Die EU führt eine neue Abgabe auf Kleinstimporte ein: Chinesische Plattformen wie SHEIN, Temu und AliExpress geraten unter Druck. Was bedeutet das für Kundschaft, Qualität und Marken in Europa?
Am 1. Juli ist ein pauschaler Zoll von drei Euro auf niedrigwertige E-Commerce-Importe in Kraft getreten. Bislang blieben Waren mit einem Wert von unter 150 Euro beim Import in die EU zollfrei.
Die vorläufige Maßnahme betrifft kleine Pakete, die vor allem über Online-Marktplätze in die Europäische Union gelangen. Für sie wird nun ein fester Zollbetrag fällig. Damit reagiert der EU-Rat auf das, was er als "unlauteren Wettbewerb" für europäische Händler bezeichnet – sowie auf Sorgen über unsichere Produkte, Betrug und die Umweltfolgen riesiger Mengen billiger Importe.
Der Rat stellt zugleich klar, dass der neue Zoll nicht mit der geplanten Bearbeitungsgebühr verwechselt werden darf, die derzeit im Rahmen der umfassenden EU-Zollreform und des langfristigen Haushalts verhandelt wird. Diese Gebühr soll voraussichtlich bei zwei Euro liegen. Auch sie wäre ein weiterer Einschnitt für Chinas E-Commerce-Branche.
"Der Handlungsdruck war so groß, dass es einen breiten politischen Konsens gab", sagte der niederländische EVP-Abgeordnete Dirk Gotink Euronews. Die Umsetzung habe sich jedoch hingezogen, "weil die Staaten nur sehr zögerlich akzeptiert haben, dass man die europäischen Zollsysteme zusammenführen muss, wenn man etwas gegen die Flut nicht konformer Fast-Fashion-Produkte tun will".
Ein lukratives Steuerschlupfloch
Jedes Jahr erreichen mehr als zwei Milliarden E-Commerce-Pakete mit einem Warenwert von unter 150 Euro die EU. Das belastet die Zollinfrastruktur erheblich. Bis zu 65 Prozent der Sendungen kommen mit falschen Wertangaben oder ohne geprüfte Sicherheitsunterlagen an. Die enorme Menge erschwert Kontrollen an den Außengrenzen und erhöht den politischen Handlungsdruck.
"Ich denke, nur 0,006 Prozent der Pakete werden überhaupt vom Zoll geprüft. Die Masse der Produkte, die nach Europa kommt, macht es unmöglich, alle zu testen", schätzt Laura Clays, Sprecherin der belgischen Verbraucherschutzorganisation Testachats. "Es gelangen deutlich zu viele nicht konforme Produkte auf den Markt."
Jahrelang konnten Unternehmen wie SHEIN ein Nullzoll-Umfeld nutzen, indem sie Einzelbestellungen direkt aus China verschickten. Grundlage dafür war die sogenannte De-minimis-Regel. Sie sieht vor, dass Sendungen mit geringem Warenwert – in der EU bislang alles unter 150 Euro – zollfrei bleiben.
Unternehmen nutzten dieses Schlupfloch, um bis zu zwölf Prozent Einfuhrzölle zu sparen. Dadurch blieben Versand und Produktion künstlich günstig, während sich die Anbieter zugleich weitgehend der europäischen Aufsicht entzogen. Das System leitete zudem Milliarden Euro an unversteuerten Einzelhandelsumsätzen in chinesische Logistikstrukturen.
SHEIN etwa erzielte mit diesem Modell weltweit mehr als 30 Milliarden Euro Umsatz und umging dabei Abgaben auf Importe in die EU. Durch eingesparte Zölle von bis zu zwölf Prozent konnten ausländische Plattformen europäische Händler deutlich unterbieten, die mit erheblich höheren Fixkosten von 30 bis 50 Prozent pro Kleidungsstück arbeiten.
Gotink nennt das "Steuervermeidung im industriellen Maßstab".
Sicherheits- und Umweltprobleme
"Fast Fashion hat den Second-Hand-Markt in Europa zerstört und sorgt für massiven unfairen Wettbewerb für europäische Modemarken. Die Steuerzahler zahlen am Ende einen hohen Preis: Fast-Fashion-Produkte können Chemikalien enthalten, die in Europa nichts verloren haben, etwa PFAS", sagte Gotink.
