Der Streit zwischen der Ukraine und Polen sogt fast täglich für neue Schlagzeilen. Jetzt wird der Leiter der polnischen Präsidialkanzlei, Zbigniew Bogucki, von der NGO Myrotworeć als "Feind der Ukraine" gelistet. Was steckt dahinter?
Zbigniew Bogucki, ein enger Mitarbeiter von Polens Präsident Karol Nawrocki und Leiter der polnischen Präsidialkanzlei, ist von einer ukrainischen Organisation auf die Liste der "Feinde der Ukraine" gesetzt worden.
Myrotworeć – das Zentrum für die Erforschung von Straftaten gegen die nationale Sicherheit der Ukraine und den Frieden - ist seit mehr als einem Jahrzehnt aktiv. Die Organisation sammelt und dokumentiert Fälle, die sie als Angriffe auf den ukrainische Staat einstuft.
Die Arbeit dieser nichtstaatlichen Einrichtung sorgt seit Jahren für Kontroversen, auch in der Ukraine selbst. Vor allem die Praxis, personenbezogene Daten der gelisteten Personen zu veröffentlichen, kritisieren Menschenrechtsorganisationen immer wieder.
Streit um Helden-Pantheon und Stepan Bandera
Der unmittelbare Anlass für die Aufnahme des Kanzleichefs in die Liste waren seine Äußerungen vom 1. Juli 2026. An diesem Tag kommentierte Bogucki den Vorschlag von Präsident Wolodymyr Selenskyj, einen Nationalen Pantheon der Ukraine zu schaffen – eine Initiative, die Menschen ehren soll, die in verschiedenen Epochen für die Unabhängigkeit des Landes gekämpft haben.
Zbigniew Bogucki betonte, der Plan sei eine souveräne Entscheidungen des ukrainischen Parlaments. Zugleich kritisierte er jedoch eine mögliche Glorifizierung von Stepan Bandera. Die Verherrlichung von Personen, die für "unmenschliche Verbrechen des Völkermords in Wolhynien und Małopolska Wschodnia“ verantwortlich seien, führe nach seiner Einschätzung nicht in Richtung "westlicher Welt“, nicht zu Zivilisation und gemeinsamen europäischen und transatlantischen Werten. Dabei stimme ihm sowohl Präsident Karol Nawrocki zu als auch, seiner Meinung nach, die überwiegende Mehrheit der Menschen in Polen.
Nach Einschätzung der Verantwortlichen von Myrotworeć verschärfte vor allem die Verwendung des Begriffs "Małopolska Wschodnia" den Konflikt. Vertreter der Organisation verweisen darauf, dass die Bezeichnung aus der Zeit der Zweiten Polnischen Republik stammt; damals erkannten die polnischen Behörden Namen wie "Westukraine“ oder "Ostgalizien“ nicht an.
Der Begriff "Małopolska Wschodnia“ war in der Zwischenkriegszeit tatsächlich gebräuchlich. Er bezog sich auf drei südostliche Woiwodschaften des damaligen Polen – Lwiw, Tarnopol und Stanislau – die überwiegend von Ukrainerinnen und Ukrainern bewohnt waren.
Die Benennung sollte die frühere Bezeichnung Ostgalizien ersetzen. Schon damals war sie umstritten, denn diese Gebiete gehörten historisch nie zu Kleinpolen. Heute liegt der Großteil dieser Region auf dem Staatsgebiet der Ukraine; nur ein kleiner Teil befindet sich innerhalb der polnischen Woiwodschaft Vorkarpaten. Der Ausdruck taucht bis heute in wissenschaftlicher Literatur und historischen Publikationen auf, die sich mit dem Völkermord an der polnischen Bevölkerung durch ukrainische Nationalisten beschäftigen.
Bogucki steht damit in einer Reihe mit anderen polnischen Politikern, die Myrotworeć bereits zuvor als "Feinde der Ukraine" aufgelistet hat - wie etwa Spitzen der Konfederacja, Sławomir Mentzen und Krzysztof Bosak, sowie Grzegorz Braun, Chef der Konfederacja Korony Polskiej.
Bogucki: "Ich bin kein Feind der Ukraine“
Der Leiter der Präsidialkanzlei reagierte mit einer ausführlichen Erklärung, die er auf der Plattform X veröffentlichte. An die Organisation gerichtet schrieb er: "Ich antworte diesem eigentümlichen Kreis so: Ich werde weiter tun, was gut und richtig ist, schlicht das Menschliche. Ich werde Menschen unterstützen, die in der Ukraine unter den russischen Horden leiden, die Putins neoimperialistische Politik umsetzen.“
Bogucki kündigte zugleich an, seine Haltung gegenüber der Organisation Ukrainischer Nationalisten (OUN) und der Ukrainischen Aufständischen Armee (UPA) nicht zu ändern: "Ich werde ukrainische Chauvinisten aus UPA und OUN weiterhin beim Namen nennen: Verbrecher, die einen bestialischen Völkermord an der Zivilbevölkerung verübt haben – an Kindern, Frauen und älteren Menschen in Wolhynien und Małopolska Wschodnia. Diese Gebiete sind heute integraler Bestandteil der Ukraine.“ Der Politiker fügte hinzu, er werde nie einen Kult um die Täter dieser Verbrechen akzeptieren oder sie"„Helden“ nennen und forderte stattdessen eine würdige Bestattung der Opfer der Bewegung um Stepan Bandera – der polnischen wie der Angehörigen anderer Nationalitäten.
Bogucki erinnerte in seinem Beitrag auch an sein eigenes Engagement für die Ukraine nach Kriegsbeginn. Als Vorsteher der Woiwodschaft Westpommern koordinierte er – wie er betonte – Hilfe für Kriegsflüchtlinge, die in einem "beispiellosen Ausmaß“ von staatlicher Verwaltung, Kommunen, Nichtregierungsorganisationen und tausenden von Polen geleistet wurde. Privat sei er, knapp zwei Monate nach Kriegsbeginn, zusammen mit Freunden mit einem Hilfstransport in die Ukraine gefahren, und er fügte seinem Eintrag ein Foto dieser Reise bei.
Abschließend schrieb Bogucki: "Ich bin also kein Feind der Ukraine. Ich bin jedoch ein Feind des Anhänger Banderas, der historischen Lügen und der Versuche, die in Massengräbern liegenden Opfer des ukrainischen Chauvinismus zu verschweigen. Ich bin auch ein Feind von Putins Russland.“ Teile der ukrainischen Öffentlichkeit müssten "sich der historischen Wahrheit und der Wahrheit über die aktuellen Ereignisse stellen und ihren Antipolonismus überwinden“.
Der Leiter der Präsidialkanzlei bewertete auch das Vorgehen der Behörden in Kyjiw als konfrontativ und verwies dabei auf die Haltung von Präsident Nawrocki: "Polen, der Präsident der Republik Polen, wird dem niemals zustimmen. Denn, wie er sagte, ‚wir lassen die Unseren nicht zurück‘. Die Stimme der Opfer ruft weiterhin."