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Hat Großbritannien Europas höchste Wechselrate an Regierungschefs?

Von rechts: Keir Starmer (Großbritannien), Giorgia Meloni (Italien), Friedrich Merz (Deutschland), Emmanuel Macron (Frankreich) und Donald Tusk (Polen), 24. Juni 2026
Von rechts: Keir Starmer, Giorgia Meloni, Friedrich Merz, Emmanuel Macron, Donald Tusk, Regierungschefs aus GB, Italien, Deutschland, Frankreich und Polen, 24.06.26 Copyright  Michael Kappeler/DPA via AP, Pool
Copyright Michael Kappeler/DPA via AP, Pool
Von James Thomas
Zuerst veröffentlicht am
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Nach Keir Starmers Rücktritt steht Großbritannien vor dem siebten Premier seit 2016. Doch ist das tatsächlich die höchste Wechselrate Europas? Ein Vergleich der Staats- und Regierungschefs zeigt: Andere Länder waren noch instabiler.

Nach dem Rücktritt von Keir Starmer steht dem Vereinigten Königreich bereits der siebte Premierminister innerhalb von zehn Jahren bevor.

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Damit entfernt sich das Land weit von seinem früheren Ruf, im Vergleich zu anderen europäischen Staaten besonders stabile und langlebige Regierungen hervorzubringen. Grundlage dafür waren lange das Mehrheitswahlrecht, das Prinzip der Souveränität des Parlaments und eine eher evolutionäre Tradition des Regierens.

Seit 2016 haben das politische Chaos und die Polarisierung nach dem Brexit-Referendum, häufige Skandale der vorigen rechtsgerichteten konservativen Regierung und eine schwächelnde Wirtschaft dazu geführt. Kein einziger britischer Premierminister hat seitdem eine volle Legislaturperiode von einer Parlamentswahl zur nächsten überstanden, obwohl ein Zyklus eigentlich fünf Jahre dauern soll.

David Cameron, der für den Verbleib des Vereinigten Königreichs in der EU warb, trat in seiner zweiten Amtszeit im Juli 2016 nach der verlorenen Brexit-Abstimmung zurück. Theresa May gab das Amt drei Jahre später ab, nachdem sie ihr Austrittsabkommen mehrfach nicht durchs Parlament bringen konnte. Boris Johnson räumte im September 2022 den Posten nach zahlreichen Skandalen, unter anderem, weil er während der COVID-19-Lockdowns an verbotenen Feiern teilgenommen hatte.

Seine Nachfolgerin Liz Truss hielt sich nur 49 Tage im Amt. Nach dem Minihaushalt ihrer Regierung gerieten die Finanzmärkte heftig ins Wanken, sie ging als kürzest amtierende Premierministerin der britischen Geschichte in die Annalen ein.

Rishi Sunak verlor anschließend die Parlamentswahl 2024 gegen die Mitte-links-Partei Labour unter Starmer. Er war knapp zwei Jahre im Amt und beendete mit seiner Niederlage die 14-jährige Regierungszeit der Konservativen.

Nun hat Starmer selbst seinen Rücktritt angekündigt. Er stand unter Druck aus den eigenen Reihen, nachdem Labour in Umfragen abstürzte, bei Kommunalwahlen schwere Niederlagen einsteckte und seine Ernennung des britischen Botschafters in den USA für heftige Kritik sorgte.

Am wahrscheinlichsten gilt nun Andy Burnham, der frühere Bürgermeister von Greater Manchester, als neuer Parteichef der Labour-Partei und damit als nächster Premierminister. Er wäre seit 2016 bereits der siebte Regierungschef des Vereinigten Königreichs. In den sozialen Netzwerken häufen sich deshalb Behauptungen, das Land sei „unregierbar“ und habe die höchste Wechselrate an der Staatsspitze in Europa.

Andere Nutzer halten dagegen und verweisen darauf, dass es in manch anderem Land noch mehr Wechsel gibt. Sie vergleichen dabei gezielt das Amt des Premierministers – und nicht Präsidenten oder andere Staats- und Regierungschefs – über denselben Zeitraum hinweg.

