
In den vergangenen Monaten haben sich die Hinweise auf eine zunehmende Belastung der russischen Wirtschaft verdichtet. Das Bild der Unbesiegbarkeit, das der Kreml dem Westen vermitteln will, beginnt zu bröckeln.
Nach Angaben des russischen Ministeriums für wirtschaftliche Entwicklung schrumpfte die Wirtschaft zwischen Januar und März um 0,3 Prozent - die erste Schrumpfung seit Anfang 2023. Im selben Zeitraum stieg das Haushaltsdefizit auf 60 Milliarden Dollar (51 Milliarden Euro) und übertraf damit bereits das Jahresziel. Die Inflation verharrt bei knapp 6 Prozent, begleitet von einem hohen Leitzins von 14,5 Prozent. Trotz eines globalen Aufwärtstrends verlor der russische Aktienmarkt seit März an Wert. Zudem warnte die Zentralbank vor einem zunehmenden Arbeitskräftemangel.
Selbst Präsident Wladimir Putin räumte ein, dass die wirtschaftliche Entwicklung hinter den Erwartungen zurückbleibt. Im vergangenen Monat forderte er sein Team auf zu erklären, "warum die Entwicklung der makroökonomischen Indikatoren derzeit hinter den Erwartungen zurückbleibt" und "zusätzliche Maßnahmen zur Wiederherstellung des Wachstums vorzuschlagen".
In Europa werden diese Entwicklungen aufmerksam registriert.
"Ja, die Sanktionen entfalten spürbare Wirkung auf die russische Wirtschaft", sagte Ursula von der Leyen kürzlich in einer Rede.
"Die Folgen von Russlands Angriffskrieg werden letztlich von den Menschen bezahlt."
Auch Frankreichs Außenminister Jean-Noël Barrot erklärte, Russlands Wirtschaft "versinke in der Krise" und forderte den Kreml auf, "die Augen vor seinem Scheitern nicht länger zu verschließen". Schwedens Finanzministerin Elisabeth Svantesson zog das Fazit: "Wir hatten recht - die Sanktionen wirken."
Die EU versucht nun, andere G7-Partner - insbesondere die Vereinigten Staaten - von einem koordinierten Verbot maritimer Dienstleistungen für russische Öltanker zu überzeugen. Ziel ist es, die Transportkosten zu erhöhen und Moskaus dringend benötigte Einnahmen aus dem Ölgeschäft zu schmälern.
Der Vorstoß liegt derzeit jedoch auf Eis. Hintergrund sind die Verwerfungen auf den Energiemärkten infolge der Sperrung der Straße von Hormus, die Russland im März Öleinnahmen von 19 Milliarden Dollar (16 Milliarden Euro) einbrachte - ein deutlicher Anstieg gegenüber 9,7 Milliarden Dollar (8,2 Milliarden Euro) im Februar.
Brüssel will diesen Trend umkehren und zu dem kontinuierlichen Rückgang des Weltmarktpreises für russisches Ural-Rohöl zurückkehren, der in den Monaten vor der Schließung der Hormusstraße zu beobachten war. EU-Beamte hoffen, dass ein umfassendes Verbot - kombiniert mit einem härteren Vorgehen gegen Schiffe der sogenannten Schattenflotte sowie den weitreichenden ukrainischen Angriffen auf russische Ölexportanlagen - den wirtschaftlichen Druck auf Moskau rasch erhöhen wird.
"Was wir jetzt sehen, ist das Zusammenspiel zweier Dinge: Man sieht, dass Russland viel Geld ausgeben muss, um seine Kriegsanstrengungen aufrechtzuerhalten, und man sieht, dass die Sanktionen greifen und Wirkung zeigen. Der Schmerz wird deutlicher spürbar", sagte ein hochrangiger EU-Diplomat.
"Sehen Sie auf russischer Seite irgendeine Bereitschaft, ernsthafte Verhandlungen aufzunehmen? Ich nicht. Was wir also tun müssen, ist, den Druck immer weiter zu erhöhen."
