Ein Drohnenangriff in Rumänien schürt erneut die Sorge, dass Russlands Krieg gegen die Ukraine auf Europa übergreift. Nach wiederholten Luftraumverletzungen in NATO- und EU-Staaten verstärken Europas Regierungen ihre Verteidigungsmaßnahmen.
Am Freitag schlug eine Drohne in die oberste Etage eines Wohnblocks in Galați ein, einer Hafenstadt im Osten Rumäniens nahe der Donau und der ukrainischen Grenze. Zwei Zivilisten wurden verletzt, als das unbemannte Fluggerät das Gebäude traf und einen Brand im Dachbereich auslöste.
Der rumänische Präsident Nicușor Dan machte den russischen Präsidenten Wladimir Putin für den Vorfall verantwortlich. Außenministerin Oana Țoiu bestätigte, die Drohne sei russischer Herkunft gewesen und habe Sprengstoff getragen.
Kayoko Gotoh, Ko-Direktorin der Hauptabteilung für politische und friedenskonsolidierende Angelegenheiten der Vereinten Nationen, erklärte, der Vorfall bestätige die wiederholten Warnungen führender europäischer Politiker, dass Russlands groß angelegter Angriffskrieg gegen die Ukraine längst über deren Grenzen hinausreiche und inzwischen auch in anderen Ländern Opfer fordere.
Nach dem Vorfall erhielt Bukarest zahlreiche Solidaritätsbekundungen. Zu den ersten Unterstützern gehörten NATO-Generalsekretär Mark Rutte und die Präsidentin der Europäischen Kommission, Ursula von der Leyen, die Rumänien ihre Unterstützung zusicherten.
Der frühere russische Präsident und heutige stellvertretende Vorsitzende des russischen Sicherheitsrates, Dmitri Medwedew, richtete eine deutliche Warnung an Europa. "Seien Sie wachsam und lassen Sie sich von nichts überraschen. Der ruhige Schlaf ist vorbei", schrieb er auf der Plattform X.
Seit Beginn der russischen Invasion in der Ukraine im Jahr 2022 wurde Rumänien laut einer Untersuchung des Institute for the Study of War von mindestens 28 Drohnenvorfällen betroffen. Allein im Jahr 2026 wurden demnach mindestens 15 Zwischenfälle registriert. Rumänien steht damit nicht allein da. Im vergangenen Jahr wurden auch aus Lettland, Litauen, Estland, Moldau, Finnland, Dänemark und Belgien sowie aus Mittelmeerländern wie Bulgarien und Griechenland Vorfälle gemeldet, bei denen Drohnen über Städten, Häfen oder anderer kritischer Infrastruktur gesichtet wurden.
Einige dieser Drohnen stammen aus der Ukraine und dürften unbeabsichtigt oder infolge russischer GPS-Störmaßnahmen vom Kurs abgekommen sein. Viele andere werden jedoch Russland zugeschrieben oder von russischen Streitkräften eingesetzt. Damit stellt sich die Frage: Seit wann häufen sich solche Drohnenvorfälle in Europa? Euronews gibt einen Überblick.
Wann haben die Drohnenangriffe begonnen?
Vor dem russischen Angriff auf die Ukraine im Jahr 2022 maßen viele Experten kleinen Drohnen nur eine begrenzte militärische Bedeutung bei. Dass sie das Kräfteverhältnis auf dem Schlachtfeld zugunsten der Ukraine verändern könnten, galt als unwahrscheinlich.
Doch bereits ein Jahr nach Kriegsbeginn zeigte sich laut einer Studie der Politikwissenschaftlerin Dominika Kunertova vom Zürcher Zentrum für Sicherheitsstudien ein anderes Bild: Tausende Drohnen – von Aufklärungs- und Kamikazedrohnen bis hin zu sogenannten Loitering Munitions – übertrafen die Erwartungen von Militärs und Verteidigungsexperten.
"Der Krieg in der Ukraine hat gezeigt, dass kleine, leichte Drohnen taktische Erfolge erzielen können", heißt es in der Studie.