Einige Beiträge behaupten, dass das Vereinigte Königreich in Europa und weltweit aus der Reihe fällt
Einige Beiträge behaupten, dass das Vereinigte Königreich in Europa und weltweit aus der Reihe fällt Euronews

Doch was davon stimmt wirklich? Wie schneidet das Vereinigte Königreich bei der Zahl seiner Staats- und Regierungschefs zwischen 2016 und 2026 im Vergleich ab?

Für einen möglichst fairen Vergleich haben wir die britischen Premierminister den Mitgliedern des Europäischen Rates gegenübergestellt, die in den vergangenen zehn Jahren in jedem EU-Land die Exekutivgewalt innehatten. Der Titel dieser Funktion unterscheidet sich: In manchen Staaten gibt es Präsidenten, in anderen Premierminister oder Kanzler.

Britische Premierminister gehörten selbst dem Europäischen Rat an, bis das Vereinigte Königreich 2020 aus der EU ausschied.

Wir haben daher nicht nur das Amt des Premierministers in jedem Land verglichen, wie es einige der Beiträge tun. Die Rolle ist quer durch Europa zu unterschiedlich. Gezählt wurde jede Person, die zwischen 2016 und 2026 irgendwann im Amt war; wer später noch einmal zurückkehrte, wurde nur einmal berücksichtigt.

Unter diesen Voraussetzungen liegt Bulgarien an der Spitze: Dort kamen zwischen 2016 und 2026 insgesamt zehn verschiedene Premierminister ins Amt – Folge jahrelanger politischer Instabilität und brüchiger Koalitionen.

Das Vereinigte Königreich und Österreich teilen sich mit jeweils sieben Regierungschefs den zweiten Platz. Eingerechnet ist dabei der kommende britische Premierminister. Kurzzeitige interimistische Kanzler in Österreich, die das Amt nur übergangsweise ausübten und nie formell vereidigt wurden, bleiben außen vor.

Italien galt lange als Musterbeispiel für Länder mit einer Fließbandproduktion an Regierungen und war berühmt dafür, seit dem Zweiten Weltkrieg Dutzende Kabinette im Schnitt fast im Jahrestakt zu wechseln – meist mit einem neuen Premierminister.Heute liegt es jedoch gemeinsam mit Lettland und der Slowakei mit jeweils fünf Regierungschefs nur auf Rang drei.

Am unteren Ende der Tabelle stehen mehrere EU-Staaten, die zwischen 2016 und 2026 nur zwei Personen an der Spitze von Staat oder Regierung hatten – darunter zwei französische Präsidenten, zwei portugiesische Premierminister und zwei spanische Premierminister.

Unterschiedliche Systeme erschweren Vergleich in Europa

In jedem Land gilt ein anderes Regierungssystem, und die Staats- und Regierungschefs in Europa kommen auf verschiedenen Wegen ins Amt. Manche Positionen sind von vornherein stabiler als andere.

In Staaten wie dem Vereinigten Königreich gibt es ein parlamentarisches System mit einem Regierungschef, dem Premierminister, und einem getrennten Staatsoberhaupt, einem Monarchen oder einer rein repräsentativen Präsidentin. Die Bevölkerung wählt das Parlament, das anschließend den Premierminister bestimmt – in der Regel die Führungspersönlichkeit der Mehrheitspartei oder einer Koalition. Premierminister und Kabinett sind dem Parlament gegenüber verantwortlich, das ihnen durch ein Misstrauensvotum die Macht entziehen kann.

In Ländern wie Zypern existiert ein Präsidialsystem, in dem ein Präsident zugleich Staatsoberhaupt und Regierungschef ist. Er wird direkt vom Volk gewählt und kann in der Regel nicht allein deshalb abgesetzt werden, weil ihm die Unterstützung im Parlament fehlt.

Andere Staaten verfügen über ein semipräsidentielles System: Ein direkt gewählter Präsident fungiert als Staatsoberhaupt und teilt sich die Exekutivgewalt mit dem Premierminister. So etwa in Frankreich und Rumänien. Premierminister und Kabinett sind sowohl dem Präsidenten als auch dem Parlament verantwortlich, das sie durch ein Misstrauensvotum zum Rücktritt zwingen kann.

