Polen schätzen die Kriegsgefahr sehr unterschiedlich ein. Im Ernstfall fürchten sie vor allem Drohnen und Raketen. NATO gilt vielen als wichtigste Sicherheitsgarantie, doch etwa jeder vierte Pole zweifelt, dass die Partner im Ernstfall helfen.
Aus einer Umfrage von Europion Polska für Euronews geht hervor, dass die Einschätzung des Kriegsrisikos in der polnischen Gesellschaft stark auseinandergeht. 38 Prozent der Befragten meinen, Polen drohe ein Krieg. 36 Prozent sehen das anders, 26 Prozent haben sich noch keine Meinung gebildet.
Die Autoren der Studie betonen, der hohe Anteil Unentschlossener zeige eine tiefe gesellschaftliche Verunsicherung: „Die Gruppe der Unentschlossenen ist so groß, dass weder von einer klaren Dominanz der Ängste noch von einer deutlichen Ablehnung des Bedrohungsszenarios die Rede sein kann.“
Besonders Menschen mittleren Alters fühlen sich bedroht. In der Altersgruppe der 30- bis 39-Jährigen sehen 49 Prozent ein Kriegsrisiko. Unter den Bewohnern ländlicher Gebiete sind es 42 Prozent, ebenso bei Menschen ohne Abitur. Paradoxerweise zeigen die Jüngsten die unsichersten Antworten: In der Altersgruppe der 16- bis 29-Jährigen gaben 32 Prozent an, keine Meinung zu haben; bei Befragten ohne Abitur waren es 33 Prozent.
Diese Angriffe fürchten Polinnen und Polen am meisten
Geht es um konkrete Szenarien, fürchten Polen vor allem Bedrohungen aus der Distanz. 25 Prozent nennen Drohnenangriffe, 21 Prozent Raketenangriffe, 17 Prozent nukleare Angriffe. Eine klassische Bodenoffensive beunruhigt deutlich weniger Menschen – nur sechs Prozent der Befragten, ebenso viele wie eine hybride Invasion „grüner Männchen“.
Die Daten zeigen deutlich: Die Vorstellung von Gefahr hängt heute stark mit Militärtechnologie zusammen – mit der Reichweite von Angriffen und der Möglichkeit, zuzuschlagen, ohne dass Bodentruppen direkt präsent sind.
Bei den jüngsten Befragten im Alter von 16 bis 29 Jahren tritt die Angst vor einem Atomangriff relativ häufiger auf: 23 Prozent nennen dieses Szenario. Dagegen fürchten sich Menschen zwischen 40 und 49 Jahren besonders vor Drohnen – hier sind es 31 Prozent.
Sicherheitsgarantien: NATO und EU als wichtigste Pfeiler
Auf die Frage nach den zentralen Pfeilern der polnischen Sicherheit fällt die Antwort eindeutig aus: die NATO. 61 Prozent der Befragten sehen die Mitgliedschaft im Bündnis als stärkste Schutzgarantie. Auf Platz zwei folgt die Mitgliedschaft in der Europäischen Union mit 31 Prozent, auf Platz drei die Stärke der polnischen Armee mit 28 Prozent. Die Modernisierung der Streitkräfte und Waffenankäufe, einschließlich des Programms SAFE, kommen auf 17 Prozent. Gute Beziehungen Nawrockis zu Trump gelten für 18 Prozent als Garantie. Gute Beziehungen der Regierung zu Partnern in Europa nennen 12 Prozent. Den Streitkräften der Territorialverteidigung vertrauen knapp sieben Prozent, dem Programm Tarcza Wschód knapp zehn Prozent.
Tarcza Wschód“ („Ostschild“) ist ein 2024 gestartetes polnisches Verteidigungsprojekt zur Sicherung der Grenze zu Russland und Belarus – eine der größten Militärmaßnahmen des Landes seit dem Ende des Kalten Kriegs.
Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass Befragte Sicherheit vor allem dem Prisma der Bündnisstrukturen vertrauen und erst danach den nationalen Fähigkeiten.
Besonders hoch schätzen Menschen über 60 Jahren die NATO: 74 Prozent. Auch bei Wählern der Koalicja Obywatelska (Bürgerkoalition), ein proeuropäisches, liberal-konservatives Parteienbündnis unter Führung der Partei von Donald Tusk, und der Trzecia Droga („Dritter Weg“), einem zentristischen Parteienbündnis, liegen die Werte mit 78 beziehungsweise 83 Prozent sehr hoch. Das unterstreicht die besondere Bedeutung der NATO in den eher proeuropäischen Wählerschaften. Zum Vergleich: Auf das nordatlantische Bündnis vertrauen 60 Prozent der nationalkonservativen PiS-Wähler (Law and Justice), einer Partei in Polen, die bis 2023 regierte und heute die größte Oppositionskraft ist. Ebenfalls auf die NATO vertrauen 52 Prozent der Anhänger der Konfederacja (einem rechtslibertären bis nationalkonservativen Parteienbündnis, das ebenfalls zur Opposition gehört) und 68 Prozent der Linken.
Welche Verbündeten helfen Polen zuerst?
Im Fall eines hypothetischen Angriffs aus dem Osten setzen die meisten Polinnen und Polen auf die Vereinigten Staaten: 32 Prozent. Deutschland, das Vereinigte Königreich und die baltischen Staaten kommen jeweils auf acht Prozent. Auffällig hoch ist die Gruppe der Skeptiker: 24 Prozent der Befragten glauben, dass kein Staat als erster Hilfe leisten würde; 17 Prozent haben keine Meinung.
Die Ergebnisse zeigen einen klaren Widerspruch: Polinnen und Polen vertrauen der NATO als Institution, haben aber deutlich mehr Zweifel, wenn es um eine konkrete Reaktion einzelner Verbündeter geht.
„Das bedeutet: Trotz der großen Bedeutung der NATO für die allgemeine Sicherheitsbewertung bleiben die Erwartungen an die Reaktion der Verbündeten weniger eindeutig. Das Ergebnis für die Vereinigten Staaten bestätigt ihre zentrale Rolle in der gesellschaftlichen Wahrnehmung von Sicherheit. Der hohe Anteil an Skepsis und fehlenden Antworten zeigt jedoch, dass das Vertrauen in die Berechenbarkeit internationaler Reaktionen begrenzt ist“, interpretieren die Autoren der Umfrage.
Wie würden sich Polen im Angriffsfall verhalten?
Die angegebenen Reaktionen sind vor allem defensiv und schützend. Interessant: Die beliebteste Option wäre keineswegs die Ausreise ins Ausland. Am häufigsten nennen Befragte, sie würden zu Hause bleiben und auf Mitteilungen der Behörden warten – 28 Prozent. 22 Prozent würden einen sicheren Ort im Landesinneren suchen. Eine Ausreise ins Ausland ziehen 19 Prozent in Betracht. Nur zehn Prozent erklären sich bereit, sich freiwillig zur Armee zu melden. Einen Einsatz im öffentlichen Dienst würden acht Prozent der Frauen und 15 Prozent der Männer übernehmen, einen militärischen Hilfseinsatz drei Prozent der Frauen und 19 Prozent der Männer.
„Diese Zahlen sind keine fertige Prognose des Verhaltens in einer Krisensituation, sondern ein Bild der dominierenden gesellschaftlichen Intuitionen. Am stärksten ist das Muster des Abwartens auf Anweisungen, der Evakuierung oder des Versteckens. Aktive Formen der Mobilisierung nennen deutlich kleinere Gruppen von Befragten“, betonen die Forscher von Europion Polska.
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Die Umfrage von Europion Polska für Euronews fand vom 27. bis 30. Mai 2026 auf einer repräsentativen Stichprobe von 1021 Personen im Alter von 16 Jahren und älter statt. Die Studie wurde als Quotenstichprobe mit Gewichtung nach Geschlecht, Alter, Bildung, Gemeindegröße und Wahlverhalten bei der Europawahl 2024 durchgeführt.