Die russische Invasion wird deshalb häufig als „Drohnenkrieg“ bezeichnet. Ein Großteil der Kämpfe wird aus der Luft geführt – oft mit günstigen Einwegdrohnen, deren Herstellung nur wenige Hundert Euro kostet. Der massenhafte Einsatz unbemannter Fluggeräte habe die Kriegsführung grundlegend verändert, schreibt der ehemalige Mitarbeiter des US-Verteidigungsministeriums, Seth Cropsey, in einer Analyse der Hoover Institution.
Vor allem auf taktischer Ebene seien Drohnen zu einem entscheidenden Faktor geworden. Nach Angaben eines hochrangigen ukrainischen Militärvertreters setzt Kiew täglich bis zu 9.000 Drohnen ein, um russische Angriffe abzuwehren. Moskau reagiert mit einem ähnlich intensiven Einsatz unbemannter Systeme. Die ersten russischen und ukrainischen Drohnenvorfälle im europäischen Luftraum rückten im September 2025 verstärkt in den Fokus.
Damals drangen nach Angaben des polnischen Verteidigungsministers Władysław Kosiniak-Kamysz mindestens 19 russische Shahed-Drohnen in den polnischen Luftraum ein. Drohnen, die als Sicherheitsrisiko eingestuft wurden, seien abgefangen worden. Die betroffenen Regionen – Podlachien, Masowien und Lublin – liegen alle nahe der Grenze zu Belarus und der Ukraine.
Der polnische Ministerpräsident Donald Tusk machte Russland für die Vorfälle verantwortlich und bezeichnete die Drohnen als „direkte Bedrohung“ für die Sicherheit des Landes. Seitdem wurden ähnliche Zwischenfälle in mehreren europäischen Staaten registriert. Der Vorfall in Polen gilt jedoch als Wendepunkt, weil er Schwachstellen in den Luftverteidigungssystemen europäischer NATO-Staaten offenlegte und die Debatte über den Schutz des europäischen Luftraums neu entfachte.
Was war die Reaktion?
Im September berief sich Polen auf Artikel 4 des NATO-Vertrags und löste damit dringende Konsultationen unter den damals 32 Bündnisstaaten aus. NATO-Generalsekretär Mark Rutte initiierte daraufhin die Operation Eastern Sentry, mit der die NATO ihre Präsenz an der Ostflanke verstärkte und die Überwachung, Abwehr und Bekämpfung von Drohnen ausbaute.
Rutte betonte damals, der Drohnenvorfall in Polen sei zwar die bislang größte Häufung von Verletzungen des NATO-Luftraums gewesen, stelle jedoch keinen Einzelfall dar. "Russlands Rücksichtslosigkeit im Luftraum entlang unserer Ostflanke nimmt weiter zu", erklärte er.
Bis heute besteht das Hauptziel von Eastern Sentry darin, die Fähigkeit des Bündnisses zum Aufspüren und Abfangen russischer Drohnen zu verbessern. Nach Einschätzung des Sicherheitsexperten Charlie Edwards vom International Institute for Strategic Studies steht die NATO dabei jedoch vor einer zentralen Herausforderung: der Kostenfrage.
"Der Einsatz hunderter günstiger Drohnen kann die begrenzten und teuren Bestände an Abfangsystemen des Bündnisses rasch erschöpfen, sodass einzelne Bereiche während des Nachladens ungeschützt bleiben könnten", warnt Edwards. Zugleich werde Russland weiterhin versuchen, mögliche Schwächen und Meinungsverschiedenheiten innerhalb des Bündnisses auszunutzen. Auch die erste Reaktion der NATO auf die Drohnenvorfälle sorgte für Diskussionen.
US-Präsident Donald Trump bezeichnete die Einsätze über Polen zunächst als "Unfall". Der polnische Außenminister Radosław Sikorski widersprach dieser Darstellung auf der Plattform X deutlich. "Nein, das war kein Fehler", schrieb er und betonte, dass sich weder die Europäische Union noch die NATO und schon gar nicht Polen von Moskau einschüchtern lassen würden.
Daraufhin veröffentlichte US-Präsident Donald Trump eine vieldeutige Nachricht auf seiner Plattform Truth Social: "Was soll das, dass Russland den polnischen Luftraum mit Drohnen verletzt? Here we go!"