Unabhängige Tests europäischer Verbraucherorganisationen, darunter Testachats, ergaben laut Clays, dass "rund 70 Prozent der Produkte nicht oder nicht vollständig allen EU-Sicherheitsanforderungen entsprechen".
Eine Untersuchung von Greenpeace Deutschland kam zudem zu dem Ergebnis, dass 32 Prozent der geprüften Textilien illegale Konzentrationen gefährlicher Stoffe enthielten. Dazu zählten Schwermetalle, Formaldehyd und PFAS-"Ewigkeitschemikalien" in Jacken – teils in Mengen bis zum 3.300-Fachen des europäischen Grenzwerts.
Auch Kontrollen von Spielzeug und Kinderkleidung deckten schwere Verstöße auf. Einige Artikel hatten gefährliche Formen oder lose Teile, die ein erhebliches Erstickungsrisiko darstellten.
"Der internationale Online-Handel bietet Verbrauchern viele Chancen. Aber jedes Produkt, das auf den EU-Markt kommt, muss die Anforderungen an Sicherheit, Verbraucherschutz und Umwelt erfüllen. Genau darum geht es uns: Produkte, die nach Europa gelangen, sollen die gleichen Standards einhalten wie Waren, die in der EU hergestellt werden", sagte Clays.
Auch die Umwelt wird durch die Hyperproduktion von Ultra-Fast-Fashion stark belastet. Milliarden einzeln verpackte Produkte werden per Flugzeug direkt aus chinesischen Fabriken zu den Kunden gebracht – mit deutlich höheren Emissionen als beim gebündelten Transport per Schiff.
Was die EU erreichen will
"Die EU und vor allem die Mitgliedstaaten müssen massiv in ihre Kontrollen investieren, damit sie die Produkte, die auf den europäischen Markt kommen, tatsächlich überwachen können", fordert Gotink.
Der neue Pauschalzoll von drei Euro wird je nach Art des Artikels fällig. Er richtet sich nach der jeweiligen Warennummer im Harmonisierten System. Enthält ein Paket beispielsweise ein Textil, ein Paar Schuhe und ein Technikprodukt, lösen drei unterschiedliche Codes einen Gesamtzoll von neun Euro aus. Befinden sich mehrere Artikel derselben Kategorie im Paket, werden die drei Euro nur einmal berechnet.
Die Regelung gilt für Händler außerhalb der EU, die im Import-One-Stop-Shop-System für die Mehrwertsteuer registriert sind. Über dieses System laufen 93 Prozent aller E-Commerce-Importe in die EU. Die Behörden stützen sich dabei auf digitale Verkaufsdaten, die direkt an sie übermittelt werden.
Eine weitere wichtige Änderung betrifft die rechtliche Verantwortung. Bisher galten Kunden formal als "Importeure", wenn sie Waren von außerhalb der EU bestellten. Stellte sich heraus, dass ein Kleid von SHEIN oder ein Spielzeug von Temu verbotene Chemikalien enthielt oder ein Erstickungsrisiko darstellte, lag die Haftung formal bei den Käufern. Die Plattformen traten lediglich als "Vermittler" ohne Produktverantwortung auf.
Seit dem 26. März hebt die Reform des EU-Zollkodex diesen Schutz auf, indem sie digitale Marktplätze rechtlich als "fiktive Importeure" einstuft. Als anerkannte Importeure haften sie nun nach den EU-Produktsicherheitsvorschriften, einschließlich der Allgemeinen Produktsicherheitsverordnung. Sie müssen Sicherheitsnachweise und Chemikalientests vorlegen und riskieren bei Verstößen empfindliche Geldbußen oder Marktausschlüsse.
Die neue Abgabe gilt, bis ein umfassenderes und dauerhaftes System für niedrigwertige Importe greift, das die EU im November 2025 als Teil der breiteren Zollreform beschlossen hat. Im Jahr 2028 soll ein permanenter EU-Zolldatenhub starten. Er schafft die 150-Euro-Freigrenze vollständig ab und besteuert jede Sendung dynamisch ab dem ersten Cent.