Wachsende Probleme
Den Erfolg der Sanktionen auszurufen, bleibt jedoch heikel - denn ebenso zahlreich wie die Argumente dafür sind jene, die diese Einschätzung infrage stellen.
Die von der EU und ihren westlichen Verbündeten angestoßene Druckkampagne hat Russland zum weltweit am stärksten sanktionierten Staat gemacht. Infolgedessen ist das Land auf den internationalen Finanzmärkten weitgehend zum Paria geworden: Rund 300 Milliarden Dollar (260 Milliarden Euro) an Reserven wurden eingefroren, zudem wurden Dutzende russischer Banken aus den gängigen internationalen Zahlungssystemen ausgeschlossen.
Das zwang Moskau dazu, sich verstärkt auf den chinesischen Yuan zur Stabilisierung seiner Reserven zu stützen und Kryptowährungen zu nutzen, um einzelne Beschränkungen zu umgehen. Gleichzeitig sind die liquiden Mittel des Nationalen Wohlfahrtsfonds, der aus Einnahmen aus dem Öl- und Gasgeschäft gespeist wird, weitgehend aufgebraucht, nachdem sie zur Deckung früherer Haushaltsdefizite eingesetzt wurden.
Zugleich haben die zahlreichen Export- und Importverbote Russland den Zugang zu hochentwickelten Produkten und technischem Know-how erschwert - Ressourcen, die von der heimischen Industrie bislang nicht vollständig ersetzt werden können. Das belastet langfristig die Innovationskraft und das wirtschaftliche Wachstum des Landes. Gleichzeitig haben russische Unternehmen den Zugang zu wohlhabenden europäischen Absatzmärkten weitgehend verloren und orientieren sich stattdessen zunehmend an einkommensschwächeren Märkten.
Der zermürbende Effekt der Sanktionen hat Russland "in mehrfacher Hinsicht" verändert, sagt Laura Solanko, Senior Advisor bei der Bank of Finland, auch wenn es "kaum möglich" sei, die Belastung durch die Sanktionen und die Belastung durch die Kriegspolitik zu trennen.
"Der Zugang zu den globalen Finanzmärkten ist praktisch verschlossen, was bedeutet, dass alle Finanzmittel, sowohl für die Regierung als auch für den privaten Sektor, aus inländischen Quellen stammen müssen. Die Fakturierungswährungen des Außenhandels haben sich geändert, der Bankensektor hat sowohl Aktiva als auch Passiva entdollarisiert, und der Zugang zu vielen High-Tech-Gütern und -Lieferungen ist eingeschränkt", sagte Solanko zu Euronews.
"Das alles sind zusätzliche Kosten für die Unternehmen.
Und das Bild könnte noch düsterer sein: Westliche Geheimdienste vermuten, dass Moskau offizielle Daten manipuliert, um das Ausmaß seiner wirtschaftlichen Schwierigkeiten zu verschleiern. Die Gouverneurin der Zentralbank, Elvira Nabiullina, hat öffentlich zur Ehrlichkeit in der Berichterstattung aufgerufen.
Ein kostspieliger Krieg
Die russische Wirtschaft ist heute weniger dynamisch, weniger attraktiv und weniger wohlhabend als vor Beginn der großangelegten Invasion in die Ukraine.
Das bedeutet jedoch nicht, dass sie kurz vor dem Kollaps steht. Tatsächlich ist es Russland gelungen, drei Szenarien zu vermeiden, von denen europäische Beamte annahmen, die Sanktionen könnten sie auslösen: eine lang anhaltende Rezession, einen katastrophalen Staatsbankrott und soziale Unruhen infolge eines sinkenden Lebensstandards.
Dass Russland bislang widerstandsfähig geblieben ist, liegt vor allem an der hochintensiven Kriegswirtschaft, die der Kreml mit harter Hand aufgebaut hat.