Der Präsident hingegen amtiert meist für eine feste Zeit und kann nicht einfach vom Parlament abgesetzt werden, auch wenn manche Länder in Ausnahmefällen ein Amtsenthebungsverfahren in der Verfassung vorsehen.

All dies zeigt: Typisch europäisch ist vor allem die Vielfalt. Dadurch wird ein direkter Vergleich von Staats- und Regierungschefs über Ländergrenzen hinweg schwierig, denn ihre Aufgaben und Befugnisse unterscheiden sich deutlich.

So wählen die Franzosen ihren Präsidenten direkt in einer Präsidentschaftswahl. Im Vereinigten Königreich wird der Premierminister traditionell die Person, deren Partei nach einer Parlamentswahl die Mehrheit an Sitzen erobert.

Will diese Partei ihre Führung auswechseln, wie nun bei Starmer, braucht das Land keine neue Parlamentswahl. Die Regierungspartei entscheidet sich einfach für eine neue Führungspersönlichkeit, die dann automatisch das Amt des Premierministers übernimmt.

In anderen europäischen Staaten wiederum bestehen Regierungen aus fragilen Koalitionen. Zieht ein Partner seine Unterstützung zurück, kann das gesamte Kabinett stürzen. Dann muss eine neue Regierung – einschließlich Premierminister – komplett neu gebildet werden.

Vergleich von Premierministern bleibt verzerrt

Das erklärt, weshalb Beiträge, die allein die Zahl der Premierminister – und nicht die Staats- oder Regierungschefs insgesamt – in Europa und weltweit gegenüberstellen, in die Irre führen. Ihre Rolle hängt stark vom jeweiligen System ab.

Diese Beiträge vergleichen Premierminister über Ländergrenzen hinweg, doch der Befund ist nicht wirklich fair
Diese Beiträge vergleichen Premierminister über Ländergrenzen hinweg, doch der Befund ist nicht wirklich fair Euronews

Manchmal bekleiden Premierminister das höchste Amt im Staat, in anderen Systemen werden sie vom Präsidenten eingesetzt und dienen häufig als administrativer Schutzschild für das Staatsoberhaupt.

Deshalb verzeichnen auch einige Länder ohne parlamentarisches System, darunter Frankreich, in jüngerer Zeit eine Art Drehtür bei ihren Premierministern. Würde man seit 2016 allein die Wechsel an der Spitze des Premierministeramtes in Europa zählen, läge das Vereinigte Königreich nicht einmal unter den ersten drei.

Frankreich kam in diesem Zeitraum auf neun Premierminister. Hauptgrund war die politische Krise der Jahre 2024 und 2025 nach einer Parlamentswahl, die ein in drei Lager gespaltenes, blockiertes Parlament hervorbrachte. Die Patt-Situation und Haushaltsstreitigkeiten führten zu schnellen Machtwechseln: von Gabriel Attal zu Michel Barnier, dann zu François Bayrou und schließlich zu Amtsinhaber Sébastien Lecornu.

Die zehn Premierminister in Bulgarien im gleichen Zeitraum sind Ausdruck extremer politischer Zersplitterung und der Unfähigkeit der Parteien, stabile Mehrheitskoalitionen zu bilden. Im April gingen die Menschen bereits zum achten Mal in fünf Jahren an die Urnen und setzten der Dauerkrise offenbar ein Ende: Die linksgerichtete populistische Partei Progressive Bulgaria gewann einen Erdrutschsieg, Rumen Radev wurde zum Premierminister ernannt.

Rumänien wiederum hatte seit 2016 elf Premierminister, wobei jede Person nur einmal gezählt wurde, selbst wenn sie später noch einmal ins Amt zurückkehrte. Die Regierungen des Landes gelten seit Jahren als instabil; zuletzt hat ein Premierminister 2008 seine Amtszeit vollständig absolviert.

Zuletzt stürzte im Mai die Regierung von Premierminister Ilie Bolojan nach einem verlorenen Misstrauensvotum in der Folge einer politischen Krise und umstrittener Rentenreformen. Er bleibt vorerst als Übergangspremier im Amt.

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