Für Verbraucher: teurer, aber sicherer
Für europäische Online-Kunden bedeuten die neuen Regeln höhere Preise und längere Lieferzeiten.
Eine typische Billigbestellung im Wert von 20 Euro kann künftig leicht auf mehr als 30 Euro steigen. Kauft jemand etwa ein Sommerkleid für zehn Euro und eine Sonnenbrille für zehn Euro, fallen zwei getrennte Kategorienzölle von jeweils drei Euro an – zusammen also sechs Euro. Kommt die geplante Bearbeitungsgebühr von zwei Euro hinzu, liegt der Endpreis an der Kasse bei 28 Euro. Das entspricht einem Aufschlag von rund 40 Prozent.
Da die Zollbehörden jede Sendung digital prüfen müssen, drohen Rückstaus an den Außengrenzen. Wer bislang innerhalb einer Woche per Luftfracht aus asiatischen Lagern beliefert wurde, könnte künftig länger warten, bis der Zoll die Warencodes kontrolliert hat.
Langfristig könnten Verbraucher dennoch profitieren. "Wenn dadurch mehr nicht konforme Produkte abgefangen werden oder Hersteller und Händler ihre Waren vor dem Einstellen ins Netz stärker an europäische Vorschriften anpassen, ist das ein Gewinn", sagte Clays.
Die Reform stärkt außerdem den Schutz vor gefährlichen Produkten. Da Plattformen nun rechtlich als Importeure gelten, sinkt das Risiko, unbemerkt riskante Waren zu kaufen – etwa Kinderkleidung mit giftigen Chemikalien oder Billigspielzeug mit verschluckbaren Kleinteilen. Zudem sollen unangekündigte Nachzahlungen beim Paketboten entfallen, weil alle Abgaben bereits beim Online-Checkout fällig werden.
Für Unternehmen: fairere Wettbewerbsbedingungen
Apps wie SHEIN, Temu und AliExpress müssen die neuen Milliardenkosten für Zölle und Regulierung nun entweder selbst tragen oder riskieren, preissensible Kunden durch höhere Endpreise zu verlieren.
Um ihre Geschäftsmodelle zu sichern, dürften sie gezwungen sein, vom Direktversand per Luftpost abzurücken und stärker in große Lager innerhalb der EU zu investieren. Experten schätzen, dass dieser Wechsel zu regionalen Verteilzentren bis zu 40 Prozent der Gewinnmargen kosten könnte. Bei Verstößen gegen die Auflagen drohen zudem Strafzahlungen von bis zu sechs Prozent des jährlichen Importvolumens.
Die neue Politik hat auch Folgen für Chinas Handelsstrategie. Chinesische grenzüberschreitende Online-Exporte erreichten 2025 einen Wert von 2,75 Billionen Yuan, umgerechnet rund 350 Milliarden Euro. Plattformen wie SHEIN und Temu zählen zu den wichtigsten Wachstumstreibern der chinesischen Wirtschaft.
Für europäische Unternehmen hingegen schafft die Reform fairere Bedingungen, weil sie den künstlichen Preisvorteil von Händlern außerhalb der EU verringert.
Stationäre Händler und europäische Online-Shops könnten wettbewerbsfähiger werden, wenn die bislang 2,3 Milliarden unverzollten Pakete pro Jahr in die regulären Steuersysteme einbezogen werden.
Europäische Fast-Fashion-Ketten wie Zara und H&M können ihre lokalen Lieferketten besser nutzen und Regale schneller auffüllen als Wettbewerber aus Übersee, die mit zusätzlichen Hürden an der Grenze konfrontiert sind. Auch Marken, die auf Langlebigkeit und die Einhaltung der EU-Nachhaltigkeitsstandards setzen, dürften für Verbraucher attraktiver werden.
"So, wie der Fast-Fashion-Sektor heute funktioniert, ist er als Geschäftsmodell schlicht nicht tragfähig. Ich hoffe, wir können die nicht konformen und viel zu billigen Warenströme stoppen, bei denen Konsumgüter einmal genutzt und dann weggeworfen werden", sagte Gotink.