Der Vorfall in Polen veranlasste die Präsidentin der Europäischen Kommission, Ursula von der Leyen, in ihrer Rede zur Lage der Union die Forderungen mehrerer EU-Mitgliedstaaten aufzugreifen und den Aufbau einer "Drohnenmauer" entlang der Außengrenzen der Europäischen Union zu unterstützen. Das Vorhaben geriet jedoch ins Stocken, als weitere Drohnenvorfälle auch in EU-Staaten außerhalb der Ostflanke gemeldet wurden.
Dadurch kamen Zweifel auf, ob sich ein Schutzkonzept sinnvoll auf eine einzelne Region beschränken lässt. Die ursprüngliche Initiative sah integrierte Drohnenabwehrsysteme vor, darunter Sensornetzwerke, KI-gestützte Erkennungssysteme und weitere Maßnahmen zur Luftüberwachung. Aus diesem Ansatz gingen später mehrere Programme hervor, darunter der Aktionsplan für Drohnen und Drohnenabwehr, Eastern Flank Watch sowie die EU-Ukraine-Drohnenallianz.
Ein zentrales Ziel dieser Initiativen besteht darin, die Erfahrungen der Ukraine im Umgang mit russischen Drohnenangriffen zu nutzen und in europäische Sicherheitskonzepte zu integrieren. Europa soll dadurch besser in die Lage versetzt werden, Bedrohungen frühzeitig zu erkennen, zu verfolgen, abzufangen und zu neutralisieren. Nach Informationen aus einem internen Dokument, das Euronews einsehen konnte, stößt die bisherige Strategie der EU-Kommission jedoch auf Kritik in mehreren Mitgliedstaaten.
Die Spannungen spiegeln ein grundlegendes Problem der europäischen Verteidigungszusammenarbeit wider: Zwar besteht der Wille zur Kooperation, viele Regierungen zögern jedoch, sensible Daten und sicherheitsrelevante Informationen zu teilen, die ihre nationale Souveränität berühren könnten.
"Die Delegationen erkannten weitgehend die zunehmenden sektorübergreifenden Auswirkungen von Drohnen auf die Sicherheit an und betonten die Notwendigkeit einer verbesserten Bereitschaft, Resilienz, Aufklärung und operativen Zusammenarbeit", heißt es in dem Dokument. Zugleich werden dort anhaltende Probleme genannt, darunter die Fragmentierung bestehender Systeme, fehlender Datenaustausch, unzureichende Koordinierung sowie Schwierigkeiten bei der Verteilung von EU-Fördermitteln.
Was sind die Auswirkungen?
Für Ondřej Ditrych dienen solche Vorfälle nicht nur militärischen Zwecken. Russland versuche damit auch, Unsicherheit zu schüren und Angst in der Europäischen Union zu verbreiten. Zwar seien einzelne Grenzverletzungen oder Drohnenvorfälle mitunter unbeabsichtigt, räumt er ein. Moskau nutze sie jedoch konsequent für seine strategischen Ziele aus.
"Ein Teil dieser Strategie ist psychologische Kriegsführung", sagt Ditrych. Russland lenke ukrainische Drohnen gezielt um oder nutze entsprechende Vorfälle propagandistisch, um europäische Gesellschaften zu verunsichern, die Kriegsgefahr unmittelbarer erscheinen zu lassen und die Unterstützung für die Ukraine zu schwächen.
Nach seiner Einschätzung lässt sich in den vergangenen Jahren zudem eine deutliche Eskalation hybrider Bedrohungen beobachten. Dazu zählen Desinformationskampagnen, Versuche der Wahlbeeinflussung, GPS-Störungen, Sabotageakte, nukleare Drohgebärden sowie nicht identifizierte Drohnen über Flughäfen, Häfen und kritischer Infrastruktur.
