Russland sucht neue Routen für Schiffe aus dem Asowschen Meer. Ukrainische Drohnen treffen in weniger als zwei Wochen über 100 russische Öl- und Frachtschiffe und isolieren die besetzte Krim weiter.
Ukrainische Streitkräfte haben nach Angaben aus Kyjiw in den vergangenen acht Tagen mindestens 105 russische Schiffe im Asowschen Meer angegriffen. Die Angriffe sind Teil einer verschärften Kampagne, mit der die von Russland besetzte Krim von ihren Versorgungswegen abgeschnitten werden soll.
Nach Angaben des ukrainischen Generalstabs und des Kommandeurs der ukrainischen Streitkräfte für unbemannte Systeme (USF), Major Robert "Magyar" Brovdi, trafen seine Einheiten zuletzt in nur einer Nacht zehn Schiffe. Darunter befanden sich Fähren und Tanker, mit denen Russland Öl und andere Treibstoffe transportiert und nach ukrainischen Angaben Sanktionen umgeht. "Die Umschlagsinfrastruktur der Halbinsel bekommt jede Nacht neue Stiche ab. Der Verkehr durch die Meerenge steht still, das Löschen von Fracht ist auf ein Minimum zurückgegangen", schrieb Brovdi am Montag auf Telegram.
Er bezog sich dabei auf die Straße von Kertsch und die Logistik, über die die von Russland besetzte Krim versorgt wird. Das US-amerikanische Institute for the Study of War (ISW) berichtet, dass die ukrainischen Streitkräfte ihre Angriffe auf Schiffe im Asowschen Meer seit vergangenem Montag deutlich intensiviert haben. Ziel sei es, Russland daran zu hindern, sich an die ukrainischen Angriffe auf die Landverbindungen zwischen Russland und der besetzten Krim anzupassen. Diese Attacken hätten bereits zu erheblichen Benzinknappheiten geführt.
"Die ukrainischen Angriffe auf russische Benzintransporte auf See in der vergangenen Woche markieren eine neue Phase in den Bemühungen Kyjiws, die besetzte Krim vom russischen Logistiknetz abzuschneiden und die russischen Seehandelsrouten zu stören, insbesondere für Erdölprodukte und Getreide", erklärte das ISW. Das Asowsche Meer liegt zwischen Russland, der Südküste der Ukraine, die seit 2022 von russischen Truppen besetzt ist, und der von Russland annektierten Krim. Für Russland ist das Asowsche Meer eine wichtige Exportroute.
Über die Gewässer versorgt Moskau die besetzte Krim und verschifft Agrarprodukte, darunter nach ukrainischen Angaben auch Getreide aus besetzten Gebieten der Ukraine.
Krim-Versorgung gerät ins Stocken
Die erfolgreichen ukrainischen Angriffe mit weitreichenden und mittleren Waffensystemen sorgen in kremlnahen Medien für Panik und Empörung. Von Moskau unterstützte Militärblogger stellen inzwischen Russlands "unzureichende Luftverteidigung" und die "schlechten Entscheidungen" des Kreml infrage.
Beides habe Russland und die besetzten Gebiete der Ukraine anfällig für ukrainische Angriffe gemacht. Ein prominenter russischer Militärblogger machte am Sonntag die "offenkundige Nachlässigkeit" der Moskauer Behörden für die Krise verantwortlich, die die ukrainischen Angriffe im Westen und in anderen Regionen Russlands ausgelöst hätten. Der Kreml werde diese Probleme nicht kurzfristig lösen können, betonte er. Andere Beobachter berichten, Russland habe große Schwierigkeiten, seine Tanker im Asowschen Meer vor ukrainischen Drohnen zu schützen.
Hauptgrund sei das Fehlen eines einheitlichen Schutzsystems für die Schifffahrt. Das ISW kommt in seiner Analyse der ukrainischen Strategie im Asowschen Meer zu dem Schluss, dass "Russlands Unfähigkeit, seine Luftverteidigung an die sich rasant entwickelnde Drohnenkriegsführung anzupassen, die den Krieg in der Ukraine seit Jahren prägt, nicht mit dem Angriffs- und Abwehrwettlauf Schritt hält, der die Schlagkampagnen beider Seiten bestimmt."
Moskau verlegt Schiffsverkehr aus dem Asowschen Meer
Russland erklärte am Dienstag, nach "alternativen Schifffahrtsrouten" zu suchen und den Schiffsverkehr im Asowschen Meer angesichts der zunehmenden ukrainischen Angriffe einzuschränken. "Alternative Schifffahrtsrouten werden derzeit gemeinsam mit den zuständigen Behörden und der Wirtschaft ausgearbeitet", teilte das russische Landwirtschaftsministerium mit.
Das Ministerium betonte, die Exporte würden uneingeschränkt fortgesetzt. "Die Lage im Asowschen Meer wird weder die Versorgung des Binnenmarkts mit Lebensmitteln noch die Exportmöglichkeiten unseres Landes beeinträchtigen", hieß es weiter.
Das russische Verkehrsministerium erklärte, man ergreife "alle notwendigen Maßnahmen, um einen reibungslosen Ablauf der Frachtlogistik zu gewährleisten". Zugleich räumte das Ministerium ein, dass die Zahl der Angriffe weiter zunehme.
Außenminister Sergej Lawrow erklärte, der Kreml arbeite daran, die Angriffe zu stoppen.