Im Jahr 2021 - also vor der Invasion - beliefen sich die russischen Militärausgaben auf 65 Milliarden US-Dollar, was 3,6 Prozent des Bruttoinlandsprodukts entsprach. Im vergangenen Jahr lagen sie bereits bei 190 Milliarden Dollar beziehungsweise 7,5 Prozent des BIP.
Diese massiven staatlichen Ausgaben haben ganze Industriezweige, Lieferketten und Arbeitsmärkte umgeformt und strahlen inzwischen auch auf andere Bereiche der Wirtschaft aus. Während die Kämpfe in der Ukraine zu einem erbitterten Zermürbungskrieg geworden sind, produzieren russische Fabriken rund um die Uhr Waffen und Munition. Dadurch entsteht ein dauerhafter Bedarf an Rohstoffen, Energie und Arbeitskräften - ein Kreislauf aus Produktion und Verbrauch, der die Wirtschaft kurzfristig stabilisiert.
Zugleich startete der Kreml mit vergleichsweise niedriger Staatsverschuldung in den Krieg - eine finanzpolitische Linie, die Wladimir Putin nach seinem Machtantritt 1999 etablierte. Dadurch verfügt der russische Staatshaushalt weiterhin über ausreichend Spielraum, um hohe Defizite und enorme Militärausgaben zumindest kurzfristig zu tragen. Dass Putin den Krieg als existenzielle Auseinandersetzung darstellt, dient zudem als politische Rechtfertigung für umstrittene Kürzungen im Sozialbereich und eine umfassende Zensur im Inland.
Der Internationale Währungsfonds (IWF) schätzt, dass die russische Wirtschaft im Jahr 2026 um 1,1 % wachsen wird, was in etwa dem Wachstum von 1 % im Jahr 2025 entspricht. Die Rate ist bescheiden, liegt aber über den Prognosen für die drei größten EU-Volkswirtschaften - Deutschland (0,8 %), Frankreich (0,9 %) und Italien (0,5 %) - und ist ein weiterer Beweis für die anhaltende Widerstandsfähigkeit.
Obwohl die russische Kriegswirtschaft künstlich geschaffen wurde und enorme Kosten verursacht, hat sie sich bislang als starke Triebkraft zur Aufrechterhaltung der wirtschaftlichen Aktivität erwiesen. Zugleich fungiert sie als eine Art Schutzschild, das die Auswirkungen der EU-Sanktionen zumindest teilweise abfedert.
Hinzu kommt: Die Sanktionen wurden schrittweise eingeführt. Dadurch erhielt der Kreml Zeit, sich anzupassen und Strategien zu entwickeln, um einzelne Beschränkungen zu umgehen.
"Sanktionierte Volkswirtschaften neigen dazu, lange Zeit zu überdauern. Es geht ihnen zwar nicht besonders gut, aber sie brechen auch nicht zusammen", sagt Timothy Ash, Associate Fellow bei Chatham House.
"Putin wusste, dass der Krieg kommen würde, also haben die Russen eine Menge Puffer aufgebaut und ihre Abhängigkeiten reduziert. Sie befanden sich in einer sehr starken Position, als der Krieg begann."
Dennoch sind die Zeichen der Anspannung jetzt unverkennbar, stellt Ash fest. Obwohl die Schließung der Straße von Hormus eine vorübergehende Atempause gebracht hat, besteht für die russische Wirtschaft eine "echte Gefahr", sobald die Wasserstraße wieder geöffnet wird und die Ölpreise sinken. Die zu Beginn des Krieges errichteten Puffer sind nach vier Jahren abgenutzt, was die Gefährdung erhöht.
"Wir haben eine Wirtschaft der zwei Geschwindigkeiten: Alles, was mit dem militärisch-industriellen Komplex zu tun hat, läuft gut, und die anderen Sektoren laufen weniger gut. Wenn man sich die Gesamtleistung ansieht, steht Russland trotz höherer Energiepreise kurz vor einer Rezession", sagt er.
"Wenn ich im Kreml säße, wäre ich jetzt besorgter als noch vor sechs Monaten".