Zu einem ähnlichen Schluss kommt die Analystin Ionela Ciolan. In einer Analyse beschreibt sie Russlands Vorgehen im Ostseeraum als "Strategie des kochenden Frosches": Durch eine Vielzahl kleiner Provokationen werde ein Zustand permanenter Unsicherheit schrittweise normalisiert, während gleichzeitig die Reaktionsfähigkeit der NATO getestet werde. Dazu gehörten auch mutmaßliche Sabotageakte an Unterseekabeln sowie Drohnenvorfälle.
Das Ziel sei, die Grenzen des Tolerierbaren auszuloten. Ciolan hält es für denkbar, dass Moskau künftig gezielt Provokationen an den Grenzen von Estland und Lettland inszeniert, um die Reaktion des Bündnisses zu testen. "Die künftige Sicherheit und Stabilität der baltischen Region wird vom Ausgang des russischen Krieges gegen die Ukraine sowie von der Entwicklung der transatlantischen Partnerschaft und der US-Verteidigungspolitik unter der Trump-Regierung geprägt werden", schreibt sie.
Auch der Politikwissenschaftler Carlo Masala beschäftigt sich mit diesem Szenario. In einem Buch entwirft er ein fiktives Zukunftsszenario für Europa und untersucht, welche Folgen ein russischer Erfolg in der Ukraine haben könnte. Dabei beschreibt er die estnische Grenzstadt Narva als möglichen Schauplatz einer weiteren russischen Expansion – begünstigt durch politische Spaltungen innerhalb der NATO.
Die Drohnenvorfälle über Polen haben bereits gezeigt, dass die Reaktionen des Bündnisses auf russische Provokationen nicht immer einheitlich ausfallen. Genau diese Uneinigkeit, so warnen viele Experten, könnte Moskau künftig gezielt auszunutzen versuchen.
Wie geht es nun weiter?
Als die litauische Hauptstadt Vilnius im vergangenen Monat nach der Sichtung einer Drohne nahe der Grenze zu Belarus praktisch zum Stillstand kam, wurden die Einwohner per Notfall-SMS aufgefordert, Schutz zu suchen.
Präsident Gitanas Nausėda und Regierungschef wurden in Schutzräume gebracht, der Flughafen vorübergehend geschlossen und mehrere Straßen gesperrt. Es war das erste Mal, dass ein Drohnenvorfall in der Europäischen Union dazu führte, dass Zivilisten offiziell aufgefordert wurden, Schutz zu suchen. Nausėda erklärte am 26. Mai, der Luftraum über den baltischen Staaten sei "nicht ausreichend sicher".
Der estnische Präsident Alar Karis warnte, solche Luftraumverletzungen und andere hybride Bedrohungen zielten darauf ab, Europa einzuschüchtern. Die Antwort müsse jedoch ruhig, koordiniert und entschlossen ausfallen. Der lettische Präsident Edgars Rinkēvičs bewertete die Vorfälle anders. Für ihn seien sie Ausdruck russischer Schwäche: Die hybriden Aktionen zeigten, dass Russland auf dem Schlachtfeld in der Ukraine nicht die gewünschten Erfolge erziele.
Währenddessen arbeitet die Europäische Union bereits an ihrem 21. Sanktionspaket gegen Russland. Der Krieg in der Ukraine dauert inzwischen mehr als vier Jahre an, und nach Angaben aus diplomatischen Kreisen hat der jüngste Drohnenvorfall im rumänischen Galați die Diskussionen über weitere Strafmaßnahmen zusätzlich beschleunigt. Die rumänische Außenministerin Oana Țoiu erklärte gegenüber Euronews, sie habe mit der EU-Außenbeauftragten Kaja Kallas über eine Beschleunigung der europäischen Reaktion gesprochen.
Auch der frühere stellvertretende NATO-Generalsekretär und ehemalige rumänische Spitzenpolitiker Mircea Geoană sprach von einem anhaltenden "Schockzustand" im Land. Zugleich betonte er, dass Rumänien seine Fähigkeiten zur Drohnenabwehr weiter ausbauen müsse.
Der litauische Verteidigungsminister Robertas Kaunas sagte Euronews, Drohnen über europäischem Territorium seien inzwischen keine Ausnahme mehr, sondern Teil einer neuen Realität. Weitere Vorfälle dieser Art seien "höchstwahrscheinlich" nur eine Frage der Zeit.