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Tatwaffe in Berlin gekauft? Hintergründe der tödlichen Schüsse in Wohngruppe in Stade

Polizeibeamte sichern am Montag, dem 29. Juni 2026, nach einer Schießerei in Stade den Tatort.
Polizeibeamte sichern am Montag, dem 29. Juni 2026, nach einer Schießerei in Stade den Tatort. Copyright  AP Photo
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Von Nela Heidner
Zuerst veröffentlicht am Zuletzt aktualisiert
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Eine Bluttat hat Stade in Niedersachsen erschüttert: In einer Mutter-Kind-Wohngruppe erschießt ein Mann sechs Menschen. Nach Angaben der Ermittler steht die Tat im Zusammenhang mit einem Sorgerechtsstreit, den die mutmaßliche Patentante des Kindes in einem 20-seitigen Brief beschrieben haben soll.

Vier Frauen und zwei Männer, allesamt Sozialarbeiter bzw. Mitarbeiter einer Mutter & Kind-Einrichtung, sind am Montag in Stade, einer Hansestadt in Niedersachsen mit knapp 50.000Einwohnern, erschossen worden. Drei der Opfer waren für einen Termin in der Mutter-Kind-Einrichtung extra aus Hannover angereist. Stade liegt etwa 45 Kilometer westlich von Hamburg am Unterlauf der Elbe und gehört zur Metropolregion Hamburg.

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Wie der Nordddeutsche Rundfunk am Mittwoch berichtetete, soll der Verdächtige eine Woche vor der Tat eine Waffe gekauft haben. Für die Beretta Modell 70 habe der 45-Jährige etwa 4000 Euro bezahlt haben. Dafür habe es neben der Waffe auch 21 Schuss Munition bekommen, so der NDR. Der Mann wurde in ein Gefängnis gebracht.

Staatsanwaltschaft sieht Mordmerkmale erfüllt

Nach Angaben der Polizei, die eine Mordkommission eingerichtet hat, steht die Tat wohl im Zusammenhang mit einem Sorgerechtsstreit. Der Tatverdächtige, ein 45-jähriger türkischer Staatsangehöriger, hatte in der Einrichtung einen Termin, bei dem es um seine drei Monate alte Tochter ging. Nach Informationen des WDR handelte es sich dabei um ein sogenanntes Hilfeplangespräch.

Ein Hilfeplangespräch ist ein zentrales Verfahren der Kinder- und Jugendhilfe in Deutschland. Es dient dazu, gemeinsam zu besprechen, welche Unterstützung ein Kindoder eine Familie benötigtund wie diese Hilfe gestaltet werden soll.

Im Zusammenhang mit einem Sorgerechtsstreit kann ein Hilfeplangespräch dazu dienen, den Unterstützungsbedarf der Familie zu besprechen oder Entscheidungen über das Wohl des Kindes vorzubereiten.

Kriminaltechniker sichern am Montag, dem 29. Juni 2026, nach dem Angriff auf Mitarbeiter eines Mutter & Kind Heimes in Stade Spuren auf einer Straße .
Kriminaltechniker sichern am Montag, dem 29. Juni 2026, nach dem Angriff auf Mitarbeiter eines Mutter & Kind Heimes in Stade Spuren auf einer Straße . AP Photo

Der Vater galt als auffällig, weshalb das Gespräch in größerer Runde stattfinden sollte. Zwar war der Tatverdächtige den Behörden bereits wegen Bedrohungsdelikten bekannt, nach Angaben der Polizei wurde er im polizeilichen System jedoch nicht als gewalttätig eingestuft.

Das Baby war zuvor aus der Familie genommen worden. Unter bestimmten Auflagen durfte es zur Mutter zurückkehren – allerdings nicht an ihren Wohnort in Hannover, sondern in eine Jugendhilfeeinrichtung in Stade.

Die Mutter des Kindes, eine 34-Jährige, sowie das Kind blieben bei dem tödlichen Angriff unverletzt – offenbar hatte der Vater gezielt auf die Mitarbeiter geschossen, die versucht hatten, zu vermitteln.

Nach der Tat stoppten Polizeischüsse dann ein fliehendes Fahrzeug mit dem mutmaßlichen Schützen und einer 65-jährigen Frau, die den Wagen gesteuert hatte. Nach aktuellem Ermittlungsstand besteht zwischen der Frau und der Familie des Tatverdächtigen eine enge Verbindung. Einzelne Medien beschrieben sie als die Patentante des Kindes. Sie wurde laut Behörden ebenfalls von der Polizei vernommen. Nach Angaben der Staatsanwaltschaft wurde sie zusammen mit einer weiteren Frau aus dem polizeilichen Gewahrsam entlassen. Gegen Sie wurde keine Untersuchungshaft angeordnet.

Die Staatsanwaltschaft gab außerdem an, sie sehe mit der Tat die Mordmerkmale der Heimtücke sowie der niedrigen Beweggründe als erfüllt an. Dem Verdächtigen wird auf dieser Grundlage sechsfacher Mord vorgeworfen.

Bekannte soll Medien vor Tat über Streit informiert haben

Einem Bericht des TV-Senders RTL zufolge soll die mutmaßliche Fahrerin und Patenten nur wenige Tage vor der Tat einen Brief an verschiedene Medien versendet haben. Der Brief soll 20 Seiten umfassen und den Sorgerechtsstreit aus Sicht des Verdächtigen schildern.

Außerdem soll die Frau darin schwere Vorwürfe gegen das Jugendamt, weitere Behörden und auch gegen die Medizinische Hochschule Hannover erheben. Als Titel des Briefs wird "Chronologie ienes Albtraums" angegeben. Das Schreiben soll aber nicht die Merkmale einer Tatandrohung tragen. Den Vater hingegen, also den mutmaßlichen Angreifer, soll die Frau als fürsorglich bezeichnet haben.

Mutmaßlicher Täter hatte das Baby offenbar "geschüttelt"

Bei dem mutmaßlichen Täter handelt es sich um Fatih Khan G. aus Garbsen bei Hannover, einen Mann, der in Deutschland geboren wurde und die türkische Staatsangehörigkeit besitzt. Der Mann soll nach Recherchen des Spiegel sein drei Monate altes Kind geschüttelt haben. Das Kind sei von einem Arzt behandelt worden, der entsprechende Verletzungen des Kindes festgestellt haben soll.

Die Mutter soll von dem Mann bereits getrennt gewesen sein. Auch sie wurde von der Polizei in Gewahrsam genommen und befragt. Das Baby wurde in die Obhut des Jugendamtes übergeben.

Nach Informationen des WDR soll der mutmaßliche Täter einem größeren Clan aus Hannover angehören. Auf einer Pressekonferenz erklärten Polizei und Innenministerium jedoch, dass ihnen keine Hinweise auf eine Clan-Zugehörigkeit bekannt seien.

Die Tat hat deutschlandweit große Bestürzung ausgelöst. Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) schrieb auf X: "Die Nachricht aus Stade erschüttert bis ins Mark." Viele derjenigen, die helfen und schützen wollten, hätten ihr Leben verloren oder seien verletzt worden.

Am Dienstag äußerte sich auch Bundesinnenminister Alexander Dobrindt (CSU) zu der Tat und drückte sein Bedauern und Mitgefühl aus. Das können einen Menschen „nur sprachlos“ zurücklassen, hob Dobrindt hervor. Die Tat habe ihn „stark betroffen gemacht“, seine Gebete seien mit den Opfern der Gewalttat.

Auch Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier äußerte seine Anteilnahme und dankte den Einsatzkräften sowie den Ärzten.

Niedersachsens Ministerpräsident Olaf Lies (SPD) bezeichnete den Schusswaffenangriff als "erschütternd" und erklärte, die gesamte Landesregierung sei tief betroffen. Zugleich bat er darum, keine voreiligen Schlüsse zu ziehen und den Ermittlungen Raum zu geben. Jetzt sei "Zeit für Trauer, Anteilnahme und sachliche Ermittlungsarbeit – nicht für Spekulationen und Verunsicherung".

Innenministerin Daniela Behrens (SPD) sprach von einem "entsetzlichen Tag für Stade und ganz Niedersachsen". Sechs Menschen seien "auf brutale Weise aus dem Leben gerissen" worden. Das Leid sei schwer zu begreifen und kaum in Worte zu fassen. Die Tat werde die Stadt lange beschäftigen und Spuren hinterlassen. Sie sprach allen Betroffenen ihre Anteilnahme aus.

Gegen den mutmaßlichen Täter wurde am Dienstagabend Haftbefehl erlassen. Die Staatsanwaltschaft bewertet die Taten aufgrund des Vorliegens von Mordmerkmalen, insbesondere Heimtücke und niederen Beweggründen, als sechsfachen Mord.

Unterdessen dauern die Spurensicherungsarbeiten am Tatort mit hoher Intensität an. Die Schüsse fielen in einem Backsteinhaus in einer ansonsten ruhigen Wohngegend. Die Polizei hat die Straße über eine Länge von rund 200 Metern abgesperrt.

Das Geschehen sorgt auch in internationalen Medien für hohe Aufmerksamkeit.

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