Ein viel geteiltes Video in sozialen Netzwerken zeigt ein Gerät, das eine Drohne stoppt. Nutzer rätseln: ukrainische Innovation oder russische Technik? Das Cube-Team überprüfte Herkunft und Zweck.
Seit einigen Wochen kursiert in sozialen Netzwerken ein Video. Es zeigt offenbar ein tragbares militärisches System, das eine Drohne abfängt – und löst Spekulationen über seine Herkunft aus.
Ein Blick auf die Begleittexte offenbart widersprüchliche Behauptungen. Einige Beiträge bezeichnen die Technik als in der Ukraine entwickelte Drohnen-Abfangwaffe (Quelle auf Englisch), andere schreiben sie Russland zu.
Die Zuschreibungen an die Ukraine sind irreführend. Das Gerät im Video ist die Drohnen-Abfangwaffe Yolka, ein in Russland entwickeltes unbemanntes Fluggerät zur Bekämpfung kleiner Luftziele.
Russische Truppen setzen sie ein, um ukrainische Drohnen im Zuge des großangelegten Angriffs auf die Ukraine abzufangen.
Yolka-Abfangdrohne: Was steckt dahinter?
Das Faktencheck-Team von Euronews, The Cube, hat mit Fachleuten gesprochen, die das System identifiziert haben und seine Funktionsweise erklären.
Nach Angaben von David Bacci, dem leitenden Forscher für Aerodynamik an der University of Oxford, ist die Yolka ein leichtes, tragbares Abfangsystem, das von nur einer Person bedient wird.
„Der Bediener startet sie ähnlich wie eine Rakete“, so Bacci. „Sie erreicht eine Höchstgeschwindigkeit von rund 200 km/h und wiegt weniger als zwei Kilogramm.“
Zu Beginn nutzt die Yolka nach Angaben Baccis ein elektro-optisches Leitsystem. In der Endphase des Fluges schaltet sie auf Infrarotsteuerung um.
Ihre Reichweite liegt bei unter fünf Kilometern. Damit gilt sie als Punktverteidigungswaffe, die vor allem nahe herankommende Luftziele neutralisieren soll.
Weitere Details wurden am 18. März bekannt: Sergej „Flash“ Beskrestnow, Berater des ukrainischen Verteidigungsministeriums, erläuterte die technischen Eigenschaften des Systems auf Telegram (Quelle auf Englisch).
Demnach kann die Yolka nur bei Tageslicht eingesetzt werden und arbeitet bei Regen kaum. Auch bei stark kontrastreicher Bewölkung und intensivem direkten Sonnenlicht lasse die Leistung nach.
Bacci kommt zu einem ähnlichen Urteil. Die Drohne zerstört ihr Ziel demnach durch direkten Aufprall, nicht durch eine Explosion.
„Sie bringt das Ziel schlicht durch eine Kollision zum Absturz“, sagte er. „Weil sie keinen Sprengkopf trägt, ist ihre Wirkung nur durchschnittlich. Gegen größere Ziele ist sie kaum zu gebrauchen.“
Die im Video zu sehende Explosion stammt daher sehr wahrscheinlich nicht von der Yolka selbst. Geert De Cubber, Forschungsingenieur an der Königlichen Militärakademie in Belgien, sagte The Cube, die Detonation gehe wohl auf die Sprengladung der ukrainischen Zieldrohne zurück.
„Die Yolka führt keinen Sprengkopf mit sich“, so De Cubber. „Die Explosion im Video ist daher der Nutzlast der abgefangenen Drohne zuzuschreiben.“
Auch die Ukraine hat ähnliche Systeme entwickelt. Dazu gehört die Abfangdrohne Sting, die gezielt gegen iranische Shahed-Angriffsdrohnen konzipiert wurde, die Russland in großem Umfang einsetzt.
Wie wirksam sind Abfangdrohnen?
De Cubber zufolge gewinnen Abfangdrohnen auf beiden Seiten des Krieges als Mittel zur Drohnenabwehr an Bedeutung.
„Es sind mehrere Abfangsysteme im Einsatz, darunter ukrainische Pendants“, meinte er. „In den vergangenen Jahren haben sie sich als wirksame Methode zur Bekämpfung unbemannter Luftsysteme erwiesen.“
Gleichzeitig warnte De Cubber, dass Videos in sozialen Medien kein vollständiges Bild ihrer Leistungsfähigkeit zeigen.
„Ein Abfangsystem kann relativ günstig sein, doch das hat seinen Preis“, erklärte er. „Je weniger Sensoren, Rechenleistung, Batteriekapazität und Explosivstoff an Bord sind, desto geringer ist die Trefferwahrscheinlichkeit.“
Er verwies außerdem darauf, dass Russland und die Ukraine für den Drohnenbau vielfach dieselben kommerziellen Bauteile nutzen. Schlüsselkomponenten würden dadurch knapp und schwer zu beschaffen.
„In den geteilten Videos sieht man nur erfolgreiche Abfänge“, so De Cubber. „Fehlversuche bleiben unsichtbar. Das erschwert eine realistische Bewertung der tatsächlichen Wirksamkeit dieser Systeme.“
Bacci kommt zu einem vergleichbaren Schluss und beschreibt die Yolka als System mit nur mittlerer Effektivität. Da sie auf direkten Aufprall statt auf einen Sprengkopf setzt, eignet sie sich vor allem gegen kleinere Luftziele und bleibt gegen größere Drohnen meist wirkungslos.
Herkunft des Videos
Bei genauerem Hinsehen ist in einer Ecke des Clips ein militärisches Abzeichen zu erkennen. Es gehört zum Vakha-Bataillon, einer Untereinheit von Spetsnaz Akhmat, einer tschetschenischen Formation, die an der Seite russischer Truppen in der Ukraine kämpft.
Das Vakha-Bataillon bestätigte The Cube, dass es die Aufnahmen erstellt und veröffentlicht hat.
Nach Aussage von Andre Zatirko, Journalist beim polnischen öffentlich-rechtlichen Sender TVP World, der zu den Akhmat-Einheiten recherchiert hat (Quelle auf Polnisch), wurden die Sondereinheiten Akhmat im März 2022 vom tschetschenischen Machthaber Ramsan Kadyrow aufgestellt, um sich am russischen Großangriff auf die Ukraine zu beteiligen.
Die Formation steht unter dem Kommando von Apti Alaudinow, einem engen Verbündeten Kadyrows und früheren ersten Vizeinnenminister Tschetscheniens. Nach Angaben Alaudinows stellen ethnische Tschetschenen nur rund ein Viertel des Personals. Die Mehrheit stammt aus anderen Regionen Russlands. Trotz des Namens nimmt die Einheit auch Freiwillige ohne militärische Vorerfahrung auf.
Mark Youngman, Gründer des Open-Source-Rechercheprojekts Threatologist, das sich auf russische Sicherheitsstrukturen und extremistische Bewegungen spezialisiert, erklärte, das Vakha-Bataillon sei eine von mehreren Untereinheiten unter dem Dach von Spetsnaz Akhmat.
„Spetsnaz Akhmat ist das wichtigste Instrument, um pro-russische tschetschenische Beteiligung am Krieg gegen die Ukraine zu organisieren“, so Youngman. „Die Formation ist inzwischen dem russischen Verteidigungsministerium unterstellt und besteht aus Freiwilligen aus Tschetschenien und aus ganz Russland, die an der Russischen Universität für Spetsnaz ausgebildet wurden.“
Nach Angaben von Youngman und Zatirko tragen Akhmat-Unterverbände in der Regel die Namen ihrer Kommandeure. Das Vakha-Bataillon wird von Vakha Saaew geführt, einem Cousin von Apti Alaudinow.
Youngman ergänzte, dass die Einheit nach Aussagen ihres Kommandeurs an der Front bei Charkiw operiere, seit Saaew das Kommando übernommen habe.