Ein elfjähriges Mädchen wurde in Frankreich getötet. Gegen den Hauptverdächtigen gibt es bereits mehrere Anzeigen wegen Sexualverbrechen, doch reagiert hatten die Behörden bisher nicht. Viele Franzosen demonstrieren nun für eine Justizreform.
In ganz Frankreich herrschen Trauer und Empörung. Der Mord an Lyhanna, einem elfjährigen Mädchen aus Fleurance im Südwesten Frankreichs, hat das ganze Land erschüttert.
In mehr als 150 Städten und Gemeinden versammeln sich vor den Gerichten Hunderttausende Menschen, um ein klares Signal zu senden. Viele sehen in der Tragödie das Versagen eines Systems, das Lyhanna und viele andere Opfer hätte schützen können – es aber nicht getan hat.
"Es ist kein Versagen eines einzelnen Gerichts, eines einzelnen Richters oder einer einzelnen Staatsanwältin. Das ganze System muss auf den Prüfstand", sagt Virginie Bordeaux, Aktivistin der Kinderschutzorganisation Collectif Enfantiste, welche die Kundgebung in Lyon mitorganisiert hat.
Das Mädchen verschwand Ende Mai. Sechs Tage später fand man sie tot auf einem nahegelegenen Bauernhof.
Hauptverdächtiger ist Jérôme Barella, ein 41-jähriger Vater einer weiteren Schülerin von Lyhannas Schule. Zuletzt sah man Lyhanna, wie sie in sein Auto stieg.
Anzeigen ohne Folgen: Tatverdächtiger bisher davongekommen
Später kam heraus, dass Barella bereits seit Jahren mehrfach wegen sexueller Gewalt gegen Minderjährige angezeigt und gemeldet worden war.
Im vergangenen August erstattete jemand Anzeige gegen ihn wegen wiederholter Vergewaltigung eines zehnjährigen Mädchens. Dennoch kam er in den folgenden neun Monaten nicht in Untersuchungshaft. Die Polizei vernahm ihn nicht einmal. Die Akte schob sich nur langsam durch die Behörden – bis es für Lyhanna zu spät war.
Für Aktivistinnen und Aktivisten ist das ein Symptom eines kaputten Systems.
"Alle Gruppen, alle Organisationen schreien das seit Jahren von den Dächern", sagt Chloé, eine junge Frau, die zur Kundgebung gekommen ist.
"Unsere Kinder werden nicht geschützt. Seit Monaten erstatten unzählige Mütter Anzeige, unzählige Eltern gehen zur Polizei. Doch die Mütter bleiben allein, niemand hört ihnen zu, niemand verteidigt sie."
Erst nachdem man die Leiche des Mädchens gefunden hatte, nahm die Polizei Barella fest und leitete ein Ermittlungsverfahren ein. Inzwischen liegen weitere Anzeigen vor. Er wird mit mindestens neun voneinander getrennten Fällen sexueller Gewalt gegen minderjährige Mädchen in Verbindung gebracht.
Franzosen demonstrieren gegen "Systemversagen"
In Frankreich ist die Empörung groß.
"Schluss, es reicht, wir haben diese lasche Justiz satt", sagt Louis, ein Mann mittleren Alters, der ein Schild mit der Aufschrift "Je suis Lyhanna" ("Ich bin Lyhanna") hochhält.
"Wenn die Anzeige der Mutter dieses kleinen Mädchens, das dieses Monster im August vergewaltigt hat, ernst genommen worden wäre, würde die kleine Lyhanna heute noch leben", sagt Virginie. "Jetzt müssen Konsequenzen folgen. Die Justiz muss ihr Vorgehen ändern. Denn so können wir das nicht hinnehmen."
Justizminister Gérald Darmanin hat sich öffentlich bei der Familie entschuldigt und eingeräumt, dass die Behörden früher gegen den Verdächtigen hätten vorgehen müssen. Die Staatsanwaltschaften in Frankreich sollen nun bis zum 14. Juli alle offenen Anzeigen prüfen, in denen Kinder betroffen sind – rund 70.000 Fälle.
Die Kundgebungen sollen Antworten erzwingen. Wie konnte ein Mann, der mehrfach wegen sexueller Gewalt angezeigt wurde, auf freiem Fuß bleiben, bis ein Kind getötet wurde? Und was muss sich ändern, damit so etwas nie wieder